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Freitag, 18. Februar 2011

Von China Lernen lernen?

BILD, Hürriyet, Roland Berger und die Bertelsmann Stiftung haben nun zusammen eine große Bildungsumfrage ins Leben gerufen - www.bildung2011.de - mit der die Menschen in Deutschland die Chance erhalten, sich gegenüber der Politik in direkter Weise zur Bildungssituation zu äußern. Denn: Eltern und Kinder sind aus deren praktischer Erfahrung heraus die besten Bildungsexperten, die wir haben. 
Heute und in den nächsten 3 Wochen werden an dieser Stelle Blogposts veröffentlicht, die meine Kollegen aus dem Team "Zukunft global denken" der Bertelsmann Stiftung und ich zum Thema "Bildung und Zukunftsfragen" verfasst haben. Wir möchten an dieser Stelle um Ihre Mitwirkung bei dieser Umfrage werben. Lassen Sie uns über die Umfrageseite sowie hier direkt Ihre Kommentare und Einschätzungen zukommen.

Peter Walkenhorst


Eine beliebte Floskel politischer Sonntagsreden besagt, dass Bildung die wichtigste Ressource in der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts sei. Folglich müsse auch Deutschland mehr in die Bildung und Ausbildung seiner Menschen investieren, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können. Allerdings folgen diesen Worten nur selten Taten. In Gegenteil: Die Etats für Bildung bleiben bevorzugte Posten für die Sanierung der öffentlichen Haushalte. Aber auch den Bürgerinnen und Bürgern scheint es an der Bereitschaft zu mangeln, sich stärker an der Finanzierung des Bildungssystems zu beteiligen und Opfer für eine bessere Ausbildung der jungen Leute zu bringen. In jedem Fall haben weder die Politiker noch die Bürger bislang die Frage beantwortet, was ihnen die vermeintlich so wichtige Bildung wirklich wert ist.

Das ist vielleicht auch nicht verwunderlich. Denn genügend Geld für bessere Bildung aufzubringen, wird Opfer erfordern. Das zumindest zeigt ein Blick auf China, das sich anschickt, seine wachsende wirtschaftliche und politische Macht in der Welt durch massive Investitionen in die Bildung seiner Bevölkerung weiter auszubauen. So investiert das „Reich der Mitte“ schon seit geraumer Zeit systematisch in die Entwicklung seiner Universitäten. Während 1997 nur neun Prozent eines Jahrgangs studierten, sind es heute bereits 25 Prozent, und 2020 sollen es, so das Ziel der chinesischen Regierung, 40 Prozent sein. Zwar hat die stetig steigende Zahl von Hochschulabsolventen – allein im letzten Jahre waren es sechs Millionen – mittlerweile auch zu einer wachsenden Arbeitslosigkeit unter Akademikern geführt. Gleichwohl sind viele Experten der Meinung, dass der Anteil der Hochschulabsolventen in China, insbesondere in den Bereichen Forschung und Technologie, nach wie vor viel zu klein sei, um ein das gegenwärtige Wirtschaftswachstum auf Dauer sicher stellen zu können.

Womöglich wichtiger als die massiven staatlichen Investitionen ist die hohe Wertschätzung der Bildung seitens der Bürgerinnen und Bürger. Bildung gilt in China nach wie vor (oder wieder) als der wichtigste Weg zu Wohlstand und sozialem Aufstieg. Aus diesem Grund ist für die meisten chinesischen Eltern nichts so wichtig wie die bestmögliche Ausbildung ihres Kindes (denn die offizielle Ein-Kind-Politik zwingt sie dazu, alle Hoffnungen auf einen Nachkommen zu konzentrieren). Das Ergebnis ist ein gnadenloser Wettbewerb und Ausleseprozess, dessen Ergebnisse beeindrucken, dessen Schattenseiten aber ebenfalls nicht zu übersehen sind.

Bei der jüngsten Pisa-Studie belegten chinesische Schüler aus Shanghai, die 2009 zum ersten Mal an dem internationalen Leistungsvergleich teilnahmen, auf Anhieb den Spitzenplatz in allen Kompetenzbereichen. China darf sich deshalb nicht nur als der neue Export- sondern auch als der neue „Bildungsweltmeister“ fühlen. Für die betroffenen Kinder allerdings bedeutet der beständige Konkurrenzkampf, einem enormen Leistungsdruck standhalten zu müssen und in ständiger Angst zu leben, ihre Eltern zu enttäuschen.

Dennoch setzen viele Eltern auf einen knallharten Drill ihrer Kinder, wie ihn die chinesisch stämmige Yale-Professorin Amy Chua in ihrem Buch „Battle Hymn of a Tiger Mother“ (deutsch: „Die Mutter des Erfolgs: Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte“) als Erfolgsrezept propagiert. Ihr Buch stand in den USA wochenlang auf den Bestsellerlisten und hat dort eine leidenschaftliche Debatte um die richtigen Erziehungsmethoden ausgelöst. Bei dieser Kontroverse geht es jedoch nur vordergründig um Erziehungsfragen. Denn das provokante Buch der erfolgreichen Immigrantentochter trifft einen empfindlichen Nerv der amerikanischen Mittelklasse, die seit der Finanz- und Wirtschaftkrise mehr als zuvor den sozialen Abstieg fürchtet. Ähnlich wie die Sarrazin-Debatte in Deutschland muss auch die Diskussion um Amy Chuas Thesen als ein Symptom zunehmender Verunsicherung verstanden werden: „In den westlichen Industrieländern wird die Abstiegsangst an der Nervosität sichtbar, mit der sie Bildungsfragen erörtern“, wie Elisabeth von Thadden in der Wochenzeitschrift DIE ZEIT (Nr. 5, 2011, S. 45) treffend formulierte. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der „Zukunft durch Bildung“ mit neuer Eindringlichkeit.

Teil 1 der Bildungsserie: Bildung und Alterung der Gesellschaft – Wie sichern wir den Wohlstand in einer alternden Gesellschaft?

Teil 2 der Bildungsserie: Bildung und Globalisierung