.

.

Samstag, 12. Mai 2012

re:publica (#rp12) - Zu den Sessions, der Orga und der Zukunft

Zu den Sessions

Die aus meiner Sicht spannendste Session war der gemeinsame Auftritt von Dmytr Kleiner und Jakob Appelbaum (aka @ioerror) zum Thema "Resisting the Surveillance State and its network effects". Ist Anonymus eine in sich radikal-demokratische Bewegung? Ist im Zuge der Aktivitäten Wikileaks das Problem oder die mit dem Leak aufgedeckte Lüge? Ist das System des Privateigentums bei der internetbezogenen Infrastruktur tatsächlich das adäquate Modell zum Betrieb einer die Weltgemeinschaft adressierenden sozialen Plattform oder hat nicht eine solche Plattform schon einen quasi-gesellschaftlichen Charakter? Wie ist die Hinrichtung eines Jugendlichen durch eine US-Drohne juristisch und moralisch zu bewerten?

Foto: Ole Wintermann
CC 3.0 Unported
Heute reicht eine Analyse der Internetaktivitäten von politischen Aktivisten anscheinend aus, um entsprechend radikalen Maßnahmen der Geheimdienste auszulösen. Appelbaum und Kleiner wählten drastische Beispiele, um auf die immense Wirkung von sozialen Plattformen auch auf juristische und politische Systeme hinzuweisen. Während in früheren Zeiten Geheimdienste Personen aktiv ausspähen mussten, geben diese Personen heute freiwillig all die Eigenschaften freiwillig preis. Appelbaum sprach daher auch folgerichtig vom "Stasibook".


In der Session über die Lizensierung von "Open Content" haben Till Kreutzer und Matthias Spielkamp von irights.info sehr strukturiert und auch für juristische Laien verständlich die verschiedenen Varianten der Creative Commens erläutert. Als häufig zu beobachtende Probleme wurden die Nutzung inadäquater Lizenzen, die schwierige Vergabe von Unterlizenzen auf einer Seite, die Abtrennung von Teilen eines Werkes oder die passende Weitergabe von Nutzungsrechten genannt. Es sei an dieser Stelle nochmals vermerkt, dass CC nicht die Lockerung des Urheberrechts bedeutet sondern ganz im Gegenteil die systematische Anwendung des Urheberrechts auch im privaten oder gemeinnützigen Bereich.

Foto: Ole Wintermann
CC 3.0 Unported
Eine Session von Glyn Moody beschäftigte sich unter dem Titel "Why ACTA is a threat to open data and the open Web" mit den Nebenwirkungen der SOPA/ACTA/PIPA-Initiativen. Häufig begegnet einem immer noch das Vorurteil, bei den genannten Initiativen ginge es vornehmlich um Copyright-Themen. Der Vollständigkeit halber seien hier nochmals kurz die wichtigsten Argumente gegen diese Initiativen genannt: a) Fundamentale rechtliche Prinzipien wie die Unschuldsvermutung und das staatliche Gewaltmonopol würden aufgegeben, b) Teilen wird per se als verdächtig eingestuft, so dass auch kollaborative Arbeitsweisen auf Sharing-Plattformen einem Generalverdacht ausgesetzt sind, c) Standard-Tools wie VPN könnten zukünftig als Diebstahl unterstützende Tools einem Verbot ausgesetzt werden (und damit grundlegende Kommunikationskanäle von Unternehmen gefährden), d) verlinkende Seiten könnten ebenfalls vom Netz genommen werden, was aber angesichts einer grundsätzlichen Verlinkung aller Seiten im Internet keinerlei Sinn macht.

In einer herausfordernden Session über das Problem des Trollens auf (feministischen) Websites wurde die Geduld der Zuhörer auf eine harte Probe gestellt. Die Ausführungen von @zeitrafferin und @laprintemps können auf SPON bestaunt werden. Die Grenze zwischen einer Performance und einem schlechten Vortrag war, wie auch eine Teilnehmerin in den Video anmerkt, nicht immer leicht auszumachen. (Eventuell intendiertes) Fazit: Trollen ist nervig.

Foto: Ole Wintermann
CC 3.0 Unported
Isaac Mao, ein chinesischer Social Entrepeneur aus Hong Kong, berichtete von seiner Idee des "Sharism". Sein Ansatz geht davon aus, dass "Teilen" eigentlich in der Natur des Menschen liegt aber bisher ohne Internet nicht gelebt werden konnte. Das Internet und seine Transparenz über den Ursprung von Ideen und Innovationen macht es jedoch zunehmend möglich, den Urheber zu identifizieren.  Damit rückt die Urheberrechts-Debatte in ein alternatives Licht. Zu teilen lohnt sich mehr als in vergangenen Zeiten. Soziale Netzwerke kommen daher der menschlichen Natur entgegen. Mao weiter: "The more you share the more you gain".

In einer von SPON gesponserten Session ging es um das Stichwort "Copyriots". Auf dem Podium waren die Vertreter sehr verschiedener Entgeltmodelle im Internet vertreten. Es wurden hierbei die von allen Seiten bekannten Argumente ausgetauscht, ohne dass man in der Summe oder Zusammenschau zu neuen Erkenntnissen gekommen ist. Auffällig an dem Thema ist v.a. die Vielfalt der Meinungen und Interessen, die einen etwas ratlos mit der Frage zurücklässt, in welchem Modell denn nun die Lösung gefunden werden könnte oder ob es auf Dauer nicht ein Nebeneinander unterschiedlicher Modelle gegen wird.

