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Freitag, 27. April 2012

"H" wie Herdprämie - Erfahrungen aus dem Norden

Die Armutsfalle
Foto: Ole Wintermann CC 3.0 Unported
Es ist mit Blick auf die Herdprämie schon interessant, welche Emotionen freigesetzt werden können, wenn es um die Interpretations-Hoheit bezüglich der "einzig richtigen" Rolle der Mutter und Frau geht.

Da beschimpfen kinderlose Politikerinnen Mütter (und Politikerinnen) aus dem konservativen Lager, da zerreissen Journalistinnen in emotional geschriebenen Artikeln des deutschen Feuilltons das "Werk" der Bundesfamilienministerin. Es ist schon verwunderlich, dass Frauen in einer solchen Art und Weise übereinander herfallen (kurze Zeit bestand Hoffnung, dass die Welt mit weniger lautstarken Männern in öffentlichen Positionen eine bessere würde), nur weil der Lebensentwurf der einen nicht dem Lebensentwurf der anderen Frau passt oder entspricht:

taz: "Kristina Schröders Buch wäre nur als Kündigungsschreiben glaubwürdig"
FR: "Die Leere im Denken der Kristina Schröder"
WDR-Blog: "Dann hätte ich doch lieber Frau Schwarzer auf dem Ministerposten"
SPON: "In Wirklichkeit versucht Schröder sich so aus der Verantwortung zu stehlen"

Eigentlich könnten wir uns eine lange feinsinnige sachpolitische Debatte sparen und besser gleich zum Punkt kommen. Voraussetzung wäre die Nutzung von Google Translator (falls nötig) und 10 Minuten Recherche, um heraus zu finden, welchen schlechten Erfahrungen die Skandinavier mit der dortigen Herdprämie gemacht haben (wir abstrahieren jetzt mal weltfremd von der Tatsache, dass es ja gar nicht um die Sache geht). Frau könnte doch tatsächlich auf die Idee kommen, sich dieses in vielerlei unsinnige politische Experiment zu ersparen, ohne in die Mottenkiste der Ideologie greifen zu müssen.

Man kann sich sowohl auf der Regierungsseite zu der von der Opposition vorgeschlagenen Reform des "Vårdnardsbidrag" als auch im Svenska Dagbladet sowie Sveriges Radio und natürlich dem Original-Bericht ausführlich über die (negativen) Folgen der bisherigen Regelung informieren. Die von der Regierung eingesetzte Expertengruppe ist im letzten Jahr zu folgenden Ergebnissen gelangt, die umso mehr ernst genommen werden müssen, als dass die schwedischen Regierungskommissionen für ihre Überparteilichkeit bekannt sind:
  1. Da der Betrag nicht zu einer eigenständigen Versorgung des Ehepartners, der zuhause bleibt, führt und (dort) auch keine Rentenpunkte mit sich bringt, stärkt dies auch über die Jahre hinaus die Abhängigkeit vom verdienenden Ehepartner.
  2. Insbesondere für Migrantinnen kann der Zuschuss zu einer Armutsfalle werden, da deren Arbeitsangebot signifikant eingeschränkt wurde.
  3. Die subventionierte Abwesenheit vom Arbeitsmarkt erschwert den späteren Wiedereinstieg.
  4. Die Abwesenheit des Kindes von Kindergärten verstärkt eventuell schon vorhandene Sprachentwicklungsstörungen.
  5. Die Aufteilung der Kinder im Vorschulalter verstärkt Segregationstendenzen in der späteren Schullaufbahn.
  6. Diese Tendenz zur Segregation kann verstärkt werden, wenn Kindergärten infolge der Unterbringung zuhause geschlossen werden müssen, und den Kinder damit höchst unterschiedliche Startchancen auf dem Weg ins Leben mitgegeben werden.
  7. Interessante Randnotiz: Die Expertengruppe weist darauf hin, dass das Elterngeld teilweise dieselben negativen Auswirkungen wie die Herdprämie hat.
Auf die Erfahrungen in Norwegen und Finnland wird insbesondere auf der S. 62 des ursprünglichen Expertenberichts eingegangen.

Fazit: Die Herdprämie hat in Skandinavien zu sehr negativen Folgen für Migrantinnen, zuhause bleibende Ehepartner, die Entwicklungschancen der Kinder und das volkswirtschaftliche Arbeitsangebot sowie indirekt die öffentlichen Finanzen geführt. Frau kann sich also die agressive Rhetorik gegen andere Rollenmodelle sparen und sollte stattdessen einfach auf die vielen negativen Folgen hinweisen, die die gesamte Bevölkerung treffen würden.