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Dienstag, 20. Dezember 2011

Aktuelle Politik-Kampagnen verdeutlichen neue Spielregeln des öffentlichen Diskurses

Zur Zeit existieren zwei Politik-Kampagnen in den sozialen Medien, die aus meiner Sicht zu recht sehr auf sich aufmerksam machen, da sie die sich ändernden Spielregeln im politischen öffentlichen Diskurs wie kaum zuvor vor Augen führen. Beide Kampagnen zielen darauf ab, die inhaltliche Leere sowie Inkonsistenz zwischen Innen- zu Außen-Kommunikation wichtiger Institutionen der Gesellschaft zu entblößen.

OccupyFDP

Unter der Adresse www.occupyfdp.com wird zur Zeit für eine Aktion geworben, die zwar in ähnlicher Form bereits einmal vor vielen Jahren im Berliner LV der FDP unternommen wurde, die aber damals gänzlich ohne das Internet auskommen musste und auch eine andere politische Zielrichtung hatte.

Quelle: www.occupyfdp.com

Das Ziel der aktuellen Kampagne - inzwischen sogar durch die traditionellen Medien (widerstrebend/ unentschlossen/skeptisch) wahrgenommen - mit dem Namen OccupyFDP wird auf der Website wie folgt beschrieben:

"Wir zeigen der FDP, was freie Märkte bedeuten. Wir übernehmen die Mehrheit der FDP und stellen sie auf ein neues Fundament. Oder wir lösen sie auf. Die FDP ist der ideale Übernahmekandidat: Sie hat Vermögen, sie hat Regierungsbeteiligung auf Bundesebene und sie findet kaum mehr Akzeptanz bei den Wählern. Sie ist die Partei der Lobbyisten. Sie ist angezählt und braucht dringend neue Mitglieder."


Das Projekt, deren Initiatoren sich bisher nicht offenbart haben, ist seit Wochen auf Twitter und Facebook aktiv und wirbt für Parteieintritte in die FDP. Nach Angaben der Initiatoren zeigen sich die FDP-Mitglieder zunehmend verunsichert, da sie nicht mehr sicher sein können, kein Occupy-Mitglied neben sich sitzen zu haben. Aus diesem Grund werden nach Angaben der Initiatoren inzwischen sogar Mitgliedsanträge mit den Aktivitäten der Neu-Mitglieder in den sozialen Medien abgeglichen. Das Interessante an dieser Kampagne ist die Tatsache, dass eine reine Prozess-Orientierung ausreichen könnte, eine Institution letztlich zu übernehmen, da die inhaltliche Fundierung - die nicht so leicht zu übernehmen wäre - anscheinend nicht mehr vorhanden ist.

Schuld

Das zweite Projekt, das speziell am letzten Wochenende für Aufsehen nicht nur in den sozialen Medien sondern ebenfalls in den traditionellen Medien gesorgt hat, war das vom Zentrum für Politische Schönheit veröffentlichte Video "Schuld" über die Nahrungsmittelspekulationen der Deutschen Bank (ich hatte in meinem Post in der letzten Woche auf das Video verwiesen). Die Deutsche Bank hatte versucht, mit Hilfe einer (Zensur) Unterlassungserklärung das Zentrum für Politische Schönheit dazu zu veranlassen, die Verbreitung des Videos zu stoppen. Hintergrund: In der Langfassung des Videos wird ein Telefonat mit dem Pressesprecher der Deutschen Bank wiedergegeben, ohne dass klar wird, ob dieser vorab das Einverständnis gegeben hat. 




Quelle: Zentrum für Politische Schönheit

Nach Bekanntgabe der Aufforderung seitens der Deutschen Bank kam die Facebook-Seite der Deutschen Bank nicht mehr zur Ruhe, da die Kritik an diesem (Zensur-) Verhalten offenkundig und deutlich dort teils im Sekundentakt formuliert wurde. Die Deutsche Bank zog daraus die Konsequenz und zog die Unterlassungsforderung wenige Stunden später zurück. Sie erklärte daraufhin in einer Pressemitteilung auf Facebook, dass der Pressesprecher "sich nicht korrekt wiedergegeben sehe" und "seine in dem Film wiedergegebenen Ansichten jedenfalls nicht der Position der Deutschen Bank entsprächen.“ Damit distanzierte sich also die Deutsche Bank von ihrem eigene Pressesprecher.

Das Erstaunliche an der Reaktion der Deutschen Bank ist aber letztlich die offenbare Unterscheidung zwischen "Innen" und "Außen". Das Telefonat und das Engagement der Deutschen Bank in der Nahrungsmittelspekulation verweisen auf eine rein (und ausschließlich!) profitorientierte Unternehmenskultur, die der Pressesprecher in einem Moment der Unachtsamkeit auch so wiedergespiegelt hat. Dem Unternehmen war es sichtlich unangenehm, dass dieses "wahre" Unternehmensziel nicht der offiziellen Sprachregelung und dem Versuch dieser Institution, durch social events ein "weicheren" Image zu erzeugen, entsprach.

Kommunikative Konsistenz und inhaltliche Glaubwürdigkeit dürften in Zukunft an Bedeutung gewinnen.