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Donnerstag, 13. Dezember 2012

Big Data: Gemeinsame Interessen von Staat und Unternehmen zu Lasten der Bürger?

Update 14.12.2013

Wer gedacht hat, er könne sich durch Transferieren seiner privaten Daten von US-Servern auf deutsche oder europäische Server vor dem Datenscanning der amerikanischen Regierung schützen, wird diese aktuelle Golem-Nachricht mit Interesse gelesen haben. Auch hierzulande werden also zukünftig Geheimdienste die Cloud-Inhalte ohne öffentliche Kontrolle abgreifen dürfen. Assange und Appelbaum weisen zu Recht darauf hin, dass es keinem Richter mehr möglich ist zu kontrollieren, ob seine Vorgaben zur Durchsuchung eingehalten werden.


Vor einigen Tagen stolperte ich über die Meldung einer russischen News-Seite. Dort wurde beschrieben, wie US-amerikanische Nahverkehrsbetriebe beginnen würden, die Gespräche der Passagiere in ihren Bussen komplett aufzuzeichnen. Dies diene - natürlich - der Sicherheit der Passagiere. Wie sieht aber die Abwägung des persönlichen Interesses am Schutz personenbezogener Daten und dem Interesse der ÖPNV-Betriebe an erhöhter Sicherheit in ihren Bussen aus?

Ist das Netz eine Ansammlung von (überwiegend) privaten Daten, die für neue Geschäftsmodelle aber auch für soziale Netzwerke genutzt werden können (bzw. erst durch diese anfallen) oder aber dienen diese Daten allein dem Zweck der ganzheitlichen Überwachung der Menschen unabhängig davon, ob sie in Demokratien oder autoritären Regimen leben?

Im Kern geht es um die politische, wissenschaftliche und ökonomische Nutzung privater Daten. Eigentlich wäre aber auch stattdessen die vollständige Nutzung allein der öffentlichen/staatlichen Daten denkbar. Diese gänzlich gegensätzlichen Sichtweisen bestimmen zur Zeit gerade auch mit Blick auf die ITU-Konferenz viele netzpolitischen Debatten, wobei allerdings der Aspekt von Privacy vom Aspekt der Internet-Regulierung zumindest im ersten Schritt getrennt betrachtet werden muss (Über den Zusammenhang von Privacy, freiem Internet und Regulierung geben auch dieses kompakte Interview mit Wolfgang Kleinwächter sowie dieses Interview mit Jimmy Schulz Aufschluss).


So veröffentlichte die Beratungsgesellschaft KPCB vor kurzem eine interessante Datensammlung über die Entwicklung des Internets und die Nutzung mobiler Devices mit Blick auf deren Bedeutung sowohl für Geschäftsmodelle im Bereich der Anwendungen als auch mit Blick auf das individuelle Konsumverhalten. Die Hauptbotschaften waren: a) Das Netz wird mobil und b) wir erleben den Übergang von der Anhäufung vieler realer und wenig genutzter Konsumgüter hin zur kostengünstigen Ausleihe von temporär nutzbaren Konsumgütern und Diensten. Das Erstaunliche an den Folien ist der ins Auge springende Kontext, dass allein durch das Sammeln privater Anwenderdaten bzw. personenbezogener Daten eine solche Entwicklung von ökonomisch verwertbaren Anwendungsfällen überhaupt erst darstellbar respektive möglich ist. Die den Folien zugrunde liegenden Daten verdeutlichten damit implizit die Notwendigkeit, sich Gedanken über die zukünftige Nutzung personenbezogener Daten in jeglicher Form von Analysen Gedanken zu machen.

Jacob Appelbaum und Julian Assange haben auf die damit verbundene Problematik in letzter Zeit immer wieder hingewiesen.


Die Verfügbarkeit personenbezogener Daten ist eben nicht nur die Voraussetzung für Geschäftsmodelle sondern eben auch Voraussetzung für den Aufbau staatlich-privater Überwachungssysteme. Gerade die Verbindung zwischen staatlichen und betriebswirtschaftlichen Interessen führt tendenziell zur Vernachlässigung der Interessen des einzelnen Individuums im Netz.

Vor einiger Zeit gab es nun eine Debatte zwischen Appelbaum, Assange und Andy Müller-Maguhn (der Name des französ. Teilnehmers war leider nicht verständlich), die von Russia Today (welch Ironie...) aufgenommen wurde und als 3h-Variante bei Youtube online gestellt worden ist. Diese Debatte war auch zugleich Ausgangslage zum neuen Buch dieser kleinen Runde mit dem Namen "Cypherpunks". Themen sind Surveillance, Privacy und Post-Privacy.



