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Donnerstag, 6. Januar 2011

Update: Wikileaks/Assange in den deutschen, schwedischen und englischen Medien/Blogs

Vor 2 Wochen hatte ich in einem Blogpost die Frage aufgeworfen, wieso im Zuge der schwedischen Ermittlungen gegen J. Assange die schwedische Staatsanwaltschaft innerhalb eines 3-Monatszeitraums zu gänzlich unterschiedlichen Einschätzungen der Aussagen der eventuell betroffenen Frauen gekommen ist. Mit Blick auf die mediale Berichterstattung hatte ich abschließend den Vorschlag gemacht, ab und an in die schwedischen Originalquellen zu schauen, um diesen Sachverhalt im Sinne einer Beobachtung der Primärquellen umfassender darstellen zu können. Es wäre an dieser Stelle überflüssig auszuführen, warum es bei den Veröffentlichungen der Cables um übergeordneten Machtkonflikte zwischen traditionellen und internetgestützten Prozessen und Akteuren geht. Ich halte solch ein ganzheitliches Vorgehen des Qualitätsjournalismus daher gerade in diesem Fall, in dem es im doppelten Sinn um die (politische und individuell wahrgenommene) Wahrheit geht, für substanziell für die öffentliche Diskussion und Glaubwürdigkeit solcher Whistleblower-Plattformen wie Wikileaks, u.a. Den Sachverhalt rund um den Vorwurf der Vergewaltigung unvollständig darzustellen, bedeutet in diesem Fall indirekt und auf lange Sicht, dem Prinzip des Whistleblowing insgesamt im Sinne der traditionellen Prozesse und Akteure zu schaden.

Die ZEIT hat sich zwischenzeitlich sehr dezidiert mit dem schwedischen Strafgesetzbuch beschäftigt, um das schwedische Verständnis von "Vergewaltigung" zu ergründen, während die FAZ nochmals auf die Umstände der Erhebung des Haftbefehls eingeht. Der Beitrag der TAZ gleicht in seiner etwas launigen Darstellung eher einem persönlichen Kommentar. Leider kommen TAZ und ZEIT zu keiner wirklich überraschenden Neuigkeit, sondern urteilen im TAZ-Fall nur: "Viele Blogger machen sich jetzt über die schwedische Rechtslage lustig". Quellenangabe des TAZ-Redakteurs hierzu: Leider Fehlanzeige (wie so oft bei der TAZ). Die SZ spricht im Kontext Assange/Wikileaks sogar von "Transparenzterror" und nutzt leider in unsäglicher Fortsetzung der US-medialen Hasstiraden deren Semantik. Bei der FR gibt es aus meiner Sicht überraschend positive Äußerungen zur Hacker-/Wikileaks-Szene, die sehr richtig auf die demokratiefördernde Wirkung dieser Aktivitäten hinweisen. Explizite Aussagen zum Vergewaltigungsvorwurf lassen sich hingehen nicht finden (ich lasse mich aber gern belehren).

Es zeigt sich aber, dass ein kurzer Blick ins Ausland noch weitere Informationen zutage gefördert hätte, als die Lektüre vieler Artikel vermuten ließe. So befindet sich auf der Seite der englischen Dailymail der geleakte ausführliche Sachverhalt aus dem schwedischen Polizeibericht, der ein weitaus differenzierteres Bild zeichnet. Die Namen der beiden eventuell betroffenen Frauen werden in englisch- und schwedischsprachigen Medien und Blogs in bereits seit langer Zeit genannt. Einer der beiden eventuell betroffenen Frauen werden indirekte Verbindungen zur CIA nachgesagt. Sie ist - ein kurzer Blick ins Netz ist vollkommen ausreichend - eine radikale Feministin, die Anfang des Jahres einen "Beziehungs-"Blogpost unter dem Titel "7 Steps to Legal Revenge" (Zitat: "If you want revenge on someone who cheated or who dumped you, you should use a punishment with dating/sex/fidelity involved.) geschrieben hat, die sie inzwischen jedoch von ihrem Blog gelöscht hat. Auf Facebook findet sich eigens eine Fanseite für ihre politische Tätigkeit. Ihre Tweets, die sie im zeitlichen Kontext des Zusammentreffens mit J. Assange verfasst hat, offenbaren eine starke Bewunderung durch die Bloggerin (dies wurde auch im TAZ-Text erwähnt). In der schwedischen Blogosphäre wird zudem gefragt, wie die bekennende Christin - Mitglied in der "Sozialdemokratischen Bruderschaft" - öffentlich zur eigeninitiierten Rache aufrufen kann. Der Anwalt der beiden Frauen, Claes Borgström, ist in Deutschand noch gut bekannt, hat er doch in 2006 vor der Fußball-WM zum Boykott der WM in Deutschland aufgerufen, da das Ausmaß des Frauenhandels hierzulande groß sei. Auf Newsmill.se, der größten schwedischen Bloggerplattform, wurde bereits Mitte 2010 die gesellschaftspolitische Einstellung von Claes Borgström als genderpolitischer Sprecher der Sozialdemokraten äußerst kritisch diskutiert.

Ohne im möglichen Sachverhalt zu einer Beurteilung kommen zu wollen und zu können (ausdrücklich nicht!!), muss doch gefragt werden, wieso solche begleitenden Informationen, die ein umfassenderes Bild der Umstände wiedergeben, in den deutschen Medien (scheinbar) nicht erwähnt werden, während dies in der deutschen (sowie der englischen und schwedischen selbstredend) Blogosphäre bzw. Medienlandschaft sehr wohl der Fall ist. Nach wie vor bleibt daher die Frage unbeantwortet, wieso die schwedischen Staatsanwältin ihre Einschätzung des Falls so radikal abgeändert hat - eine Frage, die man sich in Schweden durchaus stellt. Eine unvollständige Darstellung des gesamten Sachverhaltes könnte durchaus zu einem falschen Gerichtsurteil führen. Ein Urteil, welches den Kritikern von Wikileaks gerade recht käme (ohne zu irgendeinem Zeitpunkt faktisch einen Einfluss ausgeübt haben zu müssen).

Fortsetzung folgt?