.

.

Donnerstag, 23. Februar 2012

Jährlich wird 85.000 Jungen in NRW bessere Bildung vorenthalten

Die Erfahrungen aus den letzten Jahren mit der Bildungsbenachteiligung von Kindern von Eltern, die einen Migrationshintergrund haben, kann wertvolle Hinweise auf andere sozioökonomische Gruppen geben, die eigentlich eine höhere Bildungsbeteiligung aufweisen müssten, tatsächlich aufgrund von institutionellen Hemmnissen aber eine geringere als statistisch eigentlich erwartbare Qualifikation aufweisen. Die bekannteste Gruppe bilden sicherlich die Kinder aus Familien, die durch einen Bildungsabschluss unterhalb des Gymnasiums geprägt sind und schließlich die Arbeiterkinder, die nach wie vor nur in Ausnahmefällen den Sprung auf die Universität schaffen. Mit Blick auf diese drei sozioökonomischen Gruppen der Bevölkerung hat sich zum Glück in den letzten Jahren die Erkenntnis durchgesetzt, dass es kaum Sinn macht, von einem individuellen Defizit sondern vielmehr von einem verschenkten Potenzial zu sprechen. Jeder Prozentpunkt der allgemeinen Hochschulreife dieser Gruppen, der unter dem Durchschnitt der allgemeinen Bevölkerung liegt, stellt verspielte Bildungschancen und damit unter Umständen menschliche Schicksale wieder.

Es wird Zeit, dass diese Diskussion auf die Bildungsbe(nach)teiligung der Jungen übertragen wird.

Es ist gar nicht so einfach, gegenderte Zahlen für das Bildungssystem auf Landes- und kommunaler Ebene zu finden. Trotz intensiver Suche und Nachfrage bei verschiedenen Gleichstellungsstellen habe ich keine Zahlen für die kommunale Ebene (allgemeine öffentliche Schulen) finden können. Die folgenden Zahlen beziehen sich auf das Land NRW (ohne private Ersatzschulen) und stellen die jeweiligen Anteile der Männer/Jungen in den öffentlichen Schulen und im Lehrkörper (der öffentlichen und Ersatzschulen) dar.

Quelle: NRW Schulministerium


Während auf der Grundschule - nur bedingt durch den natürlichen Geburtenüberschuss der Jungen - der Anteil der Schülerinnen bei 49% liegt, kommt es beim Übergang auf die weiterführenden Schulen zu einer starken geschlechtsspezifischen Selektion. Nach der Grundschulzeit kann festgestellt werden: der Anteil der Schülerinnen steigt über alle Schulformen hinweg mit dem Grad der Qualifikation. Somit sind ca. 2/3 der Schüler auf Hauptschulen sowie Schüler ohne Schulabschluss Jungen, während Schülerinnen 56% der Abiturienten stellen. Die geschlechtsspezifische Auswahl findet ausgerechnet im Rahmen der Grundschule statt, die durch einen Frauenanteil bei den Lehrern von 90% geprägt ist.

So scheint es nicht weiter verwunderlich, wenn die Geschlechterselektion sowohl durch den hohen Frauenanteil bei den Entscheiden als auch durch mangelndes Verständnis des Verhaltens von Jungen verursacht wird. Bezogen auf die Abkehr von der Defizit- und Hinwendung zur Potenzialdiskussion bedeutet dies, dass jährlich 85.000 Jungen bessere Bildung vorenthalten wird (unter der Bedingung einer statistisch eigentlich zu erwartenden gleichen Geschlechterverteilung über alle Schulformen hinweg), und dies nur aufgrund ihres Geschlechts.

Eine Änderung dieser Diskriminierung durch besseres Verständnis und v.a. Akzeptanz des Verhaltens von Jungen ist nicht in Sicht, wenn man die überdurchschnittlichen Frauenanteile in fast allen Schulformen ansieht. So wird stets, wenn diese Debatte angestoßen wird, reflexartig auf die geringen Frauenanteile in Führungspositionen - insbesondere den DAX-Unternehmen, hingewiesen. Auch an dieser Stelle kommt es tatsächlich zu einer geschlechtsspezifischen Diskriminierung.

Es muss aber gefragt werden, ob es volkswirtschaftlich sinnvoller ist, sich erst einmal um 85.000 Jungen jährlich zu kümmern oder um eine Handvoll von Führungspositionen in den DAX-Konzernen - ganz abgesehen von den persönlichen Tragödien unzugänglicher Bildungschancen, die sich hinter den 85.000 Jungen verbergen.