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Dienstag, 6. Dezember 2011

Standard & Poor´s Studie aus dem Jahre 2006 deutete bereits Herabstufung an

Die gestrige Mitteilung der Rating-Agentur Standard & Poor´s, die Bonität von 15 Euro-Ländern herabzustufen, hat heute zu interessanten Diskussion in unserem Team geführt. Wir hatten im Jahre 2006 - damals noch speziell mit Blick auf die Demographie - eine Konferenz unter dem Titel "Langfristige Nachhaltigkeit der öffentlichen Finanzen in Deutschland" durchgeführt. Die Dokumentation der Konferenz findet sich hier. Unter den Rednern befand sich auch der Moritz Kraemer, der heute auch in der Tagesschau zur Drohung von Standard & Poor´s Stellung genommen hat.

Negative Bonitäts-Szenarien zu Frankreich und Deutschland lagen bereits 2006 vor

Moritz Kraemer hatte in der Konferenz eine damals aktuelle Studie der Rating-Agentur zum Zusammenhang von demographischer Entwicklung und Bonitäten von Schuldnern wie Deutschland, Italien, Frankreich, UK und den USA vorgestellt. Die Studie beschäftigte sich mit der Frage, in welcher Weise die Alterung der Gesellschaften zu einer finanziellen Belastung der Gesundheits- und Sozialsysteme werden könnte. Dabei wurde auch ein "no change" Szenario durchgerechnet, dass zu Ergebnissen führte, über die Kraemer damals urteilte:

"It is highly unlikely that governments will allow debt and deficit burdens to spiral out of control in the manner outlined above."


Quelle: Standard & Poor´s



Italien: Finanzpolitisches Musterländle?

Inzwischen hat die Realität diese Einschätzung sowohl im Ausmaß als auch im zeitlichen Eintreffen überholt. Interessant und nicht ohne Ironie ist dabei, dass Italien in der Studie als positiver Sonderfall heraus gehoben wurde. Man ging in 2006 davon aus, dass die Verschuldung von Italien bereits so weit voran geschritten sei, dass man vorbildliche Konsolidierungsmaßnahmen durchführen müsse, die langfristig dazu geführt hätten, dass es Italien besser gelungen wäre, die finanzpolitischen Folgen der Demographie zu bewältigen.

Was ist nun bei näherer Betrachtung das Problem? 

Ausschließlich die Rating-Agenturen zu kritisieren, wäre an dieser Stelle zu billig. Grundsätzlich sind die Agenturen, die solch einen immensen Einfluss auf unseren Wohlstand haben, ohne durch Kundensouveränität oder gar demokratische Strukturen legitimiert zu sein, sicher ein Problem in freien Gesellschaften, denn mit den Entscheidungen der Agenturen kann auch entsprechende Politik betrieben werden.

Aus meiner Sicht wiegt momentan aber viel schwerer, dass die Rating-Agentur die Ergebnisse explizit als Outcome eines demographiesentiven Modells vorgestellt hatte - im Jahre 2006 hatte die Welt aber noch lange nicht die Auswirkungen einer globalen Finanzkrise zu bewältigen. Das jetzige Herunterstufen der Bonitäten ist ja nicht das von Standard & Poor´s damals errechnete Ergebnis der demographisch bedingten Mehrausgaben im Sozialsystem sondern eines unregulierten globalen Finanzmarktes.

Was ist aber, wenn in 5-10 Jahren die ersten fiskalischen Auswirkungen der Demographie wie in der Studie beschrieben deutlich sichtbar werden und sich zu den Auswirkungen der globalen Finanzkrise, für die die Szenariostudie ursprünglich gedacht war, hinzu addieren?