.

.

Sonntag, 4. September 2011

Klimawandel und globale Netzwerke

Der Director des australischen Centre for Complex Systems Science (CSIRO), John Finnigan, hat vor kurzem in einer Video-Konferenz mit Wissenschaftlern des UN-University Institute for Sustainability and Peace (UNU-ISP) einen interessanten Vortrag über die Theorie von Netzwerken als Erklärungsansatz globaler realer Interdependenzen gehalten.

Wenn auf die heutige Vernetzung der Welt als Herausforderung für Politik hingewiesen wird, ist häufig das Argument zu hören, dass man auch schon zu Zeigen der Römer Handel getrieben habe - Vernetzung mithin keine neue Erscheinung sei. Finnigan bestätigt dies zwar mit seiner theoretischen Betrachtung von Netzwerken, stellt aber zugleich fest, dass wir seit 60 Jahren quantitativ und qualitativ ein anderes Level der Dynamik im weltweiten Netzwerk erreicht hätten. Er verdeutlicht dies am Beispiel des Klimawandels. 

CO2-Emissionen sind eine abhängige Variable der Bevölkerungszahl, des pro-Kopf-GDPs und der CO2-Intensität der Bereitstellung des GDPs. Hierbei ist schon seit längerem zu bebachten, dass die CO2-Intensität des GDPs in Folge effizienter Produktionsmethoden beständig zurückgeht. Der Anstieg der Bevölkerung wird das weltweite und - als Konsequenz steigender individueller Konsumwünsche - das pro-Kopf-GDP steigern. Die Steigerung des GDPs lässt die CO2-Emissionen ansteigen und die Geburtenraten sinken. Zugleich steigt der Anteil der Bevölkerung, der in Städten wohnt und damit zugleich weite Transportwege und Emissionen für Güter des täglichen Bedarfs verursacht. Die Emissionen betreffen aber nicht nur das CO2 sondern auch - mit einem unberechenbaren Time-Gap - die zunehmende Wechselwirkungen von künstlichen (Abgas-) Bestandteilen der Luft. 

Finnigan erweitert diesen an sich schon interdependenten Ansatz dann um die These, dass wir in einer (ökonomisch) vollkommen vernetzten Welt leben. Überall kann theoretisch Alles von Jedem produziert, transportiert und bereit gestellt werden. Das Outcome einer solchermaßen vollkommen vernetzten Welt ist eine Dynamik des Outputs und der ökonomischen Entwicklung, die einerseits zwar den Hunger recht gut bekämpft hat aber die andererseits auf kleinste Schocks weltweit zunehmend stark reagiert und damit verletzlich wird. Diese Verletzlichkeit ist das Merkmal des neuen Levels der modernen Vernetzung. Denn: Erstens betreffen relative (lokal verortete) Preisveränderungen unmittelbar das globale Handelsnetzwerk. Zweitens ist der Handel auf sehr wichtige Verbindungen zwischen wenigen globalen Hubs konzentriert. Fallen diese Handelsbeziehungen aus, so wirkt sich dies unmittelbar auf das weltweite Güterangebot aus.

Netzwerke können damit sogleich den Klimawandel verstärken wie auch durch Hebung von Effizienzpotenzialen in den Produktionsprozessen die Emissionen senken helfen. Finnigan sieht einen methodischen Lösungsansatz zur Analyse dieser Art des weltweiten Handelssystems in einer Kombination der Ansätze der VWL, der Sozialwissenschaft und den Naturwissenschaften. Er sieht die Lösung darin, kurzfristige ökonomische Effizienzbetrachtungen mit den Voraussetzungen langfristig stabiler Netzwerke zu kombinieren. Die derzeitige auf rein ökonomische Aspekte fixierte Diskussion um Euro-Bonds und die Bedeutung von Ratings lässt den Zuhörer eines solchen Vortrags aber gewiss mit der unbeantworteten Frage zurück, wie die notwendigen interdisziplinären Ansätze jemals Eingang in Politikberatung und Politik finden sollen.