.

.

Sonntag, 20. Februar 2011

Demographisch bedingter Fachkräftemangel macht auch vor Hamburg nicht halt

Der demographische Wandel ist durch die Indikatoren Geburtenziffer, Lebenserwartung und Migration gekennzeichnet. In Hamburg wird sich nach Berechnungen des IAB (Quelle) die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter bis 2050 um eine 1/4 Mio. reduzieren - dies entspricht einem Rückgang von 20%. Dies ist im innerdeutschen Vergleich eine ausgesprochen positive Positionierung; in Ost-Deutschland wird im gleichen Zeitraum die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter um rund 44% abnehmen. Der Anteil der über 55- bis unter 65-Jährigen an dieser Altersgruppe wird sich verdoppeln, während der Anteil der 35- bis unter 45-Jährigen um 25% sinken wird. Als besonders kritisch ist die Zeit bis 2025 anzusehen, da in diesem Zeitraum die Zahl der jährlich altersbedingt aus dem Arbeitsmarkt ausscheidenden Arbeitnehmer beständig ansteigen, die Zahl der altersbedingt Nachrückenden aber ständig abnehmen wird.

In den nächsten Jahren ist - auch infolge des starken Ausscheidens von Hoch-Qualifizierten aus dem Arbeitsmarkt mit einer Fachkräftelücke von 40.000 Personen zu rechnen. Etwas relativiert werden muss diese Zahl dadurch, dass der Bereich der öffentlichen Verwaltung und der Sozialversicherungsträger durch eine weit überdurchschnittlich alte Beschäftigenstruktur gekennzeichnet ist, dieser Bereich aber durch zu erwartende Sparmaßnahmen auch einer besonderen Kürzungsdynamik unterworfen sein wird. Anders gelagert ist die Situation bei technischen Berufen, die durch eine vergleichbare Altersstruktur gekennzeichnet sind, jedoch keinen Stellenabbau zu erwarten haben. Nachdem sich die Situation durch die Verrentung der Baby-Boomer dann kurzzeitig entspannen wird, wird sich diese negative Dynamik durch den Eintritt der stark geschrumpften Enkelgeneration der Pillenknick-Eltern in den Arbeitsmarkt noch negativer entwickeln. Um die Zahl der Erwerbstätigen bis 2050 auf dem heutigen Niveau zu halten, müsste die Erwerbstätigenquote bis dahin auf 88% steigen. Hingegen ist bei gegenüber heute konstanter Erwerbstätigenquote mit einem Rückgang der Zahl der Erwerbstätigen - wie o.g. - um ca. 20% zu rechnen.

Die Steigerung der bisher geringeren Erwerbsbeteiligung von Frauen über 35 Jahren und der Älteren sowie Qualifizierungsoffensiven v.a. in technischen Berufsfeldern könnten bis 2020 die weiter o.g. Nachwuchslücke zwar zu einem beträchtlichen Teil ausgleichen. Ab 2025 würde jedoch der demographischen Alters- und Mengeneffekt auch hier überwiegen - es sei denn, der Fachkräftebedarf könnte durch einen gesteigerten Zuzug von Hochqualifizierten bedient werden. Das Erstaunlich ist zudem, dass selbst bei einer Steigerung der Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren die Autoren der Studie nicht davon ausgehen, dass wir bis zum Jahre 2025 in Hamburg die Höhe dänischer Erwerbsquoten erreicht haben werden. Dieser Unterschied wird auch in 2025 noch zu einem (unnötigen) Verzicht auf die Erwerbsbeteiligung von 17.000 Personen führen.

Maßnahmen zur Steigerung der Erwerbsbeteiligungen sind die Schaffung bezahlbaren Wohnraums für junge Familien, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Erhöhung des Renteneintrittsalters, die Gewährung von Bildungsinvestitionen auch für ältere Arbeitnehmer sowie die Steigerung der Akademikerquote (insbesondere bei Kindern in Migrantenfamilien).

Kritisch angemerkt werden sollte aus meiner Sicht:
  • Das Problem der zunehmenden Bildungsbenachteiligung von Jungen wird nicht angesprochen. Es ergeben sich bereits heute durch die unterdurchschnittlichen Anteile männlicher Abiturienten jährliche Arbeitsangebotelücken in den angehenden Akademikerjahrgängen, die durch mehr auf Jungen ausgerichtete Unterrichtsinhalte leicht zu verhindern wären.
  • Maßnahmen zur Steigerung der Geburtenrate werden nicht genannt. 
  • Es wird nicht explizit auf die Beweggründe für einen möglichen Zuzug von Hoch-Qualifizierten nach Hamburg eingegangen.
Damit bleibt aber die Frage unbeantwortet, ob Zuwanderung auf den Arbeitsmarkt für Hamburg eine realistische Chance darstellt, um dem Fachkräftemangel zu begegnen.

Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (Hg.), IAB-Regional 1/2010, Demografischer Wandel - Auswirkungen auf den Hamburger Arbeitsmarkt.