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Freitag, 25. Februar 2011

Der Bologna-Prozess zur Reform des europäischen Hochschulsystems – eine verpasste Chance?

BILD, Hürriyet, Roland Berger und die Bertelsmann Stiftung haben nun zusammen eine große Bildungsumfrage ins Leben gerufen - www.bildung2011.de - mit der die Menschen in Deutschland die Chance erhalten, sich gegenüber der Politik in direkter Weise zur Bildungssituation zu äußern. Denn: Eltern und Kinder sind aus deren praktischer Erfahrung heraus die besten Bildungsexperten, die wir haben. 
Heute und in den nächsten 3 Wochen werden an dieser Stelle Blogposts veröffentlicht, die meine Kollegen aus dem Team "Zukunft global denken" der Bertelsmann Stiftung und ich zum Thema "Bildung und Zukunftsfragen" verfasst haben. Wir möchten an dieser Stelle um Ihre Mitwirkung bei dieser Umfrage werben. Lassen Sie uns über die Umfrageseite sowie hier direkt Ihre Kommentare und Einschätzungen zukommen.

Henrik Scheller

Nicht nur das deutsche Universitätssystem, die gesamte europäische Hochullandschaft ist seit zehn Jahren im Umbruch. Das Synonym für diese umfangreichste Reform in der Nachkriegsgeschichte heißt „Bologna“ – von europäischen Politikern gerne als Vorzeigeprojekt herausgestellt, in deutschen Universitäten heftig umstritten.
Die Kritik am Bologna-Prozess überdeckt inzwischen fast vollständig die eigentlich durchaus positiven Grundüberlegungen, die 1999 zu seiner Initiierung geführt haben. In diesem Jahr trafen sich fünf nationale Bildungsminister Deutschlands und unterzeichneten die Bologna-Deklaration. Seitdem haben über 40 weitere Staaten diese Vereinbarung unterzeichnet, zu denen auch so unterschiedliche Länder wie Albanien, Andorra, Bosnien und Herzegowina, der Heilige Stuhl, die Russische Föderation, die Türkei und Zypern zählen. Schon diese Liste zeigt, dass dieser Prozess nicht von der Europäischen Union initiiert und federführend vorangetrieben wird – auch wenn diese nicht selten als Zielscheibe für sämtliche Kritik an diesem Prozess herhalten muss. Zu den Kernzielen der Bologna-Deklaration, die kaum je wirklich strittig waren, zählen die folgenden Punkte:
  • Europaweite Einführung modularisierter und konsekutiver Studiengänge, bestehend aus Bachelor-, Master- und Promotionsabschluss. Eine vollständige Harmonisierung der Studienabschlüsse in ganz Europa sollte dabei explizit vermieden werden.
  • Die Förderung der Mobilität von Studierenden, Wissenschaftlern und Verwaltungspersonal.
  • Die europäische Zusammenarbeit bei der Qualitätssicherung einschließlich der Erarbeitung vergleichbarer Kriterien und Methoden.
  • Eine Förderung der „europäischen Dimension“ in den Curricula
  • Diese Ziele wurden in den Folgejahren durch verschiedene Erklärungen ergänzt und konkretisiert. Immer wurde dabei jedoch die nationale Bildungshoheit der einzelnen Unterzeichnerstaaten betont. Wogegen richtet sich nun die Kritik an diesem Reformprozess?
  • Der Bologna-Prozess stellt einen grundlegenden Eingriff in die Hochschulautonomie dar und hat zu einer Verschulung der Universitäten geführt. Grund dafür ist insbesondere die Abschaffung der alten Studienabschlüsse und die Einführung von Bachelor- und Master-Abschlüssen.
  • Dies hat zu einem Aussterben der randständigen Spezialfächer bei einer gleichzeitigen, kaum noch zu überschauenden Diversifizierung der BA- und MA-Programme geführt.
  • Der Bologna-Prozess hat zu einer Begrenzung der Wahlmöglichkeiten sowie zu Einschränkungen bei der Mobilität der Studierenden aufgrund verkürzter Regelstudienzeiten geführt.
  • Durch die neuen Studienabschlüsse werden Studierende nur unzureichend für das spätere Berufsleben qualifiziert – und dies trotz einer inhaltlichen Überfrachtung der neuen Studiengänge.
  • Der Bologna-Prozess verschärfe – zumindest in Deutschland – die soziale Selektivität zwischen jungen Menschen, die studieren könnten und jenen, denen es nicht möglich sei, zu studieren.
  • Dem Bologna-Prozess fehle es an einer institutionellen und curricularen Absicherung des Konzepts des „Lebenslangen Lernens“.
  • Der Bologna-Prozess hat zu einer zusätzlichen Arbeitsbelastung für das Lehr- und Verwal-tungspersonal geführt, z. B. durch neue Auswahlverfahren.
  • Als Folge der Umstellung der Studiengänge kommt es zu Defiziten bei der Steuerung der Studierendenströme aufgrund von Mehrfach-Immatrikulationen.
  • Durch neue Leistungsanforderungen, Prüfungsformen und Anerkennungsprozeduren hat der bürokratische Aufwand deutlich zugenommen.
Ein Teil dieser Kritik ist sicherlich berechtigt. Nicht umsonst hat sich der Protest der Studierenden um den Jahreswechsel 2009/2010 unter dem Motto „Uni brennt“ von Wien aus über ganz Europa verbreitet. Eine ganz maßgebliche Rolle spielte dabei die Kommunikation über das Internet und Social-Media-Foren, wie Blogs, Twitter, studiVZ, Youtube und Facebook.

Allerdings wird bei aller Kritik auch eine ursprüngliche Intention des gesamten Prozesses vergessen: Mit Bologna sollte auch eine inhaltlich-didaktische Neuausrichtung bestehender Studiengänge durch die Universitäten angeregt werden. Und in diesem Bereich besteht in der Tat noch erheblicher Nachholbedarf. Denn nach wie vor gilt nur allzu oft, dass Exzellenz in Wissenschaft und Forschung nicht automatisch gleichzusetzen ist mit exzellenter Lehre: Neben der Vermittlung von Inhalten muss es dabei auch um eine umfassende Förderung der selbstständigen Analysefähigkeiten sowie der Urteilskompetenz der Studierenden gehen. Die Vielfalt der eingesetzten Lehrmethoden spielt dabei eine zentrale Rolle.
Ein solch umfassender Transformationsprozess, wie er mit der Bologna-Reform verbunden ist, erfordert Zeit, finanzielle Ressourcen und den Umgang mit gewissen Unsicherheiten von allen beteiligten Akteuren. Nichtsdestotrotz ist es misslich, dass sich die Bundesrepublik bei der Umsetzung der Bologna-Ziele eher im europäischen Mittelfeld bewegt und nicht zu den aktiven Vorreiter-Staaten zählt. Ein Grund dafür ist sicherlich die Dynamik dieses gesamten Prozesses, der gerade auch an den Universitäten unterschätzt wurde. Oft wird der Prozess dort nicht als Chance begriffen. Nicht selten ist es zu einer bloßen Umetikettierung alter Studiengänge, -inhalte und -abschlüsse gekommen. Hier bedarf es auch in Zukunft eines noch stärkeren Dialogs zwischen allen beteiligten Akteuren – und zwar nicht nur bloß über zusätzliche finanzielle Ressourcen, sondern auch über eine Verbesserung der Lehrqualität.




Teil 3 der Bildungsserie: Von China Lernen lernen?

Teil 4 der Bildungsserie: Migration als Chance