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Donnerstag, 19. Juli 2012

Neue KPMG-Studie: Nahrungsmittelproduktion weniger nachhaltig als Öl- und Gas-Gewinnung?

KPMG hat vor kurzem eine Studie zu 10 Megatrends, die unsere Zukunft in ihrer Wechselwirkung maßgeblich beeinflussen werden, vorgestellt.


KPMG schreibt:

"In this report, KPMG’s network of firms analyzes a system of ten sustainability megaforces that will impact each and every business over the next 20 years. These forces do not act alone in predictable ways. They are interconnected. They interact. Trend projections prepared without consideration of the entire system of megaforces no longer provide an adequate basis for strategic business decisions". (Abstrahiert man von der Fokussierung auf ökonomische Entscheider, so kann diese Aussage ohne Erkenntnisverlust auf politische Entscheider übertragen werden).

Es freut mich, dass damit die systemische Sicht langsam zum Mainstream zu werden scheint. Nicht umsonst ist die Ähnlichkeit zu unserem eigenen seit 3 Jahren laufenden Projekt und unserem Mission Statement bzw. unserem Ansatz sehr erfreulich.
In der Einleitung der Studie wird darauf verwiesen, dass die Basis unternehmerischer Entscheidungen durch ein immer komplexeres Netz an Determinanten gekennzeichnet ist. Als zentraler Faktor für zukünftigen unternehmerischen Erfolg wird der Umgang der Unternehmen mit begrenzten Ressourcen genannt; Green Economy wird inzwischen also durch globale Beratungsunternehmen geadelt. Die entscheidende Herausforderung für Unternehmenslenker sei daher ihre Fähigkeit, mit geringer werdenden Ressourcen in einer interdependenten Welt umzugehen.
  1. Der Klimawandel ist der einzige Trend, der alle anderen maßgeblich beeinflusst. Der jährliche Verlust an wirtschaftlicher globaler Leistungsfähigkeit in Folge der Klimaveränderungen wird auf 1-5% geschätzt.
  2. Der Energiemarkt wird durch den Klimawandel und geographisch bedingte Umschichtungen der Energieproduktion in seiner Preisentwicklung zunehmend volatil.
  3. Der globale Wettbewerb um geringer werdende Ressourcen wird zunehmen.
  4. Der Zugang zu sauberem Wasser wird für die Unternehmen (!) zunehmend ein Problem, das deren Planungen unsicher werden lässt.
  5. Der weltweite Bevölkerungszuwachs wird die natürlichen Ressourcen noch stärker belasten.
  6. Der globale Wohlstand wird zunehmen und das Nutzen billiger Arbeitskräfte erschweren.
  7. Städte sind die Gewinner des Zuwachses an Bevölkerung und Wohlstand.
  8. Bevölkerungswachstum, Wasserknappheit und die Erosion der Böden wird die Nahrungsmittelversorgung erschweren.
  9. Der global zu beobachtende Trend der Entwaldung erhöht die negative Dynamik der meisten anderen Determinanten.
  10. Die Kapazität des globalen Ökosystems, die Ressourcen für die weltweite Produktion bereit zu stellen bzw. die Verwertung des Mülls zu bewältigen, sind beständig. Wir vermüllen.
Das Erstaunliche an der Studie ist erstens die Erkenntnis, dass es anscheinend sehr lange dauert, bis Gewissheiten, die in Wissenschaft und im Rahmen der UN-Millenniums-Ziele schon seit 40 Jahren (Club of Rome) bestehen, auch bei wirtschaftlichen Akteuren ankommen. Zweitens hinterlässt die Studie einen schalen Beigeschmack, wenn bspw. die Wasserknappheit als Problem zuvorderst der Unternehmen dargestellt wird.

Interessanter wird die Studie dort, wo sie feststellt: "Systems thinking around sustainability embraces the entire structure of megaforces rather than its individual constituents." Auch diese Erkenntnis ist nicht unbedingt neu. Das Interessante ergibt sich aber daraus, wenn diese Aussage Entscheidern aus produzierenden Unternehmen (diese betrifft es v.a.) nahegelegt wird; wie ist die Produktion eines 3t-SUVs, der für die Fahrt zum Golfclub genutzt wird, auch nur näherungsweise mit dem systemischen Ansatz in Einklang zu bringen?

