.

.

Donnerstag, 13. März 2014

#AnalogeAgendaDE

Update März 2014


Kein Zugang zum Netz - deutsche ICEs
Foto: Ole Wintermann

Die Wiederkehr des Notizzettels

Jetzt sitze ich hier 2 Jahre nach meinem ersten Text (s.u.) über die miserable Internetverbindung in deutschen Zügen im ICE ganz klassisch vor einem digitalen Notizzettel. Vor 15 Jahren hatte dieser Zettel noch analoge Gestalt, heute kommt er in digitaler Gestalt - aber offline auf dem PC - daher. Auf diesen Zettel schreibe ich all den Ärger, der sich ergibt, wenn man jahrelang versucht, in deutschen Zügen online tätig zu sein, und die Versorgung letztlich schlechter ist als in Überlandbussen der Türkei oder inzwischen auch in Fernbussen in Deutschland. Der absolut frustierende Versuch, aus einem ICE Richtung Berlin heraus mit einem UMTS-Stick in das Internet zu kommen, wurde inzwischen in seiner Hoffnungslosigkeit abgelöst durch den Versuch, durch bordeigene Hotspots der DTAG im Zug das Netz nutzen zu können. Erst zahlt man, dann funktioniert die Anbindung an den Router oder das Wlan nicht, weil wahrscheinlich zu viele Mitreisende das Netz ebenfalls nutzen wollen.


Analoge Agenda Deutschland?

Da stellen sich in diesen Tagen die politischen Führungskräfte Merkel und Dobrindt vor die Kameras des linearen Analog-TV u.a. auf der Ingenieur lastigen Cebit Veranstaltung, das in seiner öffentlich-rechtlichen Berichterstattung den Flair der magentafarbenen T-Com-Aktien-Werbung der 1990er Jahre versprüht, und verkünden, wie wichtig dieses Internet und die entsprechende Infrastruktur in den nächsten Jahren sei.

Welche Regierung hat denn die international miserable Infrastruktur zu verantworten? Wie oft haben in den Jahren der gelb-schwarzen Koalition die Marktapologeten der FDP in den entsprechenden Gremien und Enquete-Kommissionen immer wieder erst darauf hingewiesen, dass dieses Defizit der Infrastruktur der Markt lösen müsse (in den USA wartet die Straßeninfrastruktur seit 50 Jahren auf die Einlösung dieses marktlastigen Heilversprechens) und als dies nicht in Erfüllung ging, dann darauf verwiesen, dass LTE die Lösung aller Versorgungsprobleme sein werde.


Die Pioniere haben die Kugeln immer im Rücken

So beschrieb es mal einer unserer Projektpartner. Sieht man sich die Netzpolitiker der großen Parteien an, so fällt auf, dass an den entsprechenden Schaltstellen der Fachministerien jetzt eben nicht die langjährig aktiven Netzpolitiker sondern konservative Themenopportunisten sitzen, die versuchen, das Thema zu kapern, um sich damit zu profilieren, die aber nicht im geringsten eine Netzvergangenheit besitzen und daher wenig thematische Glaubwürdigkeit - eine Währung des Netzes - besitzen. Kein Wunder, dass aus dieser Position heraus Versprechen getätigt werden, deren technische Umsetzung und Finanzierung vollkommen ungeklärt ist. Aber eines muss man ihnen lassen: Sie können sich medial besser verkaufen als diese so nerdigen sachorientierten Netzpolitiker.


Es wird die gewohnte Beschwichtigung einsetzen

Und? Wird man fragen. Wo ist das Problem, wenn dieses Thema jetzt von vollkommen fachfremden Menschen endlich vorangebracht wird? Muss man nicht vielmehr dafür dankbar sein, dass das Establishment endlich die Relevanz des Themas erkennt und sich darauf stürzt? Ja, man könnte dieser Meinung sein. Man könnte aber auch hinterfragen, wie Prozesse der Innovation in einer alternden Gesellschaft ablaufen. Eine wie die deutsche stark alternde Gesellschaft ist auf Innovationen junger Menschen angewiesen, denen dann auch die Mittel in die Hand gegeben werden müssen, um diese Innovationen alltagstauglich umzusetzen.