Eine Session zum Thema "Open Gov" mit dem Titel "Deliberation 3.0" beschäftigte sich überwiegend unter akademischen Gesichtspunkten mit Fragen von Strukturen, Institutionen und Prozessen. Während der Ansatz einer Systematisierung der verschiedenen Grade von Open Gov in Gestalt einer Matrix sicherlich von Nutzen ist, war eventuell die Erwartungshaltung bei den Teilnehmern eine andere gewesen. Es herrschte schnell der Eindruck, dass es auch von Interesse gewesen wäre, diese theoretische Systematisierung mit konkreten operativen Ansätzen zu füllen.

Gegen Ende der Konferenz wurden mehreren Sessions zum Thema Internet und Schule angeboten. Die Schule, so Jöran Muuß-Merholz in seiner Session mit dem Titel "Die Technologie von James Bond und Captain Kirk in den Händen von Schülern – totaler Kontrollverlust für die Schule?", verfolgen bisher eine Strategie der Verbote von Smartphones, eigenen Netbooks, der Eingabe spezifischer Urls oder der Nutzung sonstiger internetbezogener Tools. Diese Verbote schaden aber aufgrund des Fehlens von Sanktion und Überprüfbarkeit der Glaubwürdigkeit des auf Kontrolle ausgelegten Schulsystems. Kontrollverlust ist aber gerade in Kontrollinstitution problematisch. Kontrolle erfolgt nach Angaben des Vortragenden bisher durch die Vorgabe von Schulbüchern, Arbeitsformen, Tools, der Medienform (Handschrift), der Zeit und des Raums sowie der Ausstattung der Schule. Der Lösungsansatz besteht nach seinen Vorstellungen in der realistischen Erwartung eines zukünftigen das System herausfordernden Abi-Leaks und der zunehmenden Konzentration auf gemeinschaftlich ausgehandelten Konventionen, damit deren Einhaltung auch von den Schülern selbst im Auge behalten behalten wird.

Foto: Ole Wintermann
CC 3.0 Unported
Zur Organisation

Nachdem der Friedrichstadt-Palast anscheinend zu eng geworden war, ist man dieses Jahr in die Station-Berlin umgezogen - ein Umzug, der sich gelohnt hat (wenngleich die etwas vom Zentrum entfernte Örtlichkeit einen längeren Anfahrtsweg bedeutete). Die Location passte zum Thema und strahlte mehr Offenheit als der Palast aus. Glückwunsch zur Wahl dieser Location.

Weiterhin positiv zu vermerken ist ein deutlicher Anstieg der englischsprachigen Sessions. Wenngleich in diesen Sessions natürlich nicht in derselben Tiefe diskutiert wurde und die Zahl der möglichen Fragesteller etwas eingeschränkt wird, lohnt sich die Zweisprachigkeit, da dadurch das Themenspektrum deutlich angewachsen ist.

Die Weitläufigkeit und die über das Gelände verteilten Essenstände haben einen übermässigen Andrang der Besucher zu den Essenszeiten (die es aber sowieso nicht wirklich gab) vermeiden helfen.

Die Einbeziehung von klassischen Playern hat wie immer Vor- und Nachteile. Dass Daimler, DHL, die ARD, Simyo und die DW natürlich auch andere Besucher anziehen als die klassischen Besucher der ersten RPs, dürfte nachvollziehbar sein. Gleichzeitig hat sich aber natürlich auch die Infrastruktur insgesamt verbessert (den Internet-Fail muss man ja nicht weiter thematisieren...). Die Veränderung der Zusammensetzung der Besucher hat man interessanter Weise auch in der Art der Tweets sehr gut sehen können. Während noch im letzten Jahr inhaltliche Tweets dominierten, waren diese dieses Jahr deutlich in der Minderzahl.

Zur Zukunft

Ein Blick in die nähere Zukunft lässt mehrere spannende Fragen im Kontext der Veranstaltung aufkommen:

  1. Gibt es eine Grenze der Zahl der Teilnehmer, ab der ein produktiver Austausch kaum noch möglich erscheint?
  2. Führt das stetige Anwachsen der Teilnehmerzahl eventuell zu einer Veränderung der Zielgruppe dahingehend, dass politische Innovation unwahrscheinlicher und politischer Konsum wahrscheinlicher wird?
  3. Trotz einer beeindruckenden Teilnehmerzahl gibt sich politische Prominenz bisher kaum die Ehre. Was könnte der Grund für diese scheinbare Kluft zwischen Off- und Onlinern sein?
  4. Bisher sind viele Diskussionen tool-orientiert. Wie könnte man - wie schon zum Politikfeld Bildung - die Anwendungsorientierung erhöhen?
Ich bin mir sicher, dass das Orga-Team wahrscheinlich schon längst mit der Planung für die nächste re:publica beschäftigt ist. 

Danke an die hervorragende Orga-Arbeit für dieses Jahr und viel Erfolg für die re:publica 13!