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Mittwoch, 12. Januar 2011

Umkehr zur Nachhaltigkeit - Wer geht voran?

Thieß Petersen/Ole Wintermann

Der Begriff der Nachhaltigkeit ist in den letzten Jahrzehnten umfangreich genutzt worden, so dass inzwischen von einer gewissen Verwässerung der genauen Definition des Ausdrucks gesprochen werden kann. Jared Diamond hat in seiner Beschreibung der umweltbedingten menschlichen Katastrophen ("Collaps") explizit auf die Ursprünge der Vorstellung von Nachhaltigkeit in Japan und Deutschland hingewiesen. In der Gegenwart angekommen war der Begriff dann im Zuge der Arbeit der Brundlandt-Bericht (ausführlicher CV in Bokmål Norsk) sowie der Club of Rome-Studien ("Limits to Growth") in den 1970er Jahren.

Während sich ‚Nachhaltigkeit’ ursprünglich vor allem auf die ökologische Nachhaltigkeit bezog (in dem Sinne, dass die jetzt lebenden Generationen mit der Natur pflegend umgehen, damit auch die nachfolgenden Generationen noch über eine weitgehend intakte Umwelt verfügen können), betrifft der Begriff der Nachhaltigkeit in zunehmendem Maße auch die soziale und die ökonomische Nachhaltigkeit.

Zentrale Herausforderungen im Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit ergeben sich daraus, dass der gegenwärtige Lebensstil der Menschheit die Natur übermäßig in Anspruch nimmt. Wenn eine wachsende Weltbevölkerung mit einem steigenden materiellen Pro-Kopf-Wohlstand und einem immer ressourcenintensiveren Konsumverhalten die natürlichen Ressourcen der Erde so wie in der Vergangenheit verbraucht, verstärkt sich die globale Übernutzung dieser Ressourcen bis zum Erreichen eines noch nicht bekannten Tipping Points. Diese Plünderung des Planeten hinterlässt den zukünftigen Generationen enorme Folgekosten und zerstört unsere Lebensgrundlage.

Im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit ist angesichts der weltweiten Einkommensentwicklungen in den letzten Jahrzehnten davon auszugehen, dass die Einkommensunterschiede auch zukünftig weiter zunehmen werden. Die staatlichen Handlungsspielräume zum Ausgleich dieser Unterschiede durch Transferzahlungen nehmen perspektivisch - bedingt durch den demographischen Wandel und die immensen Folge- und Unterhaltskosten einer öffentlichen Infrastruktur - immer weiter ab. Die zur Zeit dramatisch steigende Staatsverschuldung als Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise und in Folge der Alterung der Gesellschaft verstärkt diese Einengung der Handlungs- und Entscheidungsräume für zukünftige Generationen. Damit ist zu befürchten, dass sich die gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten der Bürger in der Zukunft sehr unterschiedlich entwickeln und die Gefahr eines Auseinanderdriftens der Gesellschaft weiter zunimmt.

Auch im Bereich der Produktion des materiellen Wohlstands gibt es zahlreiche globale Entwicklungstrends, die die ökonomische Nachhaltigkeit unerreichbar erscheinen lassen. Der beständige Zwang zur Senkung der Produktionskosten gefährdet den dauerhaften Bestand der für die Produktionsprozesse notwendigen Grundlagen (natürlichen Ressourcen, Arbeitskräfte und den Kapitalstock), die steigende Verschuldung der meisten Volkswirtschaften droht in dauerhafte Rezessionen umzuschlagen, die zunehmenden weltweiten ökonomischen Ungleichgewichte bedrohen die internationale Sicherheit und die Ent-Moralisierung der Märkte gefährdet die Funktionsfähigkeit der sozialen Marktwirtschaft.

Eine umfassende Nachhaltigkeitsstrategie sollte mindestens die nachfolgenden Maßnahmepakete beinhalten:

Eine Stärkung der ökologischen Nachhaltigkeit lässt sich durch umwelt- und ressourcenschonende Technologien erreichen. Damit technische Möglichkeiten praktisch angewendet werden, müssen sie mit ökonomischen Strategien flankiert werden (z. B. höhere Steuern auf Ressourcenverbrauch). Sofern dieser Lösungsansatz nur von einzelnen Ländern angewendet wird, hat er jedoch negative Konsequenzen für die betreffende Volkswirtschaft.

Die Umsetzung dieser Lösungsoptionen verlangt politische Entscheidungen. Hier besteht jedoch die Gefahr, dass Entscheidungen, die aus gesamtgesellschaftlicher Sicht vorteilhaft sind, von einzelnen Interessengruppen kurzfristig verhindert und langfristig die negativen Folgen dieses Handelns weiter verstärken werden. Es stellt sich die Frage, wie dieser Einfluss auf die Politik verhindert oder zumindest eingedämmt werden kann.

Ökologische Nachhaltigkeit bedeutet, dass jeder Mensch weniger Ressourcen verbrauchen kann. Damit dies von den Betroffenen nicht als Verlust an Lebensqualität angesehen wird, sind alternative Lebensstile erforderlich, nach denen die größte Zufriedenheit nicht aus dem Konsum von ressourcenintensiven Gütern gezogen wird. Wie ein dafür notwendiger Wertewandel jedoch erreicht werden kann oder ob zuerst die ordnungspolitischen Rahmenbedingungen geändert werden sollten, ist ungeklärt.

Die dringend gebotene Reduzierung der öffentlichen Verschuldung lässt sich nur durch sinkende Ausgaben und/oder steigende Einnahmen erreichen. Wie aber kann eine Konsolidierung der öffentlichen Haushalte erreicht werden, ohne dabei entweder die soziale oder die ökonomische Nachhaltigkeit beeinträchtigt werden? Gleiches gilt für die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme in einer alternden Gesellschaft. Dieser systemimmanente Widerspruch konnte bisher nicht aufgelöst werden.

Problematisch an bisherigen Lösungsansätzen ist, dass einzelne Nachhaltigkeitsprobleme in der Regel nur separat angegangen werden und die Auswirkungen einer Maßnahme auf andere Aspekte eines umfassenden Nachhaltigkeitsbegriffs vernachlässigt werden. Die Herausforderung für die Politik besteht darin, eine Gesamtlösung zu finden, die die Interdependenzen zwischen den verschiedenen Nachhaltigkeitsaspekten berücksichtig und eine Strategie entwickelt, bei der nicht einzelne Nachhaltigkeitsprobleme auf Kosten anderer Nachhaltigkeitsaspekte gelöst werden. Gleichzeitig muss aber letztlich auch die Frage gestellt werden, ob es denn Politik überhaupt vermag, eine Umkehr hin zur Nachhaltigkeit anzuschieben?

Aus unserer Sicht ergeben sich damit folgende Kernfragen:
  1. Wie können wir als Gesellschaft oder als Individuum aus dem sich selbst stabilisierenden Prozess des nicht-nachhaltigen Wirtschaftens ausbrechen?
  2. Sind für dieses Ausbrechen ex ante Regeländerungen oder Anpassungen der Marktmechanismen ex post nötig?
  3. In welchem gesellschaftlichen Bereich beginnt die Verhaltensänderung: In der Politik, bei den Produzