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Montag, 28. Februar 2011

Das Ende der Kreidezeit - Eine Milliarde für Bildungs-IT!

BILD, Hürriyet, Roland Berger und die Bertelsmann Stiftung haben nun zusammen eine große Bildungsumfrage ins Leben gerufen - www.bildung2011.de - mit der die Menschen in Deutschland die Chance erhalten, sich gegenüber der Politik in direkter Weise zur Bildungssituation zu äußern. Denn: Eltern und Kinder sind aus deren praktischer Erfahrung heraus die besten Bildungsexperten, die wir haben. 
Heute und in den nächsten 3 Wochen werden an dieser Stelle Blogposts veröffentlicht, die meine Kollegen aus dem Team "Zukunft global denken" der Bertelsmann Stiftung und ich zum Thema "Bildung und Zukunftsfragen" verfasst haben. Wir möchten an dieser Stelle um Ihre Mitwirkung bei dieser Umfrage werben. Lassen Sie uns über die Umfrageseite sowie hier direkt Ihre Kommentare und Einschätzungen zukommen.


Jan Arpe

Im Oktober 2010 forderte Gunter Dueck, Cheftechnologe der IBM Deutschland, auf der TEDx Rhein-Neckar-Konferenz das Ende der Kreidezeit. Dabei dachte er allerdings weniger an den Ersatz der guten alten Schultafeln durch interaktive Multimedia-Whiteboards, sondern vielmehr an eine radikale Neugestaltung des Bildungswesens mit Hilfe - aus dem Munde eines “Techies” vielleicht nicht völlig verwunderlich - von IT.

Sein Ausgangspunkt: Die Verfügbarkeit von Wissen habe sich bereits radikal gewandelt. Wer beispielsweise heute ein Referat über Goethes “Leiden des jungen Werther” halten muss, bekommt in kürzester Zeit mit Hilfe von Wikipedia und Co. eine Fülle von Informationen zu Inhalt, historischer Einbettung, Interpretationsansätzen, Sekundärliteratur etc. pp. Im Deutschunterricht wird die Lektüre freilich so gut wie überall noch wie Anno dazumal behandelt, unter Umständen den Schülern gar die Verwendung von Internetrecherchen explizit verboten, um... Ja, warum eigentlich? Weil das Internet mit all seinen unvollständigen, tendenziösen oder gar unseriösen, falschen Informationen so gefährlich ist? Wäre man dann nicht besser beraten, den Schülern beim Umgang mit dieser Art der Recherche behilflich zu sein und ihnen zu zeigen, wie sich Seriöses von Unseriösem, Einseitiges von Objektivem, schlecht Recherchiertes von qualitativ Hochwertigem unterscheiden lässt?

Oder ist es die Angst, dass die Bibliotheksrecherche maßgeblich beschleunigt oder - noch schlimmer - gar obsolet wird, weil die Sekundärliteratur mittlerweile auch via Google Books einsehbar ist? Geht es vielleicht tatsächlich um einen letzten Versuch, die Wissenshoheit der Lehrkraft nicht zu gefährden? Die wird es in Zukunft ohnehin immer weniger geben, denn die Informationen sind schließlich im Netz verfügbar. Und zwar für alle, egal ob Schüler oder Lehrer, ob in Deutschland oder sonst wo auf der Welt. In einem Umfang, den kein Lehrer der Welt auf einmal wissen kann.

All diesen Argumenten gegen die Nutzung neuer technologischer Möglichkeiten ist eines gemein: Sie beruhen auf alten, liebgewonnenen Gewohnheiten, auf der zwanghaften Ablehnung von Veränderung. Es ist jedoch dringend an der Zeit, die Chancen zu be- und dann auch zu ergreifen. Selbstverständlich ist es ebenso töricht, fortschrittsgläubig und blind alles gut zu finden, was neu ist. Guter Wandel will aktiv gestaltet sein. Beispielsweise ist Wikipedia ein Projekt, dass eher zufällig im Evolutionsprozess des Internets entstanden ist. Zwar mit einer klaren Vision, aber eben nicht zugeschnitten auf die systematische Vermittlung von Lerninhalten. Wäre das nicht eine Chance? Nicht nur passiv das zu Nutzen, was es schon gibt, sondern die Dinge nach den gesellschaftlichen Bedürfnissen zu gestalten? Wikipedia so weiter zu entwickeln, dass es den Lernbedürfnissen aller Altersgruppen gerechter wird?

