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Samstag, 16. Juni 2012

Streit zwischen (sozialen) schwedischen und US-Medien um einen Twitter-Account

Schweden hatte Ende letzten Jahres den offiziellen Twitter-Account des Landes an seine Bürger übergeben. Ziel dieser Maßnahme war es, nach außen hin deutlich zum machen, das Schweden nicht mit einer Stimme sprechen kann, sondern eine Vielzahl von unterschiedlichen Menschen das Land repräsentiert. Seitdem wechselt regelmäßig die Zuständigkeit für den Account, so dass jede Woche ein anderer Schwede den offiziellen Account für seine Tweets nutzen darf.



Nachdem zu Anfang viele positive ausländische Reaktionen erfolgten, hat sich das Blatt - allerdings nur aus US-amerikanischer Sicht - letzte Woche gewendet. Die Reaktion in den US-amerikanischen Medien zeigt sehr deutlich, wie weit sich inzwischen gesellschaftliche Debatten in den USA und Europa und die Auffassung von Meinungsfreiheit anscheinend in den letzten Jahren voneinander entfernt haben.

Seit einigen Tagen twittert die Bloggerin @hejsonja unter @sweden. Sie hat dort im Laufe der Woche einige (teils geschmacklose und naive) Tweets über tote Rentiere, den 2. Weltkrieg und Justin Bieber (!) formuliert.

Die Reaktion aus den USA ließ nicht lange auf sich warten.


Nachdem die NYT in der letzten Woche einen Bericht über das Konzept verfasst hatte, begannen die dortigen Medien sogleich, die aktuelle Twitterin @hejsonja und das schwedische Konzept zu kritisieren. CNN warf ihr vor, eine Justin Bieber-Hasserin zu sein (was sich natürlich unmittelbar auf entsprechenden Gossip-Seiten weiter verbreitete; zu Beginn des Kuwait-Krieges hatte CNN noch ein anderes Selbstverständnis), die Technik-Seite CIO meinte, das Konzept als besonders fehlgeschlagenes Twitter-Experiment verurteilen zu müssen, die NYT legte einen kritischen Text nach, Fox-News äußert sich ebenso verwundert (was nicht viel heißen mag, da sie auch meinten, es sei erwähnenswert, dass sogar schon ein weiblicher Priester und eine lesbische Lkw-Fahrerin den Account geführt haben), der San Francisco Chronicle berichtete über den Vorgang, die Huff Post hat eine kleine Sammlung der Tweets zusammengestellt und ein in den USA anscheinend bekannter Talkshow-Moderator lästerte über die geringe Followerzahl von @Sweden.

Die Reaktion aus Schweden ist relativ gelassen und gleichzeitig deutlich. Gelassen insofern als darauf hingewiesen wird, dass es zu einem demokratischen Gemeinwesen gehöre, andere Auffassungen - solange sie nicht zu kriminellen Taten aufrufen, demokratiefeindlich sind oder Minderheiten bedrohen - zu tolerieren. Deutlich ist sie dort, wo sie auf das Selbstverständnis der Aktion hinweist. So stellt die Projektverantwortliche fest:

"Es ist natürlich bedauerlich, wenn Jemand durch diese Tweets verletzt worden sein sollte. Das ist nicht Sinn des Projektes. Gleichzeitig möchten wir aber auch betonen, dass es für uns wichtig ist, nicht anfangen beurteilen zu wollen, was in Ordnung ist und was nicht. Sonja stellt viele Fragen und regt zu Diskussionen an, dafür ist sie auch ausgewählt worden. Wenngleich ich es begrüßt hätte, wenn Sonja andere Worte gewählt hätte. Ich bin aber nicht der Meinung, dass sie eine gewisse Grenze überschritten hat."

Wie schon die Reaktion des norwegischen Ministerpräsidenten Stoltenberg auf das Massaker auf Utøya ("Vårt svar er mer demokrati, mer åpenhet og mer humanitet") und sein Aufruf zu mehr Offenheit ist auch die Antwort auf Schweden auf die US-amerikanischen Reaktionen zu verstehen. Die US-Medien kritisieren oberflächlich die Aussagen von @hejsonja, verstehen aber anscheinend nicht, dass ihre Kritik viel mehr den Erfolg des schwedischen Twitter-Ansatzes beweist. Der Schweden-Account wurde nicht aus PR-Gründen aktiviert, sondern um sich einen Eindruck von der Vielfalt der dortigen Gesellschaft zu machen und Diskussionen anzuregen. Mit dieser Toleranz und Meinungsvielfalt umzugehen, ist für einige US-Medien anscheinend zuviel des Guten. So wird auf slate.com dafür geworben, zukünftige Twitterer auf @sweden stärker an die Leine zu nehmen.

Auch dieser Autor auf slate.com hat das Konzept von @sweden leider nicht verstanden. Ihm sei ein Blick auf den Beitrag des schwedischen Bloggers Mathias Klang gegönnt.