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Freitag, 2. Dezember 2011

Haben traditionelle Konferenzen angesichts von Barcamps noch eine Zukunft?

Vor kurzem hatte Robert Basic in seinem Blog über die Notwendigkeit der Weiterentwicklung der etwa seit 2006 in Deutschland stattfindenden Barcamps geschrieben. Er hat mit dieser längst überfälligen Analyse vollkommen recht. Ich würde aber seiner Analyse - gerade auch nach unserem letzten mit dem Club of Rome und dem neuen Institut für Internet und Gesellschaft gemeinsam durchgeführten Barcamp "How Internet Changes Our Realities" noch einige wichtige Punkte hinzufügen, die aus meiner Sicht doch recht bedeutend für die Frage der Weiterentwicklung sind.

Foto: Ole Wintermann

Vorteile des Barcamp-Formats

Zu Anfang sei aber nochmal explizit an die Vorteile des Barcamp-Formats gegenüber traditionellen Konferenzen, bei dem die eigentlich spannenden Gespräche in den Kaffeepausen stattfinden, erinnert:
  • Im Gegensatz zu traditionellen Konferenzen ist schon bei der Vorbereitung eines Barcamps immer intensive Teamaktivität gefragt, in die sehr viel mehr Personen einbezogen sind; es gibt in dem Sinne keinen klassischen Eigner der Veranstaltung.
  • Das Stresslevel in der Vorbereitung ist für die Organisatoren in Folge der Teamarbeit und des aktiven Anmelde- statt passiven Einladungsprinzips deutlich niedriger - da die Teilnahme Folge der Eigeninitiative ist, sind alle potenziellen Sessionanbieter hoch motiviert; kein Redner muss überzeugt und eingeladen werden. 
  • Das Aktivitätsniveau der gesamten Veranstaltung ist deutlich höher als bei traditionellen Konferenzen; speziell die zweite Kommunikationsebene im Netz verleiht dem Event zusätzliche Dynamik.
  • Titel und Funktionen sind unwichtig - der Inhalt zählt. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Wo gibt es Verbesserungspotenzial?

Das von ihm beschriebene Problem der Bereitstellung der auf Barcamps erarbeiteten Inhalte existiert in der Pauschalität meiner Meinung nach nicht. Vielmehr ist es jeweils eine sehr veranstaltungsspezifische Problematik. Aus meiner Sicht wegweisend war dabei bspw. das Government 2.0 Barcamp im Jahre 2009. Während der Sessions hatten Studenten der Willy-Brandt-School of Public Policy im Auftrag des BMI die Diskussionen und die Inputs sehr akkurat protokolliert und danach auf einer Seite gesammelt online gestellt. Diese Gründlichkeit ist aus Ressourcengruenden nicht immer leistbar - wenngleich aber natürlich zu wünschen. Dies kann teilweise dadurch kompensiert werden, dass während der Sessions die Links zu kollaborativen Plattformen verteilt werden, damit ein solches Protokoll gemeinschaftlich erstellt werden kann.

Robert Basic spricht des Weiteren das Sponsoring und die verschämten Hinweise auf die Unterstützer während der Veranstaltungen an. Es ist in der Tat so, dass häufig ein gewissen Grundmisstrauen gegenüber den Unterstützern erkennbar ist. Es sollte aber von Seiten der Teilnehmer schon danach unterschieden werden, ob die quasi unter CC erarbeiteten Ergebnisse durch den Unterstützer direkt ökonomisch weiter verwertet werden, oder ob der Sponsor eine Plattform für den Austausch zur Stärkung eines thematischen Netzwerkes bereit stellen will.

Des Weiteren halte ich die Durchführung der Sessions - insbesondere die Rollenklärung (ich biete die Session, weil...; ich verspreche mir von der Session, dass...) - für verbesserungsfähig. Vielleicht sollte dabei an ein sehr kurzes methodisches Briefing der Session-Erstanbieter im Zuge der Sessionplanng gedacht werden.

Foto: Ole Wintermann

Die Transparenz über die Veranstaltung insgesamt könnte durch die schon genannten Etherpads aber auch durch die Offenlegung der Teilnehmerlisten erhöht werden. Insbesondere aber die Offenlegung der Teilnehmerlisten muss aus Datenschutzgründen abgestimmt erfolgen. Hierzu kann in den Anmeldemasken im Netz explizit auf die Offenlegung hingewiesen werden. Ein weiteres Problem ergibt sich zunehmend durch die Frage, wer wen fotografieren und wie ins Netz stellen darf. In Folge der Datenschutz-/Copyright-/Persönlichkeitsrechte-Debatte werden fotografische Tätigkeiten jedenfalls zunehmend reglementiert.

Perspektiven für das Barcamp-Format

a) Das Barcamp wird (und muss) zunehmend professionalisiert werden. Dies liegt zum Einen an dem Aufbau der Kompetenzen bei den Personen, die solche Formate öfter organisieren und es zunehmend auch als Dienstleistung für große Unternehmen anbieten. Zum Anderen ist es aber auch notwendig, um die genannten Defizite zu minimieren. Wenn der Reiz des Neuen verflogen ist und, wie Robert Basic dies getan hat, nach dem Outcome der Veranstaltung gefragt wird, muss es dafür Antworten geben.

b) Das bisher nicht so verbreitete Meetup-Format wird als Co-Working-Format an Bedeutung zunehmen und in Konkurrenz zu manchen Barcamp-Sessions treten.

c) Es wird zunehmend Online-oder aber mehrtätige Varianten der Barcamps geben. Damit kann vermieden werden, dass der mit Barcamps befasste Teilnehmerkreis doch häufig regional oder national sehr übersichtlich ist. Die Arbeit auf Etherpads während eines realen Barcamps ist ein erster Schritt in diese Richtung.

Hat die traditionelle Konferenz eine Zukunft?

Wahrscheinlich muss diese offene Frage mit "Nein" beantwortet werden.

Das Barcamp hat, weil es mit internetbasierten und damit tendenziell neuen Tools verbunden ist, das Potenzial, traditionelle Konferenzformate vollkommen zu verdrängen. Dies gilt insbesondere, wenn das Keynoteprinzip klassischer Konferenzen mit dem Sessionformat kombiniert wird. Kaffeetrinken und andächtig lauschen reicht den jüngeren Teilnehmerkreisen, die zunehmend mit Social media aufwachsen, einfach nicht mehr aus.

Foto: Ole Wintermann