.

.

Donnerstag, 29. März 2012

Schulhefte auch weiterhin nur lokal verfügbar


In welcher Weise werden die Schüler, die heute in Deutschland die Schulen besuchen, eine reelle Chance haben, im weltweiten Wettbewerb um die besten Köpfe und innovativsten Standorte zu bestehen? Da es aber natürlich nicht nur um die Wettbewerbsfähigkeit des ehemals in den 1990er Jahren sogenannten "Humankapitals" geht, muss diese Frage natürlich gerade aus der individuellen Perspektive gestellt werden: "Geben wir den Kindern die Tools mit auf den Weg, mit denen sie sich in der Informationsvielfalt des WWW zurecht finden können?" (Danke an Anke für den Hinweis!) 

Das gemeine Schulheft - leider nur lokal verfügbar

PISA, der Life Long Learning Index und der Chancenspiegel zeigen immer wieder mehr als deutlich, dass Deutschland im weltweiten Wettbewerb der Bildungssysteme im besten Fall einen mittleren Platz belegt. Im innerdeutschen Vergleich wird zudem immer wieder deutlich, dass die beruflichen Chancen der Schüler von der meist vom Arbeitsplatz der Eltern abhängigen Wahl des Wohnortes abhängen. Von einer freien Wahl der Bildungsinstitution kann - auch gerade mit Blick auf die kommunalen Hürden gegen die freie Schulwahl - mit Sicherheit nicht die Rede sein. Dann macht jedoch auch Wettbewerb absolut keinen Sinn, da die "Nachfrager" eben keine Souveränität über ihre Entscheidung besitzen.

Diese "Lappalie" in der fehlenden Konsistenz der Argumentation hält aber v.a. bayerische Experten nicht im geringsten davon ab, auf die vermeintlichen Vorzüge ihres Systems im innerdeutschen Vergleich hinzuweisen (so Eberhard Sinnet, Medienpolitischer Sprecher der CSU-Fraktion im Landtag, der unter dem Account @bavarianrebel zu den aktuellen bildungspolitischen Diskussionen twitterte: "@olewin @ciffi @schb @ZdIntegration The secret of #Bavaria´s success is learning from the best rather than from national mistakes"). 

Die durch diese Indizes wichtige angestoßene Diskussion um die Leistungsfähigkeit der Systeme wird in der Folge von der Politik leider zu sehr auf den institutionellen Charakter fokussiert. Bildungsideologien beider großen Parteien und föderale Winkelzüge gegen die Vergleichbarkeit der Bildungsabschlüsse sowie Intransparenzen, die durch Kultusministerkonferenzen nicht aufgelöst werden wollen/sollen, überdecken die praktischen Probleme des Schulalltags. Reicht es wirklich aus, bildungspolitische Zuständigkeiten zu verändern oder sollten nicht vielmehr Methoden und Inhalte des Schulunterrichts hinterfragt werden? Wird nicht an dieser Stelle viel zu wenig auf engagierte, innovative und für neue Ideen und Methoden offene Lehrkräfte und schulische Institutionen gehört? Reformansätze gibt es dort jederzeit zu besichtigen. Allein, sie werden nicht wahrgenommen.

Dass die Welt nicht auf die Langsamkeit der deutschen Reformdebatte Rücksicht nimmt, zeigt die Veröffentlichung der iBooks-Author Software durch Apple, die nichts anderes als die Demokratisierung der Lehrinhalte - sowohl in deren Entstehung als auch deren Verwendung - mit sich bringt. Ungeachtet der möglichen ökonomischen Interessen findet doch längst eine eBook-Realität statt. Die Bibliotheken, wie wir Älteren sie kennen, werden in kürzester Zeit der Vergangenheit angehören, ist doch der Unterhalt eines solchen großen realen Ortes der Sammlung von bedruckten Papierseiten (die man zudem umweltschädlich vom Ort der Sammlung zum Ort des Lesens zeitaufwändig transportieren muss) angesichts leerer kommunaler Kassen nicht mehr zu verargumentieren.

Es war in der 5. Klasse, als ich zum ersten Mal die Bedeutung des Führen eines Heftes bzw. einer Mappe durch die unerbittlichen Logik einer Lehrkraft vermittelt bekam. Leider war aber das Bemühen des Lehrers erfolglos. Bis heute hat sich mir das Führen eines Heftes in seiner Bedeutung nicht erschlossen. Warum ist das aber überhaupt relevant? 

Das Führen eines Heftes soll der Theorie nach die Sorgfalt im Umgang mit den Inhalten des Unterrichts erhöhen und dem Lehrstoff eine Struktur geben. Außerdem geht es darum, dass der Schüler in Vorbereitung der schriftlichen Prüfungen nochmals in die Unterlagen schauen und sich vorbereiten kann. Leider steht dieses gut gemeinte Ansinnen des Führen eines Heftes symptomatisch für viele Alltagsprobleme in der Schule. Das Problem ist, dass diese Methode der Heftführung für spätere berufliche Tätigkeiten absolut irrelevant ist. 

Ein Schulheft:
  • ist nicht digital, während Lehrmaterialien in naher Zukunft digitalisiert sein werden
  • ist nicht in der Art und Weise durchsuchbar, wie wir es inzwischen bei Dateien jeden Typs gewohnt sind,
  • enthält nicht alle relevanten (und im Netz verfügbaren) Fakten eines Unterrichtsthemas,
  • verneint die im PC-Alltag gängige Praxis der einfachen Suche statt der Navigation durch die Inhalte mit Hilfe von Ordnerhierarchien
  • und ist im Gegensatz zur Cloud nur lokal verfügbar.  
Kurz: Ein Schulheft steht für eine Leitz-Ordner-Logik des letzten Jahrhunderts. Diese Leitz-Ordner wird es aber nicht mehr geben, wenn die heutigen Schüler in den Arbeitsmarkt eintreten. Damit haben aber die Schüler eine Ordnungslogik kennen gelernt, die sie in nahezu keiner Weise mehr anwenden können. 

Um dieses Dilemma zu vermeiden, bräuchte man aber sehr viel weniger als einen Grundsatzbeschluss einer Kultusministerkonferenz. An den Schaltstellen des Bildungssystems sitzen aber mehrheitlich Mitglieder der Baby-Boomer-Generation, die in der Summe eher nicht mit dem PC sozialisiert worden sind. Wahrscheinlich wird die Piratenpartei demnächst auch zu Bildungsthemen punkten.