Um die verschiedenen Aspekte der Nachhaltigkeit den wirtschaftlichen näher zu bringen, hat KPMG drei Ebenen (Nexus) des Impacts "entwickelt":

  • der Footprint-Nexus beschreibt das Netzwerk der gegenseitigen Einflüsse der Megatrends
  • der Erosions-Nexus beschreibt die negativen Wechselwirkungen, die zu einer Verschärfung der Probleme führen könnten
  • der Innovations-Nexus beschreibt schließlich die denkbaren positiven Wechselwirkungen durch innovativen Problemlösungen in einzelnen Megatrends
Einige ausgewählte interessante empirische Aussagen der Studie führen die Dramatik der nächsten Jahre vor Augen:
  • alle 14 Jahre verdoppeln sich die Kosten der negativen externen Effekte auf die Umwelt
  • die umwelttechnisch kritischsten Sektoren sind die Nahrungsmittelproduktion und die Elektrizitätsgewinnung; die externen Umweltkosten dieser Sektoren betragen 224% (!) bzw. 84% des EBITDA
  • auf Platz 3 von 11 untersuchten Sektoren landet der Sektor der Öl- und Gas-Gewinnung - im positiven Sinne mit gerade mal 23%; dies legt nahe, dass die indirekten Umwelt-Kosten der Verwendung natürlich nicht berücksichtigt worden sind und sendet ein sehr merkwürdiges Zeichen an die Leser
  • die Zunahme des EBITDA im Bereich der Nahrungsmittelproduktion zwischen 2002 und 2010 ist mehr als zu 100% durch die verstärkte Externalisierung der Umweltkosten finanziert worden; anders ausgedrückt konnte die Steigerung des Gewinns vollkommen durch die Externalisierung der Umweltkosten erreicht werden
  • nur der Automobil-, der Chemie- und der Elektriziätsbereich konnten zwischen 2002 und 2010 eine teilweise Entkopplung der Externalisierung vom eigenen Branchenwachstum erzielen
  • nur die Nahrungsmittelindustrie hat zwischen 2002 und 2010 keinerlei verbesserten Umwelteffekt erzielen können
  • die Branche mit dem besten Ist-Zustand und den besten Entwicklungsperspektiven ist die Telekommunikationsbranche
Die Studie schließt mit Ratschlägen, die natürlich auch sogleich mögliche Beratungsaufträge generieren sollen und daher im Duktus sehr allgemein gehalten sind:
  • Risiken erkennen und benennen
  • integrierte Lösungsansätze entwickeln
  • über Nachhaltigkeitsaspekte berichten und zum Mainstream werden lassen
  • strategische Partner für mehr Nachhaltigkeit suchen
  • Energie- und Ressourceneffizienz steigern
  • nicht nur in Risiken sondern auch in Chancen denken
KPMG schließt die Studie mit Erwartungen, die an die politischen Entscheider gerichtet sind:
  • Politik muss konsistent, kohärent und planbar sein
  • Politik muss die Komplexität von Vorschriften verringern 
  • Politik muss zukünftige Herausforderungen v.a. international angehen
  • Politik sollte Rahmenbedingungen für grünes Investment bereitstellen
  • Politik muss verstärkt PPP zur gemeinsamen Lösung mit der Wirtschaft einrichten
Die Studie ist damit inhaltlich nicht wirklich innovativ und hält wenig Neues bereit; zumindest für den an Nachhaltigkeitsfragen interessierten Leser. Das Spannende ist vielmehr die Adressierung der wirtschaftlichen Entscheider mit diesen Erkenntnissen und Sichtweisen. Wird es angesichts langjährig in den Unternehmen sozialisierter Entscheider wirklich möglich sein, mit diesen nicht nur über die Reduzierung des Benzinverbrauchs eines BMW X5 zu reden sondern das SUV-Konzept an sich in Frage zu stellen? Wird es nur marginale und diskretionäre Anpassungen geben oder sind Entscheider auch zu qualitativen Sprüngen bereit. Gerade im IT-Bereich ist zu beobachten, wie derzeit traditionelle Hardsware-, Software-, Inhalte- oder Netzeanbieter aus ihren angestammten Rollen ausbrechen und qualitativ vollkommen neue Märkte in den Fokus nehmen.

Kann diese erstaunliche Wandlungsfähigkeit der IT-Unternehmer auch BMW-, BASF- oder Vattenfall-Vorständen zugetraut werden? Wenn nicht (wer weiß?), kann KPMG zwar Geld mit Beratungsleistung verdienen. ob dies aber zu mehr Nachhaltigkeit führen würde, darf in einem solchen Fall kritisch hinterfragt werden.