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Montag, 11. April 2011

Auf der schwierigen Suche nach 3.600 km Trassenneubau

Auf den Seiten von Bundesregierung.de ist das häufig von Wirtschaftsminister Brüderle in den Medien genannte Zitat zu finden:

"Die Netzstudie der Deutschen Energie-Agentur belegt: Bis zu 3.600 km neue Stromautobahnen braucht Deutschland. Dann können erneuerbare Energien bis zum Jahr 2020 rund 39 Prozent der gesamten Stromversorgung bereitstellen."

Ein Blick in die dort genannten Netzstudien I und II der Deutschen Netzagentur sowie der beiden BMWi-Folgestudien lässt mich allerdings ratlos zurück, da die Thematik sehr komplex ist und die Aussagen der vier Studien nicht immer konsistent sind. Im Folgenden habe ich daher anhand der Kurzfassungen und der Pressemitteilungen der Studien mal versucht, die Kernergebnisse darzustellen.

Hierbei ist hervor zu heben, dass die von Wirtschaftsminister Brüderle genannten 3.600 km Trassenneubau in keinem Zusammenhang mit der Dauer der AKW-Restlaufzeiten stehen (so wie auch in zwei Studien explizit betont), da ein Ausbau der Trassen von 1.700 km in den nächsten Jahren unabhängig von der Laufzeitverlängerung sowieso geplant war. Ein nach 2020 anstehender weiterer Ausbaubedarf entsteht durch zunehmende Offshore-Energiegewinnung sowie die Gestaltung eines europäischen intelligenten Grids.

Insgesamt lesen sich die Ergebnisse sämtlicher Studien sehr EE-freundlich und optimistisch.

Netzstudie I aus dem Jahre 2005
  1. Aus Sicht des Jahres 2005 ist ein Anteil der EE von 20% an der Gesamtstromerzeugung bis zum 2020 realistisch.
  2. Netzausbaumaßnahmen beziehen sich nur auf 5% des bestehenden Leitungsnetzes.
  3. Dies entspricht einem Neubau an Land (!) auf einer Länge von 850 km.
  4. Ein weiterer deutlicher Ausbau der Offshore-Anlagen der Windenergiegewinnung würde Seekabel mit einer Länge von bis zu 1.000 km erforderlich machen.
  1. Prämisse: Anteil der EE am Bruttostromverbrauch im Jahre 2020 von 39%.
  2. Der zusätzliche Seekabelbedarf liegt bis 2020 bei 1.550 km.
  3. Ein Ausbaubedarf von 3.600 km ergibt sich nach dieser Studie nur in der gerechneten Variante, in der auf veraltete Übertragungsleiter statt neuartiger Aluminiumleiter zurück gegriffen werden sollte.
  4. Kommen die neueren sogenannten TAL-Leiter zum Einsatz, ergibt sich ein maximaler Bedarf an Trassenneubau auf 1.700 km.
  5. Auf S. 22 der Kurzfassung wird darauf hingewiesen, dass die Veränderung der AKW-Restlaufzeiten keine Auswirkungen auf die Bedarfe an Trassenneubauten hat. 
  6. Der zukünftige Netzausbau muss als Element eines europaweiten Ausbaus betrachtet werden. Eine rein nationale Betrachtung macht daher keinen Sinn.
Voraussetzungen einer optimalen Integration erneuerbarer Energien in das Stromversorgungssystem aus dem Jahre 2010:
  1. Ein Ausbau des EE-Anteils am Bruttostromverbrauch von 35% bis 2020 ist technisch und ökonomisch ohne größere Problem zu realisieren.
  2. Bei einem Ausbau auf 30% kommt es zu einem Endverbraucherpreisanstieg von 15%, der sich aber auf 10 Jahre verteilt.
  3. Bis zu einem EE-Anteil von 35% müssen bestehende Verteilernetze nicht wesentlich verstärkt oder ausgebaut werden.
  4. Auch diese Studie stellt fest, dass eine Veränderung der Restlaufzeiten der deutschen AKWs keinen Einfluss auf die notwendige Anpassung der Netzinfrastruktur der Verteilungsnetze hat. Zitat (S. 21 der Anlage-Studie):"Aufgrund dieser sich teilweise kompensierenden Effekte sind die Auswirkungen einer Laufzeitverlängerung auf den Ausbaubedarf im Übertragungsnetz insgesamt relativ gering."
  5. Bis zu einem EE-Anteil von 40% am Bruttostromverbrauch (bis 2020!) sind keine Probleme beim Netzausbau zu erwarten.
  6. Der ab einem Anteil von über 40% EE (bis 2020) zu erwartende Netzausbau von gerade mal 500 km kann teils sogar durch Verkabelung bewältigt werden.
Die Studie "Förderung der Direktvermarktung und der bedarfsgerechten Einspeisung von Strom aus Erneuerbaren Energien" aus dem Jahre 2010 beschäftigte sich eher mit den ökonomischen Aspekten der Ausweitung des EE-Anteils - basierte aber in ihren Annahmen auch auf den in Folge der Netzstudie I beschlossenen Netzausbau in einem Umfang von 1.700 km.

Schaffen Aussagen Vertrauen in Politik, die sich auf eine technisch veraltete Variante beziehen und Kontexte suggerieren, die in mindestens 2 der 4 Studien explizit verneint worden sind?