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Donnerstag, 15. März 2012

Schwedische Feministinnen ersinnen politisch korrekte Kunstworte

Nachdem es heute ein mutiger Artikel zum Genderwahn in der medialen Diskussion auf ZEIT-online geschafft hat, passt ein weiteres Beispiel aus der schwedischen Gender-Debatte sehr gut zur Grundaussage des ZEIT-Textes. In Schweden sind jetzt die ersten extremen Vertreter dieser Ideologie dazu übergegangen, neue Kunst-Personalpronomen zu erdenken, mit denen Kinder geschlechtsneutral erzogen werden sollen.

Worum geht es?


Hen statt han und hon

Auf der schwedischen Blogger-Seite www.newsmill.se wird seit einigen Wochen eine Geschlechter-Diskussion geführt, die in dieser Offenheit und Vielfalt in Deutschland (nicht möglich) nicht denkbar wäre. Hintergrund dieser Diskussion ist die alte Frage nach dem tatsächlichen Grad der sozialen Konstruktion von Geschlecht. In Schweden ist diese Diskussion in manchen extremen Kreisen inzwischen so weit fortgeschritten, dass die Nutzung eines vollkommen neuen Personalpronomens ("hen" statt "han"= er oder "hon"=sie) vorgeschlagen wird, um die Kinder nicht frühzeitig auf angeblich sozial konstruierte Geschlechterrollen festzulegen (nicht umsonst wird mit "hen" ein Wort ersonnen, das dem weiblichen Possessivpronomen "henne" (ihr) entlehnt scheint). Es wird gefragt, warum wir denn nicht alle neutral und gleich sein sollten. Es treibt inzwischen seltsame Stilblüten hin zu Büchern, die nur noch mit fiktiven Personalpronomen bei den Beteiligten arbeiten ("Känn med hen"), um nicht nur Rollenbilder bei den Kindern zu vermeiden sondern den Eltern in diesen Büchern keinerlei Rollen- oder Aufgabenzuschreibung mehr zuzuordnen.

Im Gegensatz zu Deutschland kommen in Schweden aber auch Kritiker zu Wort, so dass insgesamt eine ausgewogene Diskussion auf Newsmill geführt wird (mir ist kein deutsches Pendant bei diesem Thema bekannt). Die Kritiker dieses Kunstwortes weisen darauf hin, dass Kinder bereits mit Geschlechterrollen geboren werden und fragen, warum es diesen Drang gibt, allen Menschen ihre Rollen und Selbstverständnisse abzusprechen.

Interessant bei Betrachtung der Protagonisten auf Newsmill ist, dass die Befürworter aus der Gleichstellungspolitik und der Literatur stammen, während die Kritiker überwiegend aus der Wissenschaft kommen. Diese Aufteilung stellt natürlich nur ein Blitzlicht dar; jedoch kann dieses Blitzlicht nicht ganz aus der Luft gegriffen sein, wenn man die aktuellen Beitrag des Kulturwissenschaftlers Claes Andersson von der Chalmers Universitet unter dem Titel "Keine Wissenschaft hinter dem Gedanken vom postmateriellen Geschlecht erkennbar" liest.

Geschlechterforschung als wissenschaftsferne Philosophie

Andersson betont, dass man gerade bei der wissenschaftlichen Betrachtung sozialer Prozesse viele Blickwinkel in die Betrachtung mit aufnehmen muss; welche Bedeutung haben soziale Interaktionen, Traditionen, Geschichte und auch die Biologie. Er kritisiert die Geschlechterwissenschaft in ihrer alleinigen Fokussierung auf den sozialen Kontruktivismus, da sie die Biologie nicht im entferntesten mit die Analyse einbezieht. Andersson hebt die um sich selbst kreisende Theoretisierung der Geschlechterforschung hervor (dies kennen wir hierzulande von der VWL). Er sieht den Grund für diese Einengung in der Dominanz postmaterieller Theoriemethoden. Das Postmoderne ist nach Andersson durch Skepsis gegenüber Autoritäten, Generalisierungen und gesellschaftlichen Institutionen gekennzeichnet. Soziale Normen sind nun die Essens als dieser Kritik gegenüber der Gesellschaft. Da diese aber in allen Interaktionen vorkommen, gilt es, diese zu hinterfragen und eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber Normen zu erreichen. Andersson verortet die Vertreter dieser Verachtung jeglicher Normen und sozialen Zuordnungen in den Humanistischen Wissenschaften, von denen aus nun auch die Einführung des neuen Personalpronomens voran getrieben wird.

Theoriegeschichtlich nennt Andersson drei philosophische Ursprünge für diese Bewegung. Erstens ist dies der Existenzialismus ("etwas zu sein", "sich selbst zu entdecken", "man wird erst nach dem konstruiert, was man (er) lebt"). Zweitens nennt er Psychoanalyse und Linguistik, die Texte nur als auf anderen Texten und Interpretationen konstruiert aufbauend betrachten. Damit werden Textinhalte vollkommen irrelevant; Zielrichtung und Herkunft des Textes werden wichtiger als der Inhalt. Damit rückt die Machtfrage in den Mittelpunkt. Von wem stammt der Text und mit welcher Zielrichtung wurde er geschrieben? Drittens schließlich beschreibt er die marxistisch geprägte Analyse, die die gesellschaftliche Entwicklung als das Ergebnis von inneren sozialen Konflikten ansieht.

Die das Licht gesehen haben

Er kritisiert aber nicht die postmaterielle Theoriebildung an sich sondern ihre um sich selbst kreisende Tautologie, die zu Paranoia, Relativismus und einer "brennenden Unversöhnlichkeit" geführt hat. Er kritisiert das Selbstverständnis dieser Theorieanhänger als Diejenigen, die "das Licht gesehen" haben und die durch Rollen gefangene "Blinden" zum Sehen bringen wollen. Wissenschaft wird nach Meinung der "Sehenden" als Machterhaltungsinstrument der alten (patriarchalischen) Gesellschaft betrachtet.

Andersson leitet nun aus der Analyse der postmateriellen Methode folgerichtig die Frage ab, auf welch wissenschaftlicher Basis denn die Geschlechterforschung nun zu dem Schluss kommt, dass Mädchen und Jungen bei der Geburt vollkommen "unbeschriebene Blätter" seien. Sowohl Naturwissenschaft (Biologie) als auch schon die einfache Intuition sprechen gegen diese Aussage der Geschlechterforschung. Er kommt zu dem Schluss, dass hinter dem postmodernen Geschlecht ("hen") keine wissenschaftliche Erkenntnis - ja noch nicht einmal die Ambition wissenschaftlich zu arbeiten - sondern eben eine philosophische Haltung verborgen ist.

Abschließend stellt er die wichtige Frage, ob Politik und Medizin (geschlechtsspezifische Medikation) wirklich eine Philosophie als Grundlage ihrer Entscheidungen heran ziehen wollen. Andersson positioniert sich eindeutig, indem er am Ende feststellt, dass er hinter diesem Betreben ("hen") Ideologie und den Versuch der Indoktrinierung - auf gar keinen Fall aber eine Wissenschaft - sieht.

Ich warte auf den Tag, an dem auf SPON ein solcher Artikel die interne "Zulassungsbeschränkung" überwunden hat und die Debatte hierzulande etwas bunter wird.