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Montag, 30. Januar 2012

Finanzkrise - nicht weniger sondern mehr Europa!

Dies ist ein Gastbeitrag unseres Team-Kollegen Thieß Petersen. Thieß befasst sich bei uns mit Fragen der Globalisierung und der internationalen Finanzkrise. Er veranstaltet zudem Lehrveranstaltungen an Universitäten zu dem Thema und ist zur Zeit damit beschäftigt, Lehrbücher zur Volkswirtschaftslehre (economics) zu verfassen. Wir haben in unserem Team bereits vor 5 Jahren ein Krisenszenario für insolvente Staaten entworfen - ein Szenario, was zwischenzeitlich in immer mehr Ländern der westlichen Welt auch so eintritt. Weitere Diskussionspapiere zu diesem Thema finden sich hier und hier.

Quo vadis, Euro? 

Das Jahr 1992 brachte uns den Vertrag über die Europäische Union, den so genannten Ver-trag von Maastricht. Im Jahr 2002 hielten wir erstmals Euroscheine und -münzen in den Händen. Und welche Bedeutung wird das Jahr 2012 für Europa und den Euro haben? Höchstwahrscheinlich wird es das Schicksalsjahr des Euros. Unzweifelhaft steht der Euro vor seiner schwersten Bewährungsprobe. Die enormen Schulden, die sich in den Staaten der Eurozone aufgetürmt haben, lassen das Vertrauen der in-ternationalen Kapitalmärkte in den Euro schwinden. Im Jahr 2012 benötigen die Staaten und Banken der Eurozone schätzungsweise etwas mehr als 2.000 Milliarden Euro, um auslaufende Kredite zu refinanzieren. Ob diese Beträge von privaten Anlegern zu bezahlbaren Konditionen zur Verfügung gestellt werden, ist momentan nicht sicher. Wenn jedoch Staaten wie Italien, Spanien oder Portugal ihren Kapitalbedarf nicht mehr auf dem privaten Kreditmärkten decken können, drohen Staatsbankrotte und das Ende der Eurozone.

Finanzkrise - Vorschnelle Aussagen zur Ursache 

Auf den ersten Blick scheint die gegenwärtige Krise ihre Ursachen in der unsoliden Haushaltsführung vieler Eurostaaten zu haben. Tatsächlich aber ist die Eurokrise im Kern weniger eine Krise der Staatsfinanzen, sondern Folge der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit einzelner Länder. Sie ist darauf zurückzuführen, dass sich Volkswirtschaften mit unterschiedlicher Produktivitätsentwicklung zu einer Währung zusammengeschlossen haben. Dadurch haben wirtschaftlich schwache Länder ein zentrales Instrument verloren, mit dem sie ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit aufrechterhalten können. In Zeiten einer eigenen Währung konnten Länder mit geringen Produktivitätsfortschritten durch eine Abwertung der eigenen Währung die Preise für ihre Produkte im Rest der Welt reduzieren: Wenn beispielsweise deutsche Waren in Folge eines Produktivitätsfortschritts um 8 Prozent billiger werden, die Preise der griechischen Produkte aber nur um 2 Prozent sinken, kann eine sechsprozentige Abwertung der griechischen Währung die Produkte Griechenlands international konkurrenzfähig halten.

Alternative Politiken jenseits einer Abwertungsstrategie

Seit der Einführung des Euros ist dies nicht mehr möglich. Die Folgen sind eine Verringerung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der wirtschaftlich schwächeren Länder und ein Rückgang der Produktion. Damit steigt die Arbeitslosigkeit. Für den Staat bedeutet dies sinkende Steuereinnahmen bei gleichzeitig steigenden Ausgaben für die Folgen der Arbeitslosigkeit – also einen Anstieg der Staatsverschuldung. Dauerhaft lässt sich eine Gemeinschaftswährung daher nur aufrechterhalten, wenn die beteiligten Länder eine ähnliche Produktivitätsentwicklung aufweisen. Sofern dies nicht der Fall ist, müssen Länder mit Produktivitätsnachteilen die Preise für die eingesetzten Produktionsfaktoren senken, was letztendlich auf Lohnsenkungen hinausläuft.

Alternativ bliebe noch die Möglichkeit, dass die Arbeitskräfte, die wegen der mangelnden internationalen Wettbewerbsfähigkeit ihren Arbeitsplatz verlieren, in Länder mit einer höheren Produktivität auswandern. Faktisch wirkt jedoch keiner dieser beiden Anpassungsmechanismen in der Europäischen Währungsunion. Dies überrascht kaum, denn auch innerhalb Deutschlands funktionieren diese Mechanismen seit der Wiedervereinigung nur sehr schlecht. Eine Währungsunion kann dann jedoch auf Dauer nur Bestand haben, wenn die wirtschaftlich starken Volkswirtschaften Transferleistungen an die ökonomisch schwachen leisten – so wie dies in Deutschland im Rahmen des Länderfinanzausgleichs der Fall ist.

Fiskalunion - Flucht nach vorn?

Die Fiskaltransfers zwischen den Ländern der Eurozone stellen dann einen Ersatz für die fehlende Arbeits-kräftemobilität und die fehlende Faktorpreisflexibilität dar. Voraussetzung dafür ist eine stärkere wirtschaftspolitische Integration, die unter anderem mit Steuerausgleichszahlungen und Umverteilungen im Rahmen gemeinsamer Sozialversicherungssysteme arbeitet. Ob wirtschaftlich starke Nationen wie Deutschland dazu jedoch bereit sind, ist außerordentlich fraglich.