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Montag, 13. Februar 2012

Bildung ist Verlierer der Demographie

Man könnte durchaus vermuten, dass es sich bei den beiden folgenden Bildern um alte Lagerhallen, Fabriken im Pott, Parkhäuser oder Keller von Krankenhäusern handelt. Dem ist aber nicht so; es handelt sich um die Innenaufnahmen einer deutschen Universität. Der Name tut nichts zur Sache, da der Eindruck stellvertretend steht für die baulichen Zustände an Universitäten hierzulande. Sicher gibt es auch Gegenbeispiele. Bedenklich stimmt aber, dass es sich nicht um eine kleine unbekannte Uni handelt, bei der der Verdacht bestünde, sie kämpfe um das Überleben.

Interessant wird es aber erst, wenn der demographische und finanzpolitische Kontext hergestellt wird.

Quelle: Ole Wintermann, CC BY-NC-ND 3.0

Quelle: Ole Wintermann, CC BY-NC-ND 3.0
Der Blick auf die demographischen und finanzpolitischen Kennziffern offenbaren die Herausforderung,  vor das Bildungssystem in Deutschland in den nächsten Jahren stehen wird. Dabei geht es nicht um eine von Widersprüchen freie ausdifferenzierte Studie, sondern um den Dreiklang von Ausgangslage (suboptimale Bildungsinfrastruktur), gegenwärtig (nicht vorhandene) vorhandene Ressourcen zur Verbesserung der Infrastruktur (Verschuldung bereits auf einem viel zu hohen und nicht nachhaltigen Level) und der demographischen Aussicht, dass das Erwerbspersonenpotenzial (das maßgeblich für das Lohnsteueraufkommen ist) in den nächsten 40 Jahren um 1/3 schrumpfen wird. 

Kurz gefasst: Wir befinden uns in einer suboptimalen Ausgangslage und werden zukünftig immer weniger Handlungsspielraum haben, dies auch nur ansatzweise zu verbessern. Dabei ist noch nicht einmal die politische Ökonomie einer alternden Gesellschaft berücksichtigt. Schon heute werden 38% der Ausgaben im Rahmen des Bundeshaushaltes für Renten (zuschüsse!) und Schuldendienst verwendet (Quelle). 6% der Ausgaben werden für Bildung und Forschung, 2% für Familien verwendet. Bereits heute - während die Baby-Boomer noch vollkommen in den Arbeitsmarkt integriert sind - ist jeder 4. Bundesbürger Bezieher einer Altersrente. Während also einerseits betont wird, wie wichtig Bildung zur Bewältigung der Demographie sei, wird andererseits Bildung zugunsten der Rentenzuschüsse vernachlässigt. 

Wie wird sich die Ressourcenverwendung weiter verändern, wenn die Baby-Boomer zu Rentnern werden? Gibt es dann noch Anreize für die heute 0-16-Jährigen, in diesem Land zu bleiben und nach der "Fete" ihrer Vorfahren deren Schulden zurück zu zahlen?

Fußnote 1: Ein Blick auf die gesamtwirtschaftlichen Schuldenstände offenbart zudem: Wohlfahrtsstaaten mit einer hohen Staatsquote waren die Gewinner der Haushaltsentwicklung der letzten Jahre. Ländern hingegen mit einer geringeren Staatsquote, die sich ideologisch fixiert auf die Ausgabenseite der öffentlichen Haushalte konzentriert haben, sind durch deutliche Schuldenausweitung gekennzeichnet. Die Skandinavier hatten sich stets auf Ausgaben- UND Einnahmeseite konzentriert. Es wird Zeit, sich von parteipolitisch gefärbten vermeintlichen Wahrheiten zu verabschieden. Gerade die konstant steigende Verschuldung in Deutschland zeigt, dass wir hier Nachholbedarf bei dieser Erkenntnis haben.

Fußnote 2: Während die Politik hierzulande die Konzentration der umfassenden (Exzellenz-) Förderung auf nur wenige Universitäten bei gleichzeitig zunehmender Konkurrenz der "Durchschnitts-" Universitäten als Handlungsmaxime vorgibt, geht man in Schweden den umgekehrten Weg. Um zu den Menschen zu gelangen, gibt es eine starke Förderung der sog. regionalen Universitäten, die sich aber zugleich als Teil eines kooperierenden Netzwerkes verstehen sollen; es geht mehr um die sinnvolle konsensuale Aufteilung der Ressourcen als weniger um den Kampf um knappe Ressourcen.

Gesamtwirtschaftlicher Schuldenstand als Anteil am jährlichen BIP -
Quelle: BMF 2012, eigene Erstellung, CC BY-NC-ND 3.0

Veränderung der Anteile der unterschiedlichen Alterskohorten, Deutschland
Quelle: Eigene Erstellung nach StaBa 2009