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Mittwoch, 7. November 2012

3x Internet: Bildung, Unternehmen, Demokratie

Manchmal hat man den Eindruck, den aktuellen Meldungen, Geschehnissen und Debatten in den Feldern von Open Government und Social Media gar nicht mehr folgen zu können, da es immer wieder eine Herausforderung darstellt, auch nur die inländische Debatte zu verfolgen.

Bildung und Internet

Facebook und Co. geben aktuell mit der Einschränkung der sozialen Sichtbarkeit im Falle nicht-gesponserter Posts - und dies sogar im privaten Bereich - wieder Anlass genug, um sich kritisch mit den Plattformen auseinander zu setzen (und nach wie vor auf eine genossenschaftliche (?) Alternative zu hoffen). Trotz dessen gilt es aber, sich mit den Funktionalitäten auszukennen und diese produktiv für den Bildungsbereich zu nutzen. Wie dies gehen kann, beschreibt die Seite Edudemic.com, die 100 sinnvolle Tipps zur Nutzung von FB im Bildungsbereich beschreibt. Stichworte hierbei sind Recherchen, gegenseitige Unterstützung, Ausschreibung von Wettbewerben oder Brainstormen.

Die 100 Tipps stellen eine interessante positive und alternative Sichtweise zur üblichen skeptischen Beurteilung des Einsatzes des Internets im Unterricht dar. Erst vor kurzem hatte SPON dieses (Verweigerung der digitalen Realitäten) Manko des deutschen Bildungssystems beklagt - 1,5 Jahre, nachdem die Bildungs-2.0-Studie der Bitkom ebendieses Manko aus Sicht der Schüler schon recht deutlich hervorgehoben hatte. Gibt man zudem den beliebten Suchbegriff "Das Ende der Kreidezeit" bei Google ein, wird im Übrigen deutlich, dass SPON damit nicht Vorreiter sondern Nachzügler gewesen ist.

Social Media in Unternehmen

Ein Beitrag von Jochen Mai unter der etwas umständlichen Überschrift "Generation O-Promi: Was wenn immer mehr Mitarbeiter Online-Zelebritäten sind?" beschreibt sehr schön auf den Punkt gebracht das zunehmend relevante "Problem", dass Mitarbeiter von Unternehmen jenseits üblicher interner Karrierewege immer öfters die Möglichkeit finden, ihr berufliches Profil vollkommen unabhängig von internen "Belohnungs"-Prozessen extern eigenständig über die Social Medien weiter zu entwickeln. Google hatte als eines der ersten Unternehmen durch die Einführung der 80/20-Regelung die Potenziale einer solchen Externalisierung wahrgenommen. Bis heute hat diese Sichtweise den Mainstream aber nicht erreicht.

Mai nennt diese Arbeitnehmer etwas unglücklich "O-Promis" und spricht vom Risiko der "Divenbildung". Damit diskreditiert er leider (wenngleich nur semantisch) den Wert dieser externen Profilbildung für das Unternehmen, soweit es fähig ist, mit der Eigenständigkeit der Arbeitnehmer souverän umzugehen und für interne Prozesse zu nutzen. Am Ende fehlt auch - was er aber selbst eingesteht - ein Vorschlag dafür, wie extern ausgelebte Kreativität eventuell besser für interne Innovationen genutzt werden könnte. Die tradierten Prozesse der "Belohnung" scheinen jedenfalls bei diesen Arbeitnehmern nicht mehr nützlich zu sein. Mai stärkt aber mit seinem Beitrag grundsätzliche die Richtung einer Debatte, die eigentlich viel offensiver geführt werden müsste.

Thomas Hutter befasst sich in einem aktuellen Post sehr passend dazu mit der relativ unklaren Rechtslage im Falle des Weggangs von Arbeitnehmern aus einem Betrieb, wenn dadurch Social Media Accounts betroffen sind. Grundsätzlich scheint es zukünftig auf eine Regelung hinaus zu laufen, bei der die Follower von privaten Accounts tatsächlich dem Arbeitnehmer "gehören", während die Follower dienstlicher Accounts dem Unternehmen zuzurechnen sind. Dies scheint logisch zu sein; stellt sich nur die Frage, ob auch die "Offline"-Kontakte angegeben werden müssen?

Die Bitkom hat vor einiger Zeit einen umfassenden Ratgeber für den Umgang mit sozialen Medien in und außerhalb von Unternehmen verfasst, an dem man sich gut orientieren kann, um einvernehmliche Lösungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu finden und die genannten Rechtsstreitigkeiten zu vermeiden. Leider ist der Leitfaden etwas umfänglich geraten, so dass das Lesen stellenweise eine kleine Herausforderung darstellt.

Partizipation - Theorie und Praxis

Anke Knopp, die auf ihrem Blog den Bürgerhaushalt Gütersloh und andere interessante Aktivitäten der lokalen Verwaltung offensiv begleitet, schreibt in einer neuen Publikation des Grimme-Instituts über ihre Erfahrungen bei der Begleitung eben dieses Bürgerhaushaltes. Wer ihren bildlichen und ironischen Schreibstil kennt, weiß, dass die Lektüre des Beitrags nicht langweilig werden wird.

Nachdem die Arbeitsgruppe "Demokratie und Staat" der Internet-Enquete in ihrer letzten Sitzung die Aufforderung formuliert hatte, die Bürger konsequent an der Arbeit der Ausschüsse des Deutschen Bundestages zu beteiligen, war ich heute umso mehr erstaunt, als ich zufällig auf die "Antragsfabrik" der Piratenpartei in NRW stieß. Der dort zu findende Ansatz, den Bürger initiativ Anträge formulieren und vorschlagen zu lassen, ist in seiner Einfachheit und seinem Pragmatismus bestechend. Vielleicht sollte sich SPON besser diesen inhaltlichen Debatten zur Piratenpartei widmen, statt sich auf den Boulevard interner Ränkespiele einer Partei zu begeben.

Ähnlich pragmatisch ist ein Hackday von Fraunhofer Fokus zu Open Government Portalen in Deutschland am 7.12 in Berlin ausgerichtet. Das Umfeld, die Agenda und die Teilnehmer versprechen eine spannende Veranstaltung.

Zeitgleich am 6. und 7.12 richtet die DHV Speyer eine Demokratie-Tagung unter dem Titel "Volkssouveränität, Wahlrecht und direkte Demokratie" aus. Die Gleichzeitigkeit dieser Veranstaltungen ist etwas schade, da ja eigentlich ein interessanter Mehrwert auch in der Zusammenführung der Zielgruppen - Off- und Onliner - hätte bestehen können. Wenngleich die Veranstaltung in Speyer durchaus in Format und Vortragenden konservativer ausgerichtet ist, verspricht doch das Aufeinandertreffen der Herren von Arnim, Beckstein und Gysi mit Anke Domscheit-Berg eine hochspannende Debatte vor Ort.