Dueck schwärmt dem Publikum vor, wovon er träumt: “virtuelle Baukästen für Physik und Chemie” statt in staubigen Hörsälen mäßig vorgeführter Experimente mit quälend langer Vorbereitungszeit, “Erdkunde mit Goolge Earth Technologie” statt behäbigen Blätterns in zentnerschweren Schulatlanten, “Youtube für Bio - mit allen Tieren und Pflanzen” statt stundenlangen Hantierens mit klobigen und unzulänglichen Mikroskopen, “Skype-Austauschschüler” statt Englischlehrern, die ihren stark bayerischen Akzent auch in der Fremdsprache leider nicht verbergen können.

“Aber was machen denn dann die Lehrer?”, könnte man nun fragen. Und ob dann nicht alle Schüler und alle Studenten zu Laptop- oder iPad-glotzenden Hightech-Zombies würden, die auf flimmernde Bildschirme (sic!) fixiert in den Klassenzimmern nebeneinander sitzend verrohen und vereinsamen und jegliche Sozialkompetenz verlieren? Wo bleibt denn da die Menschlichkeit? Dueck hat eine vielleicht verblüffend naheliegende Antwort: Wenn durch den Einsatz von Bildungs-IT die Qualität des Lernens und gleichzeitig der Spaß am Lernen maßgeblich steigen und die Lehrkräfte dadurch in einer ihrer bisherigen Kernaufgaben, nämlich der Wissensvermittlung, entlastet werden, dann müssen sich die Aufgaben und damit das Selbstverständnis der Lehrenden eben ändern! Sie sollen nicht mehr (“nur”) das Fachliche vermitteln, sondern vielmehr die Lernenden dabei unterstützen, Fähigkeiten zu erwerben und - noch mehr - zukunftsfähige Einstellungen zu entwickeln. Übrigens nicht nur an Schulen, sondern auch in Kindergärten, an den Hochschulen usw., kurzum: beim lebenslangen Lernen insgesamt!

Welche Fähigkeiten und Einstellungen sind? Dueck nennt gleich eine ganze Reihe, darunter “sozial”, “kooperativ”, “kommunikativ”, “konflikt- und problemlösend”, “führungsstark”, “humorvoll”, “interkulturell kompetent”, “vertrauensbildend”, “neugierig”, “eigenverantwortlich”, die Liste ließe sich ohne Schwierigkeiten beliebig verlängern. Die Vermittlung all dieser Kompetenzen sind durchaus anspruchsvoll für eine Lehrkraft. Aber nur so, so Duecks Überzeugung, lassen sich nicht nur “mehr Leute mit Abitur” hervorbringen, sondern kann “die ganze Bildung eine Stufe höher” gehoben werden, können wir zu einer “Exzellenz-Gesellschaft” werden. Eine Gesellschaft, in der nicht nur die Exzellenz der Besten gefördert wird, sondern die Exzellenz aller, gerade auch der Schwächsten.

Und wie soll das Ganze funktionieren? Wir brauchen grundsätzlich drei Dinge. Erstens: völlig neu zu entwickelnde Bildungs-Software, am besten frei und unkompliziert im Web für jederman verfügbar. Wäre es nicht eine Idee, das Ziel auszurufen, in fünf Jahren weltweit führend in Bildungs-IT zu werden? Zweitens: die Infrastruktur, um diese Bildungs-IT auch allen in geeignet gestalteten Umfeldern zugänglich zu machen. Das kostet viel Geld, man wird aber auch ohne Bildungs-IT nicht drumherum kommen, dann aber auf die Gefahr hin, dass es sehr viel länger dauern wird und Deutschland womöglich einmal mehr die Chance auf eine internationale Spitzenrolle verpasst. Und Drittens: Ein komplett neues Verständnis davon, was Professoren, Lehrer und Erzieher leisten sollen, mitsamt der Umorganisation ihrer Ausbildungen. Auch das kostet Geld, Kraft und Zeit. Wir sollten besser jetzt anfangen und nicht erst morgen oder übermorgen oder...

Übrigens: Laut Wikipedia kostet der Bau eines Kilometers Autobahn durchschnittlich 26,8 Millionen Euro. Für eine Milliarde Euro lassen sich somit rund 37,3 km Autobahn bauen.
Für eine Milliarde Euro kann man locker 1000 exzellente Softwareentwickler fünf Jahre lang mit der Entwicklung von Wissensplattformen beauftragen. Kaum auszudenken, wie viel all diese Fachkräfte in diesem Zeitraum alles schaffen könnten! Den ersten Schritt könnte man also - zumindest aus finanzieller Sicht - recht problemlos umsetzen. Oder eben 37,3 Kilometer Autobahn bauen. Fragen Sie mal Ihre Kinder!




Teil 3 der Bildungsserie: Von China Lernen lernen?

Teil 4 der Bildungsserie: Migration als Chance