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Donnerstag, 24. Februar 2011

Bildungsföderalismus geht zu Lasten von Eltern und Kindern

BILD, Hürriyet, Roland Berger und die Bertelsmann Stiftung haben nun zusammen eine große Bildungsumfrage ins Leben gerufen - www.bildung2011.de - mit der die Menschen in Deutschland die Chance erhalten, sich gegenüber der Politik in direkter Weise zur Bildungssituation zu äußern. Denn: Eltern und Kinder sind aus deren praktischer Erfahrung heraus die besten Bildungsexperten, die wir haben. 
Heute und in den nächsten 3 Wochen werden an dieser Stelle Blogposts veröffentlicht, die meine Kollegen aus dem Team "Zukunft global denken" der Bertelsmann Stiftung und ich zum Thema "Bildung und Zukunftsfragen" verfasst haben. Wir möchten an dieser Stelle um Ihre Mitwirkung bei dieser Umfrage werben. Lassen Sie uns über die Umfrageseite sowie hier direkt Ihre Kommentare und Einschätzungen zukommen.

Ole Wintermann

Vor einiger Zeit haben wir im Föderalismus-Projekt der Bertelsmann Stiftung eine Umfrage zur Einstellung der Bürger in Deutschland zum Föderalismus durchgeführt. Die Föderalismusdebatte - angeheizt durch schlechte Pisa-Ergebnisse und die aus Sicht der Bayern falsch genutzten Umverteilungen im Zuge des Länderfinanzausgleichs - kannte anscheinend jahrelang nur eine Richtung: Mehr Freiheit und Eigenständigkeit für die Länder. Das ordnungstheoretische Argumentationsmuster betonte den Sinn des freien Wettbewerbs der guten Ideen aus der Länderpolitik, die Wahlfreiheit der Bürger, heute in Bremen und schon morgen in Bayern wohnen zu können. Der Bürger sollte einfach mit den Füßen darüber abstimmen, welches Bundesland er für seine Lebensführung am besten geeignet sei. Soweit die Theorie.

