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Donnerstag, 3. März 2011

Mehr Arbeiterkinder an die Hochschule!

BILD, Hürriyet, Roland Berger und die Bertelsmann Stiftung haben nun zusammen eine große Umfrage ins Leben gerufen - www.bildung2011.de - mit der die Menschen in Deutschland die Chance erhalten, sich gegenüber der Politik in direkter Weise zur Bildungssituation zu äußern. Denn: Eltern und Kinder sind aus deren praktischer Erfahrung heraus die besten Bildungsexperten, die wir haben.
Heute und in den nächsten 3 Wochen werden an dieser Stelle Blogposts veröffentlicht, die meine Kollegen aus dem Team "Zukunft global denken" der Bertelsmann Stiftung und ich zum Thema "Bildung und Zukunftsfragen" verfasst haben. Wir möchten an dieser Stelle um Ihre Mitwirkung bei dieser Umfrage werben. Lassen Sie uns über die Umfrageseite sowie hier direkt Ihre Kommentare und Einschätzungen zukommen.

Andrea Kuhn

Die Folgen der Probleme des deutschen Bildungssystems sind derzeit in aller Munde. PISA-Ergebnisse schocken regelmäßig und auch über zu wenig Hochschulabsolventen wird geklagt. Die 2010 erschienene 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zeigt, dass bei aller Präsenz des Themas in der öffentlichen Debatte, nach wie vor große Missstände im deutschen Bildungssystem vorherrschen. Nur 24 Prozent der Kinder, deren Eltern einen nicht-akademischen Hintergrund haben, wagen überhaupt den Schritt an die Hochschule. Dabei sind die unterschiedlichen Voraussetzungen nicht unmittelbar spürbar. In einem Interview mit der Welt vor wenigen Wochen betonte Heike Solga (Die Welt 12.1.2011), Direktorin der Abteilung „Ausbildung und Arbeitsmarkt“ am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin (WZB), dass die Grundschule noch dazu in der Lage sei, die aus dem unterschiedlichen Bildungsgrad der Eltern resultierende ungleiche Förderung der Kinder auszugleichen, danach trennt sich dann aber die so genannte ‚Spreu vom Weizen‘. Offensichtlich ist das dreigliedrige Schulsystem nicht dazu in der Lage, die ungleichen Bildungsverhältnisse aufzufangen.

Dabei ist der Grad der Qualifikation ausschlaggebend für die Zukunftsaussichten. Zusätzlich wird es Deutschland zukünftig vermehrt an Fachkräften mangeln. So zeigt die 2010 bei der Bertelsmann Stiftung erschienene Publikation ‚Wer gewinnt, wer verliert. Globalisierung und Beschäftigungsentwicklung in den Wirtschaftsbranchen‘, dass in zehn Jahren Akademiker besonders gefragt sein werden: der Bedarf steigt bis 2020 um rund 800.000 Universitäts- und 1,1 Millionen Fachhochschulabsolventen.

Insofern ist Underachievement nicht nur ein individuelles Problem, sondern wirkt sich negativ auf die gesamte Volkswirtschaft aus.

Doch warum scheuen so viele Arbeiterkinder den Gang zur Hochschule? Neben der Selektion, die aufgrund unterschiedlicher Voraussetzungen erfolgt, zögern Kinder ohne Eltern mit akademischem Hintergrund auch bei geeignetem Abschluss den Schritt in Richtung Universität: fehlendes Geld, mangelndes Selbstbewusstsein und unzureichende Erfahrung, welche akademische Wege man überhaupt gehen kann, sind dabei wohl wichtige Gründe. Im Gegensatz zu klassischen Akademikerfamilien finden sich in Familien von Arbeiterkindern nicht die berufliche Vielfalt, es fehlt an beruflichen Vorbildern. Eine häufig gestellte Frage ist hier oft der Sinn und Zweck der unterschiedlichen Studiengänge.

Neben der fehlenden Ermutigung ist wohl vor allem auch die finanzielle Sorge ein Grund bei der Entscheidung gegen das Studium. Im Gegensatz zu den Niederlanden oder skandinavischen Ländern wird das Bafög nach wie vor an das Einkommen der Eltern gekoppelt.

So sind zum Beispiel in den Niederlanden alle niederländischen Studierenden über 18 Jahre grundsätzlich förderberechtigt und erhalten einen Basiszuschuss. Die Höhe des Zuschusses beträgt für Studierende, die allein wohnen 253 Euro monatlich und für Personen, die bei ihren Eltern leben, beträgt er 91 Euro. Ergänzend haben alle Studierenden die Möglichkeit ein Darlehen in Höhe von bis zu 277 Euro in Anspruch zu nehmen. Für Studenten aus einkommensschwachen Familien gibt es zusätzliche Fördermöglichkeiten, die dann abhängig von den elterlichen Möglichkeiten ausgezahlt werden. Der Basisbetrag aber ist universal.

Auf den ersten Blick erscheint das deutsche System gerecht – warum sollte ein Kind wohlhabender Eltern staatliche Leistungen erhalten? Diese Regelung impliziert allerdings ähnlich wie beim Kindergeld, das nicht einmal nach Erreichen der Volljährigkeit an die Leistungsempfänger direkt ausgezahlt wird, dass diese Personen nicht als Individuen, sondern als Kinder von jemandem gesehen werden.

Und was wenn die Eltern dem Kind das Geld verweigern? Oder dem Kind die umfangreichen Angaben zur Beantragung des Bafög vorenthalten? Dann habe das Kind ja immer noch die Möglichkeit seine Rechte einzuklagen. Man mag das als inkonsequent erachten, aber dass Kinder in dieser Situation nicht umgehend gerichtliche Schritte einleiten, ist nur zu verständlich und wäre unnötig, wenn sie vom Staat als unabhängige Individuen betrachtet würden.

Initiativen wie Arbeiterkind.de und Studienkompass.de helfen insbesondere beim Aufbau eines Netzwerkes, das Arbeiterkindern nur allzu häufig fehlt. Sie informieren über Ausbildungswege, Stipendien und Zusatzqualifikationen. Diese Initiativen sind richtig und wichtig, um mehr junge Menschen für die Hochschule zu begeistern. Nichtsdestotrotz sollte auch in der Schule gewährleistet werden, dass grundlegende Informationen zu Ausbildungswegen und Finanzierungsmöglichkeiten vermittelt werden. Darüber hinaus sollte dringend an Fördermöglichkeiten für Studenten gearbeitet werden. Zwar ist seit Einführung der Studiengebühren viel passiert. Bildungs- und Studienkredite sind leichter zugänglich, aber sie sollten sozial verträglich bleiben und vor allem auf dem individuellen Status und nicht auf dem familiären System basieren.




Teil 3 der Bildungsserie: Von China Lernen lernen?

Teil 4 der Bildungsserie: Migration als Chance

Teil 8 der Bildungsserie: Das Ende der Kreidezeit - Eine Milliarde für Bildungs-IT!