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Montag, 4. Juni 2012

Neue Studie "Jeder für sich und keiner fürs Ganze?"

"Jeder für sich und keiner fürs Ganze?" ist der Titel einer neuen gemeinsamen Studie der Stiftung Neue Verantwortung und des WZB in Berlin. Der Untertitel weist auf die neuen Führungsanforderungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft hin. Leider aber verspricht der Titel mehr als dann in der Studie analysiert wird. Es geht mitnichten um den Gegensatz von einzelnen und gesellschaftlichen Interessen sondern eher darum, wie die Führungskräfte und Entscheider mit neuen Anforderungen, die Bürger, Kunden und Arbeitnehmer an sie richten, umgehen sollen. Zudem gibt es etliche Redundanzen, die leicht hätten vermieden werden können.



Als Hauptproblem moderner Entscheider (leider unterscheidet die Studie nicht nach formellen und informellen Entscheidungen, was angesichts der Materie eigentlich angebracht gewesen wäre) werden steigende Komplexität, unzureichende Reflexionsräume und das Agieren in getrennten Sektoren genannt.

Die Entwicklungen in den Sektoren sind weniger leicht vorhersehbar, da globale Interdependenzen das Ergebnis des Handelns unberechenbarer werden lässt (S. 7). Die Geschwindigkeit der Entwicklungen nimmt in Folge einer stetigen medialen Beobachtung und der abnehmenden Halbwertszeit des Wissens zu. Zugleich führen steigende Transparenz- und Partizipationsanforderungen zu mehr "Anspruchsgruppen" (die Begifflichkeit ist unglücklich und aus der Sozialstaatsdebatte entlehnt).

Die Rolle der Führungskraft verändert sich in diesem Kontext, da die formelle Hierarchie an Bedeutung abnimmt während der Anspruch an die Entscheider, unterschiedliche Anspruchsgruppen zu moderieren, Interessen auszugleichen, besser zu informieren, eine Orientierung vorzugeben und Interdisziplinarität zu fördern deutlich anwächst. Den Entscheidern wird in der Studie geraten, sich:
  • "Raum zu schaffen für Reflexion"
  • "auf Komplexitätsmanagement zu fokussieren"
  • "über den eigenen Bereich hinaus zu vernetzen"
Den Arbeitnehmern soll Wertschätzung entgegen gebracht werden, die Sinnstiftung ermöglicht werden. Interessanter Weise wird in dieser Studie wieder mal darauf verwiesen, dass emphatische Mitarbeiter "nur" Wertschätzung bräuchten, bei den Führungskräften jedoch die Boni an langfristige Erfolge geknüpft werden müssen. Ironischer Weise könnte man die Autoren der Studie fragen, wieso sie davon ausgehen, dass Führungskräfte automatisch nicht emphatisch seien - warum sonst bräuchten sie Boni?

Alles in allem kommt der Studie der Verdienst zu, das Thema medial interessant platziert und aufbereitet zu haben. Zudem vermag die Studie, das Thema in sehr strukturierter und kompakter Weise darzustellen. An die Grundsatzfrage reicht die Studie jedoch nicht heran, obgleich in den Zitaten aus der Befragung der Entscheider an einer Stelle genau diese Frage genannt wird:

"Ich glaube, dass der Staat und die Parteien heute die Leute nicht `führen´. Und diese wollen auch nicht mehr das Wort `Entscheider´ hören. Die Leute wollen nicht, dass für sie und über sie entschieden wird." (S. 18)

Nicht umsonst stellt die nahezu zeitgleich veröffentlichte Umfrage von Deekeling Arndt Advisors fest, dass 79% der befragten Entscheider meinen, dass die Manager großer Konzerne den durch die Finanzkrise entstandenen Vertrauensverlust in der Gesellschaft gegenüber den Unternehmen selbst zu verantworten hätten.