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Sonntag, 30. September 2012

Herdprämie, Frauenquote und ihre Vereinbarkeit mit Open Gov

Vertragen sich eigentlich offene und transparente politische Systeme auf der einen Seite und jegliche Art von Quotenregulierungen auf der anderen Seite?

Spätestens nach dem Ü-Ei-Gate von Ferrero, zu dem sich gar die ZEIT kritisch geäußert hatte, bin ich doch etwas ins Grübeln gekommen. Während der Kampf gegen das rosa Ü-Ei inzwischen sogar den Weg zu Kampagnen-Plattformen wie change.org gefunden hat, erreichen uns ausgerechnet aus Norwegen, dem Land, das zuerst eine strikte Quote für Unternehmen eingeführt hat, unerwartete Töne in der ewigen Debatte, ob geschlechtsspezifische Verhaltensweisen anerzogen oder angeboren (oder beides) sind.

Der norwegische Journalist Harald Eia hatte bereits vor einigen Monaten eine Reportage mit dem Titel "Das Gleichstellungs-Paradox" über diese Frage gedreht und dabei Vertreter beider Seiten zu Wort kommen lassen.



Die Gegenüberstellung verdeutlich sehr schön die immer wieder der Genderseite vorgeworfene Kritik der Wissenschaftsferne. Agens e.V. hatte sich vor einigen Tagen schon sehr ausführlich dazu geäußert; deren Einschätzung ist eigentlich nichts hinzufügen. Dies deckt sich sehr mit meiner Kritik an den Versuchen feministischer Vertreterinnen, die bemüht sind, künstliche Personalpronomina in die schwedische Sprache einzuführen, um die Sprache langsam nach ihren Wünschen geschlechstneutral zu gestalten. Ebenso hatten alle norwegischen Genderforscher in der Reportage betont, dass es absolut keine biologische Begründung geschlechtsspezifischer Verhaltens- und Sichtweisen gebe. Selbst der Verband der Europäischen Wissenschaftsjournalisten stellt im Einklang mit der Eia-Reportage danach aber fest, dass in Norwegen bisher galt: "Sciences dominated by ideology" und stellt sich auf die Seite von Eia.

Während über der Reportage von Eia in Norwegen diskutiert wurde, kam es zur überraschenden Schließung des mit staatlichen Geldern aller skandinavischer Staaten geförderten "Nordisk Institutt for kunnskap om kjønn", dem Institut, in dem Eia zuvor gefilmt hatte, durch den Nordischen Ministerrat. Die Evaluation des Instituts hatte ergeben, dass deren Arbeit - kurz gefasst - irrelevant für die Gesellschaft und die Politik geblieben ist:

Derimod viser evalueringen, at NIKK ikke er lykkedes med at skabe bro mellem forskningsverdenen og det politiske system, ligesom de generelt set ikke opleves som kundskabs- og informationscenter. Det er heller ikke lykkedes dem at bidrage til samfundsdebatten i alle de nordiske lande og selvstyrende områder gennem differentieret formidling til en bred målgruppe.

Diese Schließung muss umso mehr überraschen, als dass sie in dem Land erfolgt, in dem die Gleichstellung der Geschlechter weltweit nach Island am weitesten vorangeschritten ist und als dass es sich um ein länderübergreifendes Institut handelte. Die Gender-Netzwerke wurde jedoch zugleich aktiv und suchen seitdem nach Möglichkeiten, diese öffentlichen Gelder erneut einzuwerben (z.B. Warum der Klimawandel ohne Genderforschung nicht bekämpft werden kann).

Kann aber jegliche Form von Lobbyismus für Sonderinteressen vereinbar sein mit Ansätzen von Transparenz, Partizipation und Legitimität? Erst die Herstellung von Transparenz über die Arbeit des Intitutes hat es ermöglicht, die Verwendung öffentlicher Gelder sachlich zu hinterfragen. Die öffentliche Debatten um den Atomausstieg, die Beschneidung von Jungen (bei denen sowohl Feministinnen als auch Genderforscher bisher absolut stumm geblieben sind, obwohl es sich doch um Gewalt gegen Kinder handelt), die Wahl des ehemaligen Bundespräsidenten Wulff und die Beteiligung am Krieg in Afghanistan zeigen, dass auf Dauer (glücklicher Weise) keine Politik gegen die Werteeinstellungen und Gerechtigkeitsempfinden der Mehrheit der Bevölkerung möglich sind. Reglementierung oder Quoten als "Erziehungsansatz" zu einer besseren Gesellschaft müssen langfristig scheitern - und das bei einer offenen Regierungsweise umso eher - wenn sie nicht durch die Mehrheit der Bevölkerung getragen werden.

Die norwegische Quotierung hat sich zwischenzeitlich als volkswirtschaftlicher Kostenfaktor in Form von Wertverlusten der betroffenen norwegischen Unternehmen herausgestellt. Die schwedische Regierung sperrt sich daher aktuell auch gegen eine EU-Regelung in Fragen der Quotierung in Unternehmen. Warum sollten nur konservative Politiker in Deutschland dieselben Fehler mit Herdprämien wie in in Skandinavien wiederholen? Auf der politisch entgegen gesetzten Seite möchte man anscheinend ebenso wenig aus Fehlern der Skandinavier (bei der Quote) lernen.