Nun können wir beim Blick auf das Bildungssystem tatsächlich feststellen, dass der Bürger zwischen einer Vielzahl von Kombinationen und Methoden wählen kann. In Relation zum jeweiligen Altern kann er aus folgenden Optionen auswählen (diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, da eine Darstellung der Kombinationsmöglichkeiten den Umfang mehrere Seiten annehmen würde).
  1. Bereits in der ersten Klasse unterscheiden sich von Schule zu Schule die Objekt- und Tiernamen, mit denen die Kinder die Buchstaben lernen. Während in der einen Schule das “A” durch ein Auto dargestellt wird, ist es in der Nachbarschule der Aal.
  2. In welcher Weise sollen seine Kinder Buchstaben in Schreibschrift lernen? Soll das “z” einen Bogen nach unten haben und eher nicht. Ähnliche Fragen müssen sich Eltern beim Blick auf andere Buchstaben stellen. Auch dies führt schon beim Umzug innerhalb einer Stadt dazu, dass das Kind in den Leistungen der Schrift abfällt, weil die neue Schule leider auf den Strich nach unten verzichtet (und auch andere Schreibbuchstaben anders vorschreibt).
  3. Der Einstieg in die englische Sprache ist zudem von Land zu Land in unterschiedlichen Jahrgangsstufen platziert. Soll es gleich die 1. oder erst die 2. Klasse sein?
  4. Beim Wechsel in die 5. Klasse können (außer in Berlin mit seiner längeren Grundschulzeit) Eltern - unter der Voraussetzung, dass sie nicht in einem Bundesland mit einer verbindlichen Lehrerempfehlung wohnen, wählen, ob ihr Kind auf die Gesamtschule, die Regionalschule (Schleswig-Holstein) oder in eine sonstige weiterführende Schule schicken wollen.
  5. Dabei müssen sie darüber hinaus noch bedenken, dass ihr Kind entweder den naturwissenschaftlichen Unterricht besuchen soll, oder ob der Einzelunterricht in den Fächern Chemie, Physik und Biologie vorzuziehen ist. In Berlin hat man vor Jahren gar eine Volksbefragung zur Rolle des Religionsunterrichts initiiert.
  6. Soll es dann beim Wechsel von der 4. in die 5. oder von der 6. in die 7. Klasse (Berlin) die Gemeinschaftsschule, die offene Ganztagsschule, die verbindliche Ganztagsschule, die Gesamtschule oder eher die klassische Schulwahl sein?
  7. Die Auswahl der richtigen Fächerkombination und Fächerstruktur hängt natürlich auch von den Schulbüchern ab. Sowohl deren Finanzierung als auch deren Inhalte unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland. Welches mag nur das beste Schulbuch für Latein in der 7. Klasse sein?
  8. Möchten die Eltern den Kindern eine 12. oder ein 13. Jahres-Abitur zumuten? Besonders negativ fällt die Wahl des 13. Jahres-Abiturs dann aus, wenn danach ein Umzug in ein 12.-Jahres-Land erfolgt.
  9. Im Falle des 12.-Jahres-Abiturs ist auch wieder zu bedenken, welche Art von Ganztag damit verbunden ist. Ist es der offene oder der verpflichtende (bzw. je nach Bundesland der “verbindliche”) Ganztag?
  10. Vielleicht sollte man bei dieser Entscheidung auch die nach Ländern und Kommunen unterschiedlichen Schulgebühren berücksichtigen? Im Falle der Nutzung einer Schule im Nachbarort können auch “Straf”gebühren anfallen, da sich der Bürger nicht an die Regeln des kommunalen Finanzausgleichs hält.
  11. Der indirekte Weg zum Abitur ist sehr kreativ ausgestaltet und bringt von Land zu Land Bildungsanstalten mit vollkommen länderspezifischen Namen - wie den Berufskolleg in NRW - hervor. Dass sich dies im Nachhinein dann nicht föderlich auf die länderübergreifende Anerkennung von Bildungsabschlüssen auswirkt, dürfte nachvollziehbar sein.
  12. Nach Abschluss der Schullaufbahn warten weitere länderspezifische Regelungen bei Studiengebühren, Stipendien, Studienabschlüssen und nicht zuletzt den Bildungsurlauben im späteren Berufsleben.
Weiß der Bürger und wissen die Kinder diese Vielfalt an Kombinationsmöglichkeiten etwa nicht zu schätzen? Die komplexe Intransparenz dieser Entscheidungsmöglichkeiten und die graue Theorie des Umzugs nach Kriterien der Länderpolitik stehen der ordnungspolitischen Theorie mehr als entgegen. So war es auch nicht verwunderlich, dass bei unserer Umfrage zur Einstellung der Bürger zum Föderalismus:
  • nur zwischen 1% und 6% der Befragten in den Ländern die Landespolitik überhaupt als Identifizierungsmerkmal des Landes, in dem sie wohnen, betrachten,
  • die relative Mehrheit der Befragten die Wahl des Wohnortes nach dem Ort des eigenen Aufwachsens und des sozialen Umfeldes gewählt hat,
  • die Identifikation mit den Bundesländern ähnlich schwach ausgeprägt ist wie die Identifikation mit Europa,
  • mithin 25% der Befragten die Bundesländer für gänzlich überflüssig halten,
  • bei globalen Herausforderungen zu 95% den Bund als hauptverantwortlichen Akteur ansehen,
  • die Mehrheit der Befragten Wettbewerb vor allem als Sache des Unternehmenssektors - und nicht zwischen den Bundesländern verortet - sieht und schließlich
  • zwischen 88% und 97% der Befragten in den Bundesländern bundesweit einheitliche Bildungsstandards befürworten.
Wieso werden die Vorstellungen der Bürger zum Bildungssystem so nachhaltig missachtet? Die Eltern stehen am Anfang der Schullaufbahn vor dem Problem, nur jeweils ein oder zwei wirkliche Alternativen zu haben. Sie haben trotz der bundesweit vollkommen unübersichtlichen Vielfalt der Bildungsbausteine keine wirkliche Chance der freien Wahl von Kombinationsmöglichkeiten. Denn nach wie vor ist natürlich die Wahl des Arbeitsplatzes und nicht die Wahl der Grundschule maßgeblich für die Wahl des Wohnortes. Eltern und Kinder werden anscheinend benutzt, um in einem großen Experiment mit ungewissem Ausgang im Bildungssystem die beste Kombination von Methoden und Inhalten heraus zu finden. Dieses Experiment findet seit Jahrzehnten statt, ohne dass wir es bei Pisa - trotz des ordnungstheoretischen Ansatzes - auf die vorderen Ränge geschafft hätten. Es wird Zeit, die Interessen der Kinder in den Vordergrund zu stellen. Im späteren Leben stehen sich nicht Bremer und Bayern sondern Europäer und Asiaten auf dem globalisierten Arbeitsmarkt gegenüber. Geben wir den Kindern eine reelle Chance, in diesem Wettbewerb zu bestehen.

Stimmen Sie ab!



Teil 3 der Bildungsserie: Von China Lernen lernen?

Teil 4 der Bildungsserie: Migration als Chance