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Dienstag, 22. Februar 2011

Migration als Chance

BILD, Hürriyet, Roland Berger und die Bertelsmann Stiftung haben nun zusammen eine große Bildungsumfrage ins Leben gerufen - www.bildung2011.de - mit der die Menschen in Deutschland die Chance erhalten, sich gegenüber der Politik in direkter Weise zur Bildungssituation zu äußern. Denn: Eltern und Kinder sind aus deren praktischer Erfahrung heraus die besten Bildungsexperten, die wir haben. 
Heute und in den nächsten 3 Wochen werden an dieser Stelle Blogposts veröffentlicht, die meine Kollegen aus dem Team "Zukunft global denken" der Bertelsmann Stiftung und ich zum Thema "Bildung und Zukunftsfragen" verfasst haben. Wir möchten an dieser Stelle um Ihre Mitwirkung bei dieser Umfrage werben. Lassen Sie uns über die Umfrageseite sowie hier direkt Ihre Kommentare und Einschätzungen zukommen.

Samuil Simeonov

Migration ist ein heikles Thema. Spätestens seit der Veröffentlichung des kontrovers diskutierten Buchs des ehemaligen Vorstandsmitgliedes der Deutschen Bundesbank, Thilo Sarrazin, wurden viele neue Fragen bezüglich der Integration von Migranten in der Bundesrepublik aufgeworfen. Dabei wurde das Thema vor allem emotional behandelt.

In einer interdependenten Welt scheint jedoch eine pragmatische Sichtweise sinnvoll: Migration ist sowohl unvermeidbar als auch wünschenswert. Zum einen ist sie den Menschen inhärent. Man denke an die ersten Völkerwanderungen oder an die Kolonisierungszüge der europäischen Großmächte, die riesige Migrationswellen verursachten und damit deren Weltdominanz bis heute sicherten. Nicht zuletzt verursachen globale Megatrends wie Armut, Klimawandel und Überbevölkerung große Migrationsströme von Entwicklungsländern in die Industriewelt.

Zum anderen ist Deutschland - aber auch Europa im Allgemeinen - mit demographischen Herausforderungen konfrontiert, die negative ökonomische und gesellschaftliche Folgen mit sich bringen. Die alternde Gesellschaft Europas ist Folge einer niedrigen Geburtenrate und einer hohen Lebenserwartung. Daraus entsteht eine Verzerrung der demographischen Struktur: Während der Prozentanteil der Bevölkerung im Rentenalter wächst, geht jener der Erwerbstätigen zurück. Letzteres bringt mit sich eine Reihe ökonomischer Herausforderungen: Verknappung der Arbeit, 2) Überlastung der Sozialsicherungssysteme und somit 3) wachsende Staatsverschuldung.

Makroökonomisch betrachtet führen diese Entwicklungen zur Verringerung des Anteils der Industrieländer am Weltprodukt. Sogar eine Erhöhung der Produktivität und/oder die Verlängerung des Renteneintrittsalters können allein keinen nachhaltigen Beitrag leisten. Hierauf beruht die Annahme vieler Wissenschaftler, dass sich der demographische „Überhang“ der Entwicklungsländer in ökonomisches und politisches Kapital umwandeln lässt und somit den internationalen Einfluss der Industrienationen stark schmälern könnte. Letzteres wird schon heute am Beispiel von China beobachtet.

Zur Bewältigung dieser Herausforderungen schlagen Wissenschaftler und Politiker unterschiedliche Instrumente vor. Zum einen handelt es sich um technische Innovationen. Allerdings investieren auch Entwicklungsländer wie China und Indien zunehmend in Bildung und Forschung, so dass dieser Bereich nicht den Europäern oder den Amerikanern vorbehalten ist. So fortschrittlich wie sie sein mögen, ist es zu bezweifeln, ob solche Innovationen die Schrumpfung der Bevölkerung auf Dauer kompensieren können. Zum anderen wird für eine Förderung der Geburtenrate durch eine familienfreundlichere Politik plädiert. Dabei scheint das in westlichen Gesellschaften vorherrschende Kleinfamilienmodell mit gewissen Werten (Lebensstil, Gleichstellung der Frau, Bildung, etc.) zusammen zu hängen, die sich kaum über Nacht ändern lassen. Zuletzt steht eine aktive Migrationspolitik zur Verfügung, der eine große Bedeutung beigemessen wird. Denn diese besitzt verstecktes ökonomisches und politisches Potential, das sich in Ländern wie Kanada und Australien schon deutlich abzeichnet.

Letzteres ist jedoch nicht selbstverständlich, denn Migration ohne Integration birgt viele gesellschaftliche Risiken. Dabei spielt Bildung in all ihren Formen (formales, non-formales und informelles Lernen) eine zentrale Rolle. Von seinen ökonomischen Vorteilen abgesehen, ist theoretisch und praktisch bewiesen, dass Lernen viele persönliche und soziale Vorteile bringt: nämlich positive Auswirkung auf die persönliche Identität und Motivation - insbesondere bei Jugendlichen - auf den sozialen Zusammenhalt und auf die Lebenszufriedenheit einer Gesellschaft. Letztere sind wiederum Voraussetzungen für die erfolgreiche Integration von Einwanderern in alle Teilsysteme unserer Gesellschaft – von der Nachbarschaft bis hin zum Arbeitsmarkt.

Kurzum: Migration beinhaltet durchaus eine latente Ambivalenz. Sie könnte einerseits Gesellschaften durch Lohndumping billigerer Arbeitskräfte und die daraus folgende Einkommensspreizung, durch den Zusammenstoß kultureller/religiöser Werte, usw. polarisieren. Andererseits könnte sie zur Lösung gesellschaftlicher Probleme auf allen Ebenen beitragen, unter der Bedingung, dass sie mit einer konsequenten Bildungs- und Integrationspolitik einhergeht. Migration ist also, was man daraus macht!


Teil 1 der Bildungsserie: Bildung und Alterung der Gesellschaft – Wie sichern wir den Wohlstand in einer alternden Gesellschaft?

Teil 2 der Bildungsserie: Bildung und Globalisierung gehören zusammen

Teil 3 der Bildungsserie: Von China Lernen lernen?