.

.

Montag, 12. September 2011

Kulturpessimismus made by ZEIT - Kinder betreiben "Erwachsenen-Bashing"

Foto: CC 3.0 Unported - W.A. 2.0
Geburtshaus von A. Lindgren

Es gab eine Zeit Ende der 80er, da spiegelte DIE ZEIT die Auffassung der Vertreter des gesellschaftlichen Fortschritt wider - so jedenfalls das Selbstverständnis der damaligen Leser. Mit Blick auf das Alternativangebot der konservativen Zeitungen war es bereits für die Studenten der Politikwissenschaft (wie auch mich) in dieser Zeit Pflicht, ab Donnerstag jeder Woche die ZEIT tatsächlich zu "studieren", um damit gewappnet in die ideologische Auseinandersetzung mit den konservativen Kräften in Studiengängen wie Jura und BWL zu ziehen.

Diese Zeiten scheinen endgültig vorbei.

Ein Blick auf den von Kulturpessimismus strotzenden Artikel "Die Verkürzung der Kindheit" (Autor: Susanne Gaschke) lässt mich daran zweifeln, ob es sich noch lohnt, DIE ZEIT zu "studieren".

Worum geht es?

Die Autorin beklagt den vorgeblichen Verlust der Kindheit durch den Einbruch zielgerechter Werbung in die Kinderzimmer, durch die Vielzahl an elektronischen Medien (leider wird im Text in keinster Weise zwischen Fernsehen, Video-Spielen und Computern unterschieden), denen die Kinder ausgesetzt sind (seien) und durch eine Informationsvielfalt, die von "den" Kindern nicht mehr sortiert und strukturiert werden könne.

Leider kommt es im Laufe des Textes zu einer fortschrittsablehnenden Argumentation (gerade aktuell findet sich zum Technologie-Misstrauen eines gewissen Teils des linken politischen Lagers ein interessanter Artikel auf SPON), die leider bei Pädagogen nicht selten anzutreffen ist. So wird beklagt, dass Kinder im Alter über 10 Jahren nicht mehr mit einem Teddy spielten, das Zeitschriften wie Spektrum der Wissenschaft zuviel Wissen an die Kinder heran brächten und - das darf natürlich nicht fehlen - dass Kinder sehr viel (zu viel?) Zeit mit sozialen Medien verbrächten.

Das Thema Medienkompetenz (hier wird auf "IT-inspirierte bildungspolitische Papieren hingewiesen") wird (trotz Lektüre dieser Papiere?) in kleinster Weise nach Handys (kleine Anmerkung: heute sagt man eigentlich "Smartphones"), Videospielen und PCs unterschieden. Dass "Kinder" (ohne jede Altersdifferenzierung) Medienkompetenz hätten, die die der Eltern und Lehrer überstiegen, sei, so die Autorin "Unfug" (Anm. d. Autors: ein Blick in heutige Klassenzimmer in weiterführenden Schulen zeigt, dass wiederum die Bezeichnung "Unfug" nichts mit der Realität zu tun hat). Schließlich darf natürlich auch nicht das altbackene feministische Argument fehlen, die Werbung würde das soziale Rollenkonstrukt zementieren.

Ein Schmunzeln konnte ich mir nicht verkneifen, als es darum ging, dass Eltern und Autoritätspersonen von der Werbung als spießig dargestellt würden, dass es cool sei, Ältere (Kinder?) zu verachten. Schließlich gipfelt der Vorwurf in der Begrifflichkeit des Erwachsenen-Bashing... Wer denkt hierbei nicht an Pippi Langstrumpf und die systematische Verachtung der Erwachsenenwelt sowie die möglicherweise hinein zu interpretierende Verwendung von Geschlechterstereotypen in den Figuren von Annika und Tommy?

Dies ist aber eigentlich der Punkt, an dem ich die konstruierte Argumentation bedenklich finde. Astrid Lindgren hat sich vor 60 Jahren zum Erscheinen der Pippi-Geschichten genau diese Vorwürfe durch konservative Kulturvertreter (und in der Folge Feministinnen) anhören müssen. Lindgren hat jahrzehntelang dafür gekämpft, die Sicht der Kinder auf die Kindheit und die Wahrnehmung der Erwachsenen durch diese anzunehmen. Die Autorin nimmt diese Sichtweise leider nicht ein sondern wirbt ausdrücklich und einseitig für die behütende (bevormundende) Rolle der Eltern.

Im Begleittext zu diesem Artikel wird dafür geworben, die Kinder auch mit eingeweichtem Zeitungen spielen zu lassen. Gern - aber muss es ein entweder - oder sein? Ich jedenfalls möchte meine Kinder nicht mit durchweichten Zeitungen vor Magazinen wie Spektrum der Wissenschaft (Kinderausgabe) "schützen". Das im Artikel ebenfalls genannte Ansinnen, die Werbung für dick machende Kinder-"Lebensmittel" in Frage zu stellen oder auf die Problematik der vielen Werbespots (aus meiner Sicht sind die beständigen Vorschauen für Krimis auf allen Kanälen bereits vor 18 Uhr ein sehr viel größeres Problem) hinzuweisen, ist auf jeden Fall zu unterstützen. Leider aber wird das Ansinnen durch den aus meiner Sicht nicht sehr realistischen und sehr kulturpessimistischen sowie Schwarz-Weiß-Blick auf die gestaltbaren Lebensumstände heutiger Kinder konterkariert.

Ich hätte es vor 20 Jahren jedenfalls nicht für möglich gehalten, dass DIE ZEIT kindliches Verhalten, wie es auch in den Pippi-Geschichten zuhauf vorkommt, als mangelnden Respekt vor Erwachsenen versteht. Gleiche Aussagen finden sich natürlich in der FAZ - dafür muss ich die ZEIT nicht mehr lesen. Schade.