Hier gehts zum 2. Teil der Aufzeichnung.

Da die Aufzeichnung insgesamt über 3h lang ist, habe ich mir die aus meiner Sicht wesentlichen Punkte der Debatte verschriftlicht, die in der Summe deutlich machen, warum es nicht nur darum gehen kann, neue Geschäftsfelder zu identifizieren, sondern warum dies in einem größeren Kontext betrachtet werden muss.

Die Unwissenheit von Konsumenten und Experten
  • Das Internet wird inzwischen von allen Menschen in allen Lebenslagen genutzt. Daher ist die Privacy-Problematik eine Sicherheits- und Datenfrage, die alle User interessieren müsste.
  • Die Tendenz zur allumfassenden Überwachung durch den Staat ist die Reaktion der politisch Verantwortlichen auf das Aufkommen des Internets, da das Netz als Bedrohung der eigenen Autorität und (nationalen) Zuständigkeiten begriffen wird.
  • Die technische Komplexität des Netzes führt dazu, dass selbst der Kompetenzbereich einzelner Experten immer mehr eingeschränkt wird. Die Reichweite des eigenen technischen Wissens sinkt, so dass die Chance für eine unentdeckte Überwachungen steigt. Damit steigt die Möglichkeit der Kontrolle der Technik durch Konzerne und damit die Kontrolle des Users. Die technische Kompetenz, die es noch beim C64 jedem User ermöglichte, eigene Software zu erstellen, geht auf die Konzerne über und entzieht sich damit auch im Anwendungsfall der Kontrolle durch den User. Dies bedeutet: Kontrolle durch Ausnutzung der Unwissenheit. Geräte und deren Anwendung sind immer weniger durch den User modifizierbar. Der User verliert die Kontrolle über die Art, wie er das Gerät anwendet.
  • Es ist erstaunlich, wie Wikileaks für die Verbreitung öffentlicher Informationen verfolgt wird, während Google und Facebook keine Probleme damit haben, private Daten zu sammeln, zu verwenden und Analysen an Unternehmen zu verkaufen sowie an staatliche Dienste weiter zu reichen.
Cyberwar
  • Die meisten Menschen sehen nie einen Panzer in der eigenen Straße in Aktion. Der Cyberwar trägt aber den Krieg in die Wohnzimmer der Menschen.
  • Durch die Schulungen für den Cyberwar wird den "Soldaten" der Gedanken des Nationalismus bezüglich der Systeme nähergebracht, obgleich das Netz eigentlich diese Grenzen nicht kennt.

Flächendeckende Überwachung
  • Die reine Speicherung aller deutschen Kommunikationsdaten und -inhalte würde ca. 8 Million € kosten. Es ist weniger aufwändig, die gesamte Bevölkerung zu überwachen und im Nachhinein zu filtern statt wie ehemals personenbezogen präventiv zu kontrollieren.
  • Es gibt keine Gewähr mehr, dass die Anwender von Spionage-Software selbst noch auf richterliche Entscheidungen warten, da die Technik einfach vor Ort angewendet werden kann und deren Nutzung unentdeckt bleibt.
  • Innerhalb der nächsten 15 Jahre kann die Kommunikation der gesamten Menschheit gespeichert und kontrolliert werden.
  • Die Technik der Mobiltelefone sind ideal für Überwachung, da weder die Inhalte der Kommunikation noch die Technik ansatzweise abhörsicher sind.
  • Die Grenzen zwischen den Interessen der Staaten und der Unternehmen verwischen zunehmend. Beide Institutionen wollen grenzübergreifende Daten sammeln. Regulative Systeme sind aber zumeist national ausgerichtet. So können Unternehmen als privatisierte Spionagesysteme bezeichnet werden.
  • Das Arbeiten in Wolken ist nochmals ein schnellerer Schritt in Richtung in Überwachung: alle Daten liegen zentralisiert vor und können durch die US-Regierung ganz "legal" ohne große Probleme über US-Firmen kontrolliert und gescannt werden (hier) - auch dann, wenn die Daten im Ausland liegen.
  • Privacy via Design/technischer Architektur ist daher Privacy via Gesetzen vorzuziehen. Das Design der technischen Architektur bestimmt die Möglichkeit der staatlichen Kontrolle und Steuerung. Wir könnten die technischen Architektur umstellen, um Privacy zu ermöglichen. Daran haben aber weder Unternehmen noch staatlichen Organe Interesse.

Menschenrechte
  • In 15 Jahren werden die letzten freien Menschen in einem totalitären globalen Überwachungssystem die Menschen sein, die verstehen, mit Verschlüsselung umzugehen.
  • Die zentrale Erkenntnis in der Nutzung des Internets für die Meinungsäußerung ist die Beobachtung, dass das, was ich sage oder schreibe, irgendeiner Autorität nicht gefallen könnte. Die systemisch bedingte Reaktion der Autorität ist danach der Versuch der Kontrolle und der Versuch, solche freien Meinungsäußerungen zukünftig auszuschließen und die persönliche Bewegungsfreiheit einzuschränken.
  • Die Freiheit der Meinungsäußerung, das Recht sich frei zu bewegen und wirtschaftliche Interaktion zu tätigen sind zentral für alle daraus folgenden Freiheitsrechte.
  • Das Speichern und das Scannen der wirtschaftlichen Tätigkeit und der monetären Ströme im Netz ermöglicht den Rückschluss auf individuelle Entscheidungen und die Verteilung von Relevanzen. 
  • Modellansätze für anonymes virtuelles Geld liegen daher nicht im Interesse von Unternehmen und Staaten.

Internet und Politik
  • Die politische Entscheidungsfindung kann nicht mit dem Tempo der technischen Innovation mithalten. Im Gegenteil nimmt der Abstand tendenziell zu. Es bildet sich ein Komplex politisch-ökonomischer Interessen, der gegen die technische Weiterentwicklung gerichtet ist, um bisherige Prozesse nicht infrage stellen zu müssen.
  • Die Nicht-Kenntnis der Mechanismen im Netz führt zur Möglichkeit der Manipulation der Meinung der Bürger. So kann Zensur durch Hinweis auf strafrechtlich relevantes Verhalten Einzelner auch in demokratischen Staaten auf Verständnis treffen. Dies ist immer dann zu beobachten, wenn die Medien und die Politiker in Demokratien auf die Notwendigkeit der Anonymität in autoritären Regimen zu sprechen kommen, gleiches für die Demokratien aber aus abwegigen Gründen ablehnen.
  • In Deutschland gibt es insofern eine Art der "Vorzensur", da eine Publikation im Netz ohne die Nennung einer rechtlich verantwortlichen Person nicht erlaubt ist. 
  • Wir bauen im Westen denselben Macht- und Überwachungsapparat auf, der - technisch betrachtet - auch in autoritären Regimen genutzt wird. Und auch in Demokratien steigt die Möglichkeit des Machtmissbrauchs, da die Technik zunehmend verfügbar ist und deren Anwendung nicht transparent überwacht werden kann. Dem Bürger wird aber auf Basis seiner geringen technischen Expertise immer wieder gesagt, die betreffe nur autoritäre Regime.
  • Aufgrund der verschiedenen nationalen politischen Interessen sind wir dabei, das Internet zu "balkanisieren". Dies kommt Autoritäten entgegen, geht aber zu Lasten der Nutzer.
Assange u.a. sehen derzeit nur in der Verschlüsselung der eigenen Kommunikationen einen Ausweg aus der umfassenden Überwachung. Problematisch ist allerdings aus meiner Sicht nicht nur die für den normalen Anwender schwer verständliche Anwendung von Verschlüsselungstechniken. Auch die im Rahmen der ITU-Konferenz forcierte Debatte um Deep Packet Inspection bei verschlüsselten Übertragungen durch Zugriffe auf die Schlüssel der angesteuerten Server verdeutlich, dass das digitale Wettrüsten - nicht zwischen Demokratien und autoritären Regimen - sondern zwischen den Bürgern und den Regierungen aller Staaten weiter voran schreitet. Unter diesem Blickwinkel erhalten die von der Beratergesellschaft veröffentlichten Zahlen eine gänzlich andere Bedeutung. Vielleicht würdigen wir diese zweite Bedeutung allzuoft nicht deutlich genug.

So nutzt aktuell jeder 6. schwedische Internetuser VPN-Dienste zum Schutz der eigenen Daten. Zufall?

Eine Liste beliebter VPN-Dienste findet sich hier.