Welches Signal sendet also dieser politische Opportunismus?

Ist es nicht vielmehr das Signal, dass im Silicon Valley (Seht euch den Kai Diekmann an) die Chancen der Umsetzung größer sind, dass sich eine alternde Gesellschaft gegen jede neue technische Innovation sperrt und stattdessen dem Buchdruck huldigt, dass die politische Ökonomie dieser Gesellschaft Rentenerhöhungen vor Bildung und technische Inventionen stellt? Dass der vertraute VW Golf wichtiger als dieses Netz mit seinen Facebook-Partys ist?


Blogpost aus Februar 2012

Die Argumente sind alle ausgetauscht. Mit einer buddhistisch inspirierten Ruhe verweist die FDP in der Frage des Breitbandausbaus in Deutschland immer wieder auf den Markt. So war im Rahmen des netzpolitischen parlamentarischen Abends von dem Vertreter der FDP gar zu hören, ein weiterer kabelgebundener Ausbau sei nicht notwendig, da der neue LTE-Standard eine leichtere Umsetzung des Ziels einer umfangreichen Breitbandversorgung garantiere. Dass dies in der Pauschalität nicht haltbar ist, ist selbstredend nachvollziehbar.

Wie sieht aber die Realität aus? 

Der Software-Entwickler Matthias Bauer (alias @Moeffju) hatte in seiner Aktion "Wir sind Einzelfall" zur Klärung der O2-Verbindungsprobleme ausdrücklich auf die Probleme in den Städten hingewiesen. Bis heute ist in den deutschen Großstädten keine flächendeckende Versorgung mit UMTS erreicht worden; vor dem Hintergrund dieser Praxiserfahrungen ist der Hinweis der FDP auf den Markt und den LTE-Standard schon kurios.

Ich war in den letzten Tagen 5 Stunden in ICEs zwischen deutschen Großstädten unterwegs. In den 5 Stunden hatte ich ca. eine halbe Stunde einen solchen Empfang, der zumindest das Aufrufen von Seiten wie SPON ermöglicht hat. Ansonsten war zumeist gar kein Empfang bzw. ein Empfang im GRPS-Standard erreichbar, der aber allenfalls zum Austausch von SMS ausreichend ist. Bei meinem Aufenthalt in der Berliner Innenstadt war direkt am Fenster des Hotels ebenfalls nur GPRS-Empfang möglich. Der Internetzugang für 1 Tag kostete vor Ort - auch das eine Besonderheit in deutschen Hotels - 15 Euro.

Auf dem Rückweg aus der großen Stadt in das flache Land hinein musste ich dann einem verdutzten Schweden erklären, dass es in Deutschland quasi keinem ICE mit wlan-Empfang gibt (nachdem die Schaffnerin mit Unverständnis auf seine Frage nach Internetzugang reagiert hatte). Wie soll vor dem Hintergrund einer solchen Realität ein Hinweis auf die Marktkräfte ernst genommen werden? Wieso bieten Städte in Schweden öffentliches wlan an? Wieso kann selbst in türkischen Überland-Bussen wlan-Empfang gesichert werden? Und wieso kann dies in Deutschland nicht umgesetzt werden? Die Lücke Das riesengroße Loch in der Internetversorgung im deutschen Bahnverkehr wird langsam zu einem Ärgernis und wahrscheinlich auch zu einem Standortnachteil. Es reicht dabei nicht das Fokussieren auf die inneren Innenstädte, die ja demnächst mit LTE versorgt werden sollen. Denn das ist allein Marketing der Telekomunternehmen, die Rosinenpicken mit Blick auf die Rendite an diesen Standorten betreiben. Eine Grundversorgung mit einem ausreichenden und tatsächlich flächendeckenden Internetzugang kann nicht allein mit Marktmechanismen erreicht werden; diese Erkenntnis gehört zum Grundstudium eines jeden angehenden Volkswirtes.
Die typische Antwort eines Marktradikalen wäre, dass der Markt aufgrund von Politikversagen nicht funktionieren kann. Diese Vorhersehbarkeit ist so langweilig.