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Montag, 29. Oktober 2012

Ist mein iPhone eigentlich gegendert?

Puuh. Es reicht.

Ich kann sie nicht mehr hören; die Schlachtrufe von Schlachtfeld der Gender-Politik. Von beiden Seiten - den Feministinnen und den Maskulisten - ertönen martialische, von Frust und dem Gefühl der Benachteiligung geprägte Ausrufe. Schuld sind - es ist so einfach - immer die anderen. Gegenseitig werden implizite und explizite sowie strukturelle Gewaltvorwürfe geäußert. Die persönliche Lebenswelt und die Erfahrung von persönlichen Niederlagen und Einschränkungen wird zugleich dem verdeckten Sexismus in Rechnung gestellt. Alles und Jeder ist verdächtig. Die extremen Protagonisten beider Seiten überhäufen sich mit Nazi-Vorwürfen und den Verdächtigungen, die Weltherrschaft/Weltfrauschaft anzustreben.

Der Genderdebatte kann man nicht wirklich entkommen; sei es der Klimawandel, die Erforschung des sozialen Verhaltens von Affen oder die Debatte um den Friedensnobelpreis - stets wird alles auch unter der Gender-Perspektive betrachtet. Jeder Diskurs verödet unter diesen Voraussetzungen. Individuelle Verantwortlichkeiten gibt es nicht mehr, alles wird "der Struktur" oder "dem System" angekreidet. Dass die vollkommene Abkehr von der individuellen Verantwortlichkeit und die Erfindung der "gläsernen Decke" die eigene Handlungsfähigkeit schwächt, wird gern übersehen.

Inzwischen gibt es Bücher über das Phänomen, dass sich SchülerInnen auf dem Schulhof gern mit "Du Opfer" ansprechen. Statt dies dem inflationären Gebrauch des Wortes "Opfer" in der veröffentlichten Debatte sowie der genutzten Semantik in den schulischen Deeskalations-Kursen zuzuschreiben, wird die Beschreibung des Sachverhaltes als Ausgangspunkt zur Beschreibung einer angeblich großen Mobbing-Problematik genutzt. Dies ist btw ein interessanter Opfer-Opfer-Zirkelschluss....

Auf beiden Seiten blühen Subkulturen, die sich auf Plattformen wie "Genderterror", "Macker-Massaker", oder "Riot-Grrrl" austoben. Ein prominentes Beispiel der Einnahme immer extremerer und ideologischer Positionen ist zur Zeit der Blog "Mädchenmannschaft", dem nun schon von der TAZ eine realitätsferne ideologielastige Arbeit vorgeworfen wird. Da die Maskulistenfraktion noch keine ebenso langjährige Entwicklung wie die feministische Gegenseite durchlaufen hat, hält sich der Extremismus dort bisher anscheinend etwas in Grenzen findet sich dort eher oberflächliche und sehr offensive Kritik. Jedoch So gibt es mit hatr.org eine beliebte Sammelplattform für Ausfälle von männlicher Seite, deren Lektüre verdeutlicht, warum auch Feministinnen Interesse daran haben sollten, dass Jungen eine gute schulische Ausbildung erhalten.

Moderate sowie sachpolitische ausgerichtete Plattformen beider Seiten gibt es zwar auch (bspw. Manndat sowie Frauenrat); es bedarf aber stets nur 1 bis 2 weiterer Klicks, um in den Abgründen der Genderschlacht zu landen und sich schlechtgelaunt abends vom Internet zu verabschieden.

In der Wikipedia kann man in langen theoretischen Abhandlungen über geschlechtergerechte Sprache erklärt bekommen, warum "die Gästin" oder "die Kindin" eigentlich sehr viel gerechter als das traditionelle "Gast/Kind" wären. Manchmal treibt die vollkommen empiriefreie Ideologie aber auch interessante und unglaublich Stilblüten, wie bspw. die Initiative, die Anrede "Herr" ersatzlos aus dem deutschen Wortschatz zu streichen.

Im Wikipedia-Blog wird seit Wochen über den strukturellen Sexismus der Wikipedia gestritten. Moderate Töne, wie ich u.a. sie in 3 Post-Versuchen angeschlagen hatte, sind nicht willkommen und werden gelöscht. Diese Art der "Gewalt" wird dann gern damit begründet, dass das bestehende System ja erstmal überwunden werden müsse. Und im Übrigen könne es ja gegenüber Männern auch per Definition gar keine Diskriminierung geben.

Was haben all diese Extrempositionen (beider Seiten) gemeinsam?

Sie sind im Alltag für einen sehr großen Teil der Bevölkerung irrelevant.

Als ich vor Jahren an einer Demographiekonferenz teilgenommen hatte, kam es in der Session über Familienpolitik zum offenen Streit. Auf der einen Seite standen konservative älteren Männer, die sich der Forderung der jüngeren Frauen nach mehr Balance von Familie und Arbeitswelt konfrontiert sahen und lieber ihren alten Rollenbildern verhaftet bleiben wollten. Auf der anderen Seite standen einige wenige feministische Vorkämpferinnen, die mit "Bewusstsein" und "Strukturen" argumentierten. Nach einer halben Stunden sinnloser Debatte stand eine Kollegin des Rostocker MPI für Demographie auf und stellt laut fest, dass diese Theoriedebatte leider gar nichts mit ihrem Familienalltag zu tun habe und für Familien daher vollkommen irrelevant sei. An dieses tolle lautstarke Statement muss ich immer wieder denken, wenn ich nach nur 1-2 Klicks auf den genannten subkulturellen Seiten lande. Und letztlich: es macht keinen Spaß, dort auch nur etwas länger zu lesen und sich auf die Gedankengänge einzulassen.

Was mich am Ende aber immer am meisten irritiert: Es werden dem jeweils anderen Geschlecht gegenüber Vorwürfe, Vorhaltungen und Merkmalszuschreibungen konstruiert, die man/frau bei sozio-kulturellen, ethnischen oder religiösen Gruppe sonst nie anwenden würde, da dies zu Recht als Diskriminierung und Pauschalierung gelten würde. In der Gender-Debatte scheinen aber die Schmerzgrenzen verschoben zu sein.

Etwas Abrüstung und gegenseitige Wertschätzung in der Gender-Debatte täte der Sache gut.

P.S. Trotz intensiver Suche habe ich keine Plattformen extremer Maskulisten gefunden, die den o.g. radikalen Feministen-Plattformen entsprächen. Für die Nennung von Beispielen, die die negativen Beispiele beider Seiten gleichgewichtig zeigen, wäre ich dankbar.

Inzwischen sind mir Links zugesendet worden. Diese Liste von Maskulisten-Seiten und der Text der taz gehen auf das Thema ein. Ich muss allerdings aus persönlicher Sicht sagen, dass die Bandbreite der Seiten doch recht groß ist und würde selbst nicht alle Seiten pauschal als problematisch bezeichnen. So vertritt der Schlusslicht-Blog durchaus ein ernstzunehmendes Ansinnen, dass unabhängig von Frauen oder Männern das grundsätzliche Problem menschenverachtender Werbung thematisiert. Zudem ist der Automatismus von Männerrechtlern = rechtsradikal nicht gegeben. Diese Gleichsetzung verhindert die gleichberechtigte Auseinandersetzung mit dem Genderthema aus Sicht beider Geschlechter.