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Sonntag, 7. August 2011

Aufhebung der virtuellen Anonymität löst keine real vorhandenen Probleme

Da ist sie also im Zusammenhang mit dem Attentat in Norwegen wieder aufgetaucht, die nicht mehr ganz so neue politische Forderung nach Aufhebung der Anonymität im Netz. Statt sich mit der Frage auseinander zu setzen, was dazu geführt haben könnte, dass in Norwegen ein Attentäter Menschen umbringt, wird versucht, diesen Anlass zu nutzen, um netzpolitische Grundsatzentscheidungen in Richtung einer weiteren Regulierung des Netzes nach den Vorstellungen von Offlinern zu treiben.

Netzpolitik.org hatte bereits am 5. August auf einen aktuellen und interessanten Blogbeitrag von Danah Boyd hingewiesen, in der diese auf die Ergebnisse einer kleinen Umfrage der Bloggerin Kirrily “Skud” Robert zur Frage der Nutzung von Pseudonymen im Netz eingegangen ist. Ich möchte nun nicht wie SPON verfahren: SPON hat den Beitrag zwei Tage später, am 7. August, gekürzt und übersetzt (allerdings leider ohne die aussagefähige Originalüberschrift: Real Names” Policies Are an Abuse of Power) 1:1 ins Netz gestellt.

Anbei sei im Gegensatz dazu nur noch auf die wesentliche Argumente hingewiesen. Pseudonyme (wenn sie denn überhaupt von "normalen" Namen - gerade auch mit Blick auf interkulturelle Hürden - unterschieden werden können) machen Sinn, da:
  • sie politische Verfolgten wie in Syrien einen gewissen Schutz ermöglichen,
  • sie vor Stalking schützen können,
  • sie auch in Demokratien überhaupt erst eine inhaltlich offene Diskussion ermöglichen,
  • sie Verwandte und Bekannte vor den Folgen offener Meinungsäußerung schützen können,
  • sie häufig bereits länger bestehende Netzidentitäten darstellen,
  • sie bei allzu "normalen" realen Offline-Namen gerade erst Netzidentitäten ermöglichen,
  • sie erst überhaupt einen offenen Meinungsaustausch ohne Vorbehalte ermöglichen.
Die generelle Möglichkeit zur Nutzung von Pseudonymen ist also gerade die Voraussetzung für die Stärkung der Demokratie. Zuletzt wurden diese Argumente auch auf der diesjährigen re:publica ausführlich dargelegt. 

Der Hinweis auf die Aufhebung der Anonymität geht an dem eigentlichen Problem vorbei. Es ist dies die Frage, wie wir solch gesellschaftspolitische Konflikte, wie sie jetzt in Norwegen aufgetreten sind, überhaupt diskutieren, um eine Wiederholung zu vermeiden.

Schaut man sich den letzten SPON-Beitrag über Breivik an, so fällt sofort auf, dass gerade mal eine einzige weitere Quelle zu dem Thema unter der Rubrik "Mehr im Internet" angeboten wird. SPON ist nach wie vor die wichtigste deutschsprachige Plattform für die Diskussion solcher Fragen. Wie soll aber bei einer solchen Verlinkung (aktuell gerade wieder bei Burke´ Blog thematisiert) eine lebendige und inhaltlich getriebene Diskussion über wichtige gesellschaftliche Politikfelder aufkommen? 

Eine deutlich aktivere Diskussion zum Norwegen-Thema ist auf den Seiten des "Freitag" zu finden. Nur hat eben der Freitag nicht de Reichweite von SPON. Was darüber hinaus auffällt, ist, dass sich auf den Seiten des Freitag im Gegensatz zu der von mir geschätzten schwedischen Bloggerplattform Newsmill.se keine politischen Entscheider äußern (so dort bspw. bezüglich des Attentats Mona Sahlin).

Daher frage ich mich angesichts der Anonymitäts-Debatte, ob es nicht konsequent wäre, wenn bspw. politische Akteure, die die Aufhebung der Anonymität fordern, dem Vorbild der skandinavischen Politiker folgen und das Potenzial nutzen würden, dass sich durch direkte Kontakte mit den Bürgern über eigene Blogs oder zentralen Foren ergibt?

Angesichts der Probleme, vor denen zur Zeit abgeordnetenwatch.de auf der kommunalen Ebene steht, bin ich aber nur bedingt optimistisch, dass ein solcher Diskurs schon bald gelingen könnte.