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Dienstag, 17. Juli 2012

Verstellt die VWL den Blick auf die Lösung der Euro-Krise?

Es war ein Artikel im Jahre 2000 in der französischen Le Monde, in dem zum ersten Mal der Begriff der "Post-autistischen Ökonomen" auftauchte. Unter diesem Sammelbegriff (der inzwischen zu "Real-World Economics" abgeändert wurde) versammelten sich die Vertreter der Verhaltensökonomen, der Grünen Ökonomen sowie anderer Richtungen, die eine Alternative zu der "autistischen" Sichtweise der traditionellen Volkswirtschaftslehre (VWL) anbieten wollten.

12 Jahre später und nach (bzw. in) der Finanzkrise (staatlich/privat) ist die kritische Sichtweise in den Mainstream-Medien wie dem Handelsblatt angekommen. Bereits 2 Jahre zuvor wurde dort schon über die Frage diskutiert, wieso es die VWL nicht vermocht habe, eine Bankenkrise auch nur ansatzweise vorherzusehen. Die Antwort war bereits damals ganz einfach: kein Modell hatte den Bankenbereich abgebildet. Damit wurde die kritische Sichtweise aus der Le Monde eindrucksvoll bestätigt. Die VWL konnte als "autistisch" bezeichnet werden, da reale Rahmenbedingungen außer acht gelassen wurden und damit keine Feedback-Schleifen vorhanden waren. Dies ist in der mathematisch orientierten reinen (neoklassischen) VWL begründet. Die Modellbildung hat sich insbesondere in Deutschland schon lange vom Popperschen Paradigma der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung entfernt, in der reale Feedback-Schleifen essentiell für die Weiterentwicklung einer Theorie waren (und sind!). Sie ist damit häufig zum Selbstzweck geworden.


Die übliche Berichterstattung in den deutschen Mainstream-Medien schwankt aufgrund der methodischen Verengung der VWL an deutschen Unis daher auch zwischen den beiden Extremen des Populismus in vermeintliche seriösen Medien auf der einen und der reinen ökonomischen Lehre auf der anderen Seite (ausgewählte Beispiele FAZ, SZ). Selbst das Handelsblatt hatte in seinem sehr kritischen Artikel über den gegenwärtigen Zustand der VWL nur auf die ökonomischen Faktoren der bestehenden Hauptlehre hingewiesen.

Im Ergebnis dieser medialen und methodischen Verengung wird in Deutschland ausschließlich über Sparen (Klassische Ja/Nein-Verteilung in der öffentlichen medialen Debatte) und Anreize diskutiert.

Reicht dies für die Bewältigung der Krise aus? Bundestagspräsident Norbert Lammert hatte vor kurzem süffisant aber aus meiner Sicht richtig mit Blick auf die deutschen VWL-Experten angemerkt: "Von allen denkbaren Verfahren in der Bewältigung dieser Krise in den vergangenen Monaten ist das am wenigsten taugliche die Umsetzung von Expertenempfehlungen gewesen.“

Wie könnte eine Alternative aussehen?

Die aktuelle Biographie von Olof Palme hat für Ökonomen und "Nicht-Schweden-Kenner" sehr bildlich die Bedeutung einer methodischen Verbindung von VWL und Sozialwissenschaft für die Politikberatung und -gestaltung dargelegt. Im Kern geht es darum, dass die reale Wirtschaft natürlich immer komplett in gesellschaftliche Kontexte eingebettet ist. Der skandinavische Wohlfahrtsforscher Gøsta Esping-Andersen hat dafür bereits vor 20 Jahren den Begriff der Regime- (im Sinne von "System") Betrachtung ins Spiel gebracht. Wertevorstellungen der Gesellschaft sind stilbildend für soziale Sicherungssysteme und Steuersysteme. Umgekehrt haben die steuerlichen Outcomes und Einkommensentwicklungen natürlich auch Rückwirkungen auf die reale Umsetzbarkeit dieser Systeme. Ein Einkommenssteuertarif ist ein zu einem rechtlichen Konstrukt geronnene Vorstellung von Gerechtigkeit. Eigentlich sollte dies intuitiv sofort nachvollziehbar sein; eigentlich. Dieser Sichtweise hat sich die VWL in Deutschland bisher gegenüber verschlossen.

Aktuell ist eine eher ganzheitliche Analyse wieder nachzulesen in der schwedischen Dagens Nyheter, in der sich der bekannte schwedische Volkswirt Assar Lindbeck zur Euro-Krise äußert. Er zeichnet ein interessantes systemisches Bild des gesamteuropäischen Währungskontextes, in der er bspw. koinzidiert, dass es Aufgabe einer nationalen Wirtschaftspolitik (welch zu unrecht altertümliches Wort im Kontext der Berliner Politik) sei, die durch zu geringe Zinsen in den südeuropäischen Ländern entstandene Immobilienblase rechtzeitig zu verhindern. Auch wäre es Aufgabe der Politik gewesen, maßgeblich in die Tarifpolitik einzugreifen (er stellt sich damit frontal gegen das deutsche Dogma der unabhängigen Tarifpolitik), um Standortnachteile durch nicht mehr anpassbare Wechselkurse aufzufangen. Er bringt zudem die Verhaltensökonomie und die politische Ökonomie ins Spiel, wenn er sagt, dass es nicht darauf ankäme, die Sparmaßnahmen alle sofort durchzuführen, sondern dass es die Märkte beruhigen könne, einen nachvollziehbaren Fahrplan für die Sparmaßnahmen anzukündigen. Der Unterschied zwischen dieser interdisziplinären Sichtweise und der Debatte um populistische Brandbriefe deutscher Ökonomen (oder wie es dort seltsamer Weise heißt: "Ökonomen deutschsprachiger Länder") könnte offensichtlicher nicht sein.

Lindbeck stellt am Ende fest: "Es reicht nicht, dass die Fiskalpolitik die staatlichen Haushalte unter Kontrolle hat. Finanzpolitik hat zudem auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe; die Kostenentwicklung zu kontrollieren und Immobilienblasen zu verhindern.

Es wäre von Vorteil, wenn in der deutschen Debatte um die Euro-Krise die Wichtigkeit dieser ganzheitlichen Sicht erkannt würde.