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Dienstag, 8. März 2011

Ungünstige Rahmenbedingungen für die Bewältigung des demographisch bedingten Fachkräftemangels

Ole Wintermann/Thieß Petersen

Wie stellt sich die demographische Ausgangslage zur Zeit bundesweit dar?
(Quellen für die folgenden statistischen Angaben: Statistisches BundesamtHWWI, DB Research)

Nach der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes wird es in 2060 noch ca. 64 Mio. Einwohner in Deutschland geben - 100.000 Nettozuwanderungen pro Jahr vorausgesetzt. Die Bevölkerungsentwicklung erfolgt dabei jedoch regional sehr unterschiedlich. Je nach Region weicht die Bevölkerungsentwicklung um den Faktor 20 vom gesamtdeutschen Zuwanderungstrend ab. Hinzu kommt, dass die Prognosen selbst innerhalb kürzerer Zeiträume mit sehr viel Unsicherheit behaftet sind. So hat der Verlauf der letzten drei Bevölkerungsprognosen des Statistischen Bundesamtes gezeigt, dass die Erwartungen fast durchweg nach unten angepasst werden mussten und schon für das Jahr 2020 von 1 Mio. Menschen weniger ausgegangen werden muss als dies noch 10 Jahre zuvor erwartet worden war. Auch kurzfristige regionale Schwankungen der Erwartungen sind möglich: so hat sch beispielsweise die demographische Perspektive der Hansestadt Bremen innerhalb der letzten 10 Jahre so stark ins Positive umgekehrt, dass DB Research gar von einem "versteckten Star" spricht.
Migration spielte in der deutschen Nachkriegszeit stets eine gewichtige Rolle beim Ausgleich des natürlichen Sterbeüberschusses, den es seit Anfang der 1970er Jahre in Deutschland nahezu durchweg gegeben hat. Seit 1950 sind etwa 10 Mio. Menschen nach Deutschland eingewandert. Erst seit 2003 gleicht der Nettozuzug von Mitbürgern aus dem Ausland den natürlichen Sterbeüberschuss nicht mehr aus. 20% der Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund, aber nur 3% der Bevölkerung sind eingebürgert.
    Prinzipielle Auswirkungen der Demographie auf den Arbeitsmarkt
    1. Das Arbeitsangebot sinkt stärker als Arbeitsnachfrage. Zwar sinkt in Folge eines geringeren Einkommens einer höheren Zahl von Rentenempfängern und damit auch einer geringeren volkswirtschaftlichen Gesamtnachfrage c.p. auch die Nachfrage nach Arbeit. Jedoch sinkt das Angebot stärker, da zwar auf der einen Seite 100% einer Arbeitskraft bei Verrentung wegfällt; auf der anderen Seite fallen aber weniger als 100% des verfügbaren Einkommens weg.
    2. Das sinkende Arbeitsangebot wird aber aufgrund des qualifikatorischen Mismatches nicht automatisch zur Reduzierung der Arbeitslosigkeit führen.
    3. Die Qualifikationsanforderungen an den Arbeitnehmer werden in der Folge weltweiten Wettbewerbs und der Notwendigkeit eines höheren Produktivitätsfortschrittes steigen.
    4. Die relative und absolute Reduzierung des Arbeitskräfteangebotes wird tendenziell zu einem Lohnanstieg führen.
    Wie kann den demographischen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt begegnet werden?
    1. Die Erwerbsquote älterer Arbeitnehmer könnte gesteigert werden. Grundvoraussetzung hierfür ist aber zugleich ein Zutrauen der Arbeitgeber in die Leistungsfähigkeit vieler älterer Arbeitnehmer sowie die Bereitschaft dieser Arbeitnehmer, Fortbildung auch im fortgeschrittenen Alter als Chance und nicht als lästige Pflicht zu sehen.
    2. Unterstützt werden muss die Anhebung der Erwerbsbeteiligung Älterer durch präventiven Arbeits- und Gesundheitsschutz, altersgerechte Arbeitsorganisation (z. b. keine Wechselschichtarbeit, flexible Arbeitszeiten) und altersgemischte Arbeitsteams, um können Produktivität und Innovationen zu steigern.
    3. Die Erwerbsbeteiligung von Frauen und Müttern muss befördert werden. Die im internationalen Vergleich nach wie vor nur mittelmäßige Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt bietet große Potenziale zur Ausweitung der Erwerbsbeteiligung insgesamt.
    4. Als förderlich für die Anhebung der Erwerbsbeteiligung von Frauen haben sich in vielen anderen Ländern flexible Arbeitszeitmodelle und Arbeitsorganisation, ausreichende betriebliche Kinderbetreuungsangebote, betriebliche Serviceangebote bei Alltagsaktivitäten, die Aufrechterhaltung des Kontakts zum Unternehmen in der Elternzeit und Vorgesetzte erwiesen, die als Vorbild für gelebte Kultur der Vereinbarkeit (gelebte Unternehmenskultur) dienen.
    5. Die Erwerbsbeteiligung von Migranten kann noch deutlich gesteigert werden. Sprachprobleme, die Benachteiligung männliche Schulabgänger mit Migrationshintergrund und allgemeine interkulturelle Hürden sind bisher Hindernisse bei der Steigerung der Erwerbsbeteiligung. Die Erwerbsbeteiligung könnte durch eine bessere Integration in das Bildungssystem, Anpassungs- und Nachqualifizierungen und die Qualifizierung von Führungskräften zum kompetenten Umgang mit kultureller Differenz angehoben werden. Besonders nachdenklich muss die langsam einsetzende Auswanderungstendenz von in Deutschland aufgewachsenen Fachkräften mit Migrationshintergrund stimmen.
    Gegenwärtige Rahmenbedingungen für die Umsetzung von Strategien gegen den demographisch bedingten Fachkräftemangel
    • Die (zweifelhaften) Thesen Thilo Sarrazins erschweren durch ihre Pauschalität, Tonalität und Inhalte eine sinnvolle Debatte über (qualifizierte) Zuwanderung.
    • Angesichts einer alternden Arbeitnehmerschaft wird die Bedeutung von „Lebenslangem Lernen“ weiterhin zunehmen, ohne dass Bildung schon heute aber als Chance zur aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben auch im fortgeschrittenen Alter angesehen wird
    • Es wäre sinnvoll, auch den bereits hier lebenden ausländischen Mitbürgern und Migranten den gleichberechtigten Zugang zum Bildungssystem und in der Folge zum Arbeitsmarkt zu erleichtern
    • Der politische Wille, ausländische Fachkräfte anzuziehen, reicht nicht aus, um diese für eine Arbeitsaufnahme in Deutschland zu gewinnen.
    • Im Bereich Bildung muss sich der Fokus verstärkt auf die Förderung von leistungsschwachen Jungen (mit Migrationshintergrund) richten. Der Qualifikationsrückgang bei männlichen Jugendlichen bedeutet, gesellschaftlich und individuell ungenutzte Potenziale in Zukunft zu verschwenden. Dies kann sich die Gesellschaft im wahrsten Sinne nicht leisten.
    • Die Probleme der Zuwanderung werden mit Hinweis auf negative Einzelfälle medienwirksam personalisiert, während die Vorteile weitestgehend anonym bleiben. 
    • Auch das neue Zuwanderungsgesetz schreckt aufgrund bürokratischer Hemmnisse mehr ab, als dass es Chancen für beide Seiten offenbart.
    • Das Bemühen, die Erwerbsbeteiligung von Frauen auf die Höhe der Beteiligung von Männern anzuheben, wird leider allzuoft aus parteitaktischen Überlegungen heraus (Stichwort Herdprämie) konterkariert
    Ein Blick in die Vergangenheit der Aus- und Zuwanderung nach Deutschland macht deutlich, dass wir vielleicht gar nicht so weit davon entfernt sind, dass in Folge der Alterung und privaten wie öffentlichen Überschuldung der Bevölkerung und der damit einher gehenden schlechten Perspektiven der jüngeren Generation bereits in naher Zukunft eher das Problem einer umfassenden Auswanderungswelle bevor stehen könnte. Die Verachtung von Menschen, wie sie im Buch von Sarrazin zum Ausdruck kommt, kann auch als erster Schritt in diese Richtung gedeutet werden.