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Freitag, 21. Oktober 2011

Liebe Öffentlich-Rechtlichen: Wenn man mit dem Finger auf andere zeigt usw.

An diesem Mittwoch war es wieder soweit. Anhand eines ausgewählten tatsächlichen (schrecklichen) und eines fiktionalen Falls wurde dem TV-Konsumenten wieder vorgeführt, wozu dieses sogenannte Internet alles fähig sei. Die immer wieder in diesem Zusammenhang zur Schau gestellte Einstellung, man könne wie im letzten Jahrhundert über die GEZ Gebühren finanziert und eingeübt dem Bürger schon nahelegen, was er von gewissen Dingen zu halten habe, finde ich inzwischen etwas anachronistisch. Was aber noch viel schwerer wiegt und mich ärgert ist erstens die bigotte Doppelmoral sowie der Schaden, der mit diesen Debatten angerichtet wird. Die Doppelmoral erschließt sich sofort bei einem Blick in das alltägliche TV-Programm gerade auch der Öffentlich Rechtlichen.

Dort wird Kindern (bereits zu nachmittäglicher Stunde) "angeboten", sich:
- in unzähligen Vorschauen zu sogenannten Krimis erschossene Personen, Vergewaltigungen und das Leiden von Verbrechensopfern,
- das heitere Besäufnis auf dem Oktoberfest oder den Karnevalsumzügen,
- die Werbung für gesundheitsschädliche Süßigkeiten,
- die Werbung für Alkohol während der gesamten Sportschau am Samstag und
- hampelnde Trickfilmfiguren auf Ebene einer Gaga-Sprache anzuschauen.
Alternativ können die Kinder auch auf KIKA live auch mitverfolgen, warum es sich (nicht) lohnt, später mal ein bekannter Sänger zu werden.

Ist Cybermobbing angesichts dieser passiven Berieselung mit geistigem Fast Food wirklich das drängendste Problem, mit dem Kinder (in Gänze!) heutzutage zu kämpfen haben. Diesen Eindruck kann man leider gewinnen, wenn man die aktuellen (traditionellen) Leitmedien wie die FAZ und die ZEIT in seltener Eintracht auf diesen Themen hin durchguckt. Liebe Erwachsenen (Redakteure), wie wollt ihr glaubhaft Moral und Rücksicht predigen, wenn die Kinder täglich ein anderes Leben vorgeführt bekommen? Wie soll allen Ernstes Kindern glaubhaft vorgeführt werden, dass nicht-standardisiertes Verhalten in einer Klassengemeinschaft kein Problem darstellt, wenn der Fernsehkonsum durch Menschenbilder geprägt wird, die nahezu ausschließlich normierte PS-fixierte Männer (brumm, brumm) und blondierte Barbie-Puppen mit Doppel-Karriere (Beruf und Familie) kennen.


Individualität wird ganz sicher nicht durch diese Fernsehkultur vorgelebt - dafür ist das Netz viel besser geeignet.

Dieses Bild, das speziell in Deutschland vom Internet gezeichnet wird, wirkt sich langfristig eventuell fatal auf die künftigen globalen Erwerbschancen der heutigen Kinder aus. Das Internet wird in Deutschland - vielleicht auch bedingt durch das im Vergleich zu andere westlichen Ländern hörere Durchschnittsalter der Bevölkerung - vor allem als Quelle von Gefahren und nicht als Potenzial gesehen. Gerade die Öffentlich Rechtlichen sind besonders engagiert, wenn es darum geht, der älteren Bevölkerung zu erklären, warum das Netz böse ist. Die Folgen davon kann man auf jedem Elternabend in der Schule mitbekommen, wenn man sieht, wie viele Eltern mit besten Absichten ihren Teenager-Kindern die Nutzung des Netzes verbieten.

Gerade komme ich vom internationalen Open Data Camp in Warschau zurück. Dort hat sich wieder mal gezeigt, dass die Datenpanikdebatte in Deutschland inzwischen (meiner Ansicht nach) die Entwicklung von Business-Modellen verhindert, da das gesellschaftliche Klima in Deutschland nicht in der Breite geeignet zu sein scheint, die Entwicklung datenbasierter Apps zu befördern. Die Debatte um solche Verwendungsmöglichkeiten wird inzwischen extrem von den US- und UK-Experten dominiert. Ein einziger Blick in das Programm bestätigt diese Wahrnehmung. Innovative Ansätze und engagierte Personen aus der deutschen Community (bspw. dem BMI, dem Open Data Network, dem Google Colab) müssen ständig aufpassen, dass ihnen bei der Datendebatte nicht aus Versehen ein Fauxpas passiert. Gerade ist das Internet dabei, mit der Realität zum Internet der Dinge zu verschmelzen - was passiert in Deutschland? Wir sortieren, wie zuletzt in der Facebook-Debatte geschehen, Internetseiten danach, in welchem Bundesland sie gehostet werden. 

Um es klar zu stellen: Der geschilderte Fall des 11-jährigen ist furchtbar. Der Ausgangspunkt des Falls liegt aber nicht im Internet, die Ursache lässt sich im ganz realen Umfeld des Schülers finden. Bisher fand zudem Mobbing immer versteckt hinter den Klassentüren statt, das Opfer musste viel Überzeugungsarbeit leisten, bevor ihm geglaubt wurde. Das Internet macht hingegen Mobbing erst sichtbar, Akteure können meist identifiziert werden. Liebe Erwachsenen (und Redakteure), zeigt nicht mit dem Finger auf die Kinder und das Internet, bevor ihr die Ansprüche, die ihr vorgebt, nicht vorlebt und nicht auf Mord, Totschlag, Vergewaltigung und Alkoholwerbung am Nachmittag verzichtet. Alles andere ist bigott.