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Donnerstag, 15. November 2012

IT-Gipfel 2012 (#ITG12): Pauschale Kritik hilft nicht weiter


Ole Wintermann, Namensnennung, Unported, CC 3.0,

Entwicklungspotenziale zu erkennen

In den letzten Tagen ist viel (s.u.) zum IT-Gipfel der Bundesregierung geschrieben worden. Die Mehrheitsmeinung verurteilt den Gipfel in einhelliger Weise und bezeichnet ihn allein als PR-Instrument der Bundesregierung (hier eine Minderheitenmeinung auf dem Blog der QSC AG). Diese Sichtweise ist meiner Meinung nach (unabhängig von der jeweils verantwortlichen Parteifarbe) etwas verkürzt und verhindert die Wahrnehmung der Entwicklungspotenziale des Gipfels.

Die für mich interessanteste Erkenntnis war die Beobachtung, dass es in Deutschland zwei vollkommen voneinander getrennte IT-Szenen gibt. Zuerst ist da die Szene der Berliner und Hamburger Startups. Diese ist gekennzeichnet durch kreative junge Vordenker, die noch am Beginn ihres beruflichen Lebens, sei es angestellt oder selbständig, stehen und Ihre Meinungen und Ideen vollkommen frei in große Diskussionsrunden und Entwicklungen einbringen. Spannend.

Dann ist da aber auch die Szene der klassischen IT-Industrie ("Industrie" beschreibt die Branche tatsächlich besser). 95% der Vertreter sind männlichen Geschlechts zwischen 45 und 65 und tragen v.a. dunkle Anzüge. Sie kommen aus Unternehmen, die sich in den letzten 30-40 Jahren in der IT-Industrie etabliert haben und die technischen Standards mit gesetzt haben.

Ole Wintermann, Namensnennung, Unported, CC 3.0

Männer in Anzügen

Konsequenter Weise wurde während des IT-Gipfels dann auch darauf hingewiesen, dass der neue deutsche Industrie-"Stützpunkt" im Silicon Valley im Netzwerken beim Werben für deutsche Produkte nicht Marketing-Sprech verwenden solle ("das können die Amerikaner besser"). Vielmehr ginge es darum, "German Engineering" der IT-Industrie der Herren in den dunklen Anzügen zu verkaufen (sofort stellt sich das Bild der öligen und schwieligen Arbeiterhände ein, die in einer verrußten Fabrik PC zusammen hämmern).

Unter diesen Umständen ist es nicht weiter schwierig, die These aufzustellen, dass Firmen wie Yahoo, Apple oder eBay niemals ihre ursprünglichen Wurzeln im hiesigen Standort haben werden. Da nützt es auch nichts, wie es etliche Vertreter der Wirtschaft und der Investment-Branche getan haben, auf die Regulierungsdichte und die zu hohen Steuern hinzuweisen. "Facebook" ist nicht eine Frage des Engineering oder der Steuern sondern eine Frage der Einstellung zu kreativer Arbeit im Netz.

Ole Wintermann, Namensnennung, Unported, CC 3.0

Viel Raum zum Denken

Neue innovative Modelle im Bereich der sogenannten Smart Grids und der Telemedizin werden angekündigt, sind aber in anderen Ländern (häufig Schweden, das folgerichtig im www-Index auch weltweit auf Platz 1 steht) schon länger angewendet. Skepsis ist nach allen eigenen und fremden Erfahrungen mit der Breitbandversorgung in Deutschland angebracht, wenn davon gesprochen wird, dass man von der flächendeckenden Versorgung jetzt gleich in die Wirtschaft 4.0 einsteigen könne. Solche jenseit der Realität liegenden Aussagen unterstützen nicht die Glaubwürdigkeit der Veranstaltung.

Malte Spitz und Kostantin v. Notz hatten rechtzeitig vor IT-Gipfel ihre aus den Vorjahren (hier aus dem Jahre 2009) schon bekannte Kritik erneuert. Der IT-Gipfel solle mehr sein als eine "Leistungsshow" der deutschen IT-Industrie. Zudem sollte die Zivilgesellschaft mehr beteiligt werden, um auch die gesellschaftlichen (rechtlichen) Implikationen des digitalen Wandels in den Mittelpunkt zu rücken. Auch Netzpolitik.org veröffentlichte rechtzeitig zum IT-Gipfel einen entsprechend kritischen Blogpost.

Der sicherlich am meisten gelesene oder besser gehörte Beitrag nach dem IT-Gipfel wurde von D-Radio gesendet. Die dort von @philipbanse sehr gut und zugespitzt formulierte Kritik geht in dieselbe Richtung wie schon M. Spitz´ Anmerkungen. Darüber hinaus gab es noch weitere Kommentierungen auf Next-Kraftwerke.de, Ichsagmal.com, und Schleeh.de, die konsensual die Kleiderordnung und die damit eventuell verbundene Einstellung der Teilnehmen zu den Themen kritisierten (es wird stets nur auf die Männer abgestellt; die Frauen hatten aber natürlich in der Mehrheit auch schwarze Kostüme an).

Diese generelle und pauschale Art der Kritik liest sich zwar "amüsant" und bestätigt Vorurteile, verkennt aber die durchaus vorhandenen guten Entwicklungsansätze des Gipfels. So ist es ein gar nicht positiv genug einzuschätzender Ansatz, zum ersten Mal unter dem Dach des BMWi Blogger frei über die Veranstaltung berichten zu lassen. Diese Freiheit der Blogger-Tätigkeit kann man sehr gut am sehr kritischen Post der Bloggerin Nina Keim mit dem Titel "Wo ist das Breitband geblieben?" nachvollziehen. Man wird die Bloggeraktivität in diesem Kontext vielleicht von einigen Seiten (zu Unrecht) mit einem Schmunzeln bewerten. Dies hielte ich aber für eine unnötig abfällige Bewertung, die die Realitäten in Verwaltungen und den notwendigen Kulturwandel vollkommen außer acht ließe. Umgekehrt gesprochen: manche Kritiker der Veranstaltung erweisen gerade den mutigen und innovativen Akteuren innerhalb der Verwaltungen durch ihre durchweg kritische Einschätzung einen Bärendienst. Vielmehr muss es doch darum gehen, Personen in der Verwaltung zu stärken, die sich auf den nicht immer leichten Weg machen, neue innovative Methoden in tradierte Prozesse und Events einzuführen.

Gerade die in den letzten Jahren stattfindenden Barcamps zum Thema "Open Gov" hatten gezeigt, dass trotz aller Widrigkeiten erst die Kombination von Struktur- und Prozessexperten der Verwaltung auf der einen und den kreativen Programmierpotenzial auf der anderen Seite (das hier allerdings sicher fehlte) einen Mehrwert für beide Seiten und damit für den Standort darstellt. Gleiches gilt aus meiner Sicht eben auch für die Kombination von dunklen Anzügen und mutigen Personen, die neue Wege gehen wollen (der Ansatz ist mitnichten ein neuer).

Wie wäre es, in Zukunft beispielsweise nach organisatorischen und personellen Schnittstellen von re:publica und IT-Gipfel zu suchen? Die Ausnutzung komplementärer Potentiale ist bei Zusammenführung dieser beiden Klientel kein Problem. Was dafür allerdings benötigt wird, ist gegenseitige Akzeptanz, Offenheit und Toleranz. Also liebe Herren (Damen), entledigen sie sich das nächste Mal der Schlipse (Halstücher) und seien sie etwas kreativer.

Ole Wintermann, Namensnennung, Unported, CC 3.0

Die Karawane zieht weiter

Disclaimer: Ich bin Mitglied der Jury der Bloggerchallenge des BMWi.