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Samstag, 31. Dezember 2011

Social Media Guidelines nur für Schön-Wetter-Perioden geeignet?

Das Handelsblatt berichtete vor einigen Tagen von zwei interessanten Fällen, in denen Mitarbeiter (@noahkravitz und @ITVLaurak), die zuvor äußerst erfolgreich auf Twitter aktiv gewesen sind, ihren bisherigen Arbeitgeber verlassen haben. Durch die Auflösung des Arbeitsvertrags entstand die Frage, wem denn nun die Follower "gehörten". Hat der bisherige Arbeitgeber ein Anrecht darauf, diese zu übernehmen? Muss der bisherige Arbeitnehmer eine Art Ablösesumme für das "Behalten" der Follower zahlen? (Näheres zu beiden Fällen findet sich hier).

Die Situation mutet schon etwas kurios an, ist aber von Belang, weil anhand dieser Streitfälle Präzedenzfälle geschaffen werden, die für die Umsetzung der bisher eher theoretisch formulierten allgemeinen Social Media Guidelines in diversen Unternehmen wegweisend sein könnten.



Guidelines wohl nur für Schön-Wetter-Perioden geeignet

Blickt man in die Guidelines von in Deutschland tätigen Unternehmen (eine umfassende Übersicht findet sich hier im Blog von Christian Buggisch @chris_buggisch), so stößt man stets auf das Spannungsverhältnis zwischen den beiden Aussagen "vertreten sie das Unternehmen verantwortungsvoll nach außen" und "sie handeln auf eigene Verantwortung". Dies geht sogar soweit, dass selbst private Tätigkeiten, die irgendeine thematische Verbindung zum Arbeitgeber haben, als "quasi-dienstlich" interpretiert werden.

Beispielhaft seien die beiden entsprechenden Textstellen der MAN-Guidelines zitiert:

"Ob in ihrer beruflichen Funktion oder privat: Wenn Sie sich zu Themen äußern, die in irgendeiner Weise mit MAN zu tun haben, ist es fair offenzulegen, dass Sie bei MAN arbeiten.

Und:

"Jeder MAN-Mitarbeiter ist für seine öffentlichen Meinungsäußerungen selbst verantwortlich."

Ich hatte in einem früheren Post auf die Schwierigkeit der absoluten Trennung von privat und dienstlich hingewiesen. Hierzu hatte auch Uwe Hauck (@bycyclist) vor einem Jahr einen entsprechenden Blogpost unter dem Titel "Bin ich Mensch, zwischen 9 und 17 Uhr ? Über Lippenbekenntnisse und die Realität" verfasst.

Wirft man nun einen Gesamtblick auf den aktuellen Handelsblatt-Artikel und auf die Posts zum Thema dienstlich/privat, so wird deutlich, dass einigen Unternehmen inzwischen der Wert der Twitter-Follower sehr bewusst geworden ist und die bereits existierenden Guidelines eher Schön-Wetter-Guidelines zu sein scheinen. Entsprechend formuliert findet sich diese Auffassung auch im Artikel, in dem es heißt, dass das genannte Telekomunternehmen, „aggressiv sein geistiges Eigentum, Kundenlisten, Marken und interne Informationen“ verteidigen werde.

Kann man Follower "besitzen"?

Das Erstaunliche hierbei ist, dass auf Seiten der beiden Unternehmen die Vorstellung existiert, die Follower könnten irgendjemanden "gehören".

Sind die Twitter-Follower an dem Unternehmen oder an dem Wissen des Einzelnen interessiert? Ich denke, eine pauschale Antwort hierauf ist nicht möglich. Es ist durchaus denkbar, dass die Follower umso eher dem Unternehmen zuzuordnen sind, desto funktionaler die Tätigkeit des vorherigen Arbeitnehmers gewesen ist - demnach, wie austauschbar der Funktionsinhaber ist. Ist jedoch der einzelne Mitarbeiter in seiner individuellen Kompetenz und nicht in seiner Funktion/Rolle innerhalb des Unternehmens gefragt, so sind die Follower wohl eher dem Arbeitnehmer zuzuordnen. Ein prominentes Beispiel für diese Variante ist sicher @wilddueck. Kaum einer seiner Follower dürfte an @IBM interessiert sein...

Mal sehen, mit welch weisem Urteil uns die Arbeitsrechtler beglücken. Sollten die Urteil in den beiden Streitfällen zugunsten der Beschäftigten ausfallen, so wird sicher unmittelbar Anpassungsbedarf in den Schön-Wetter-Guidelines sichtbar. Welche Seite daraus mittelfristig einen Nutzen ziehen kann, bleibt sicher momentan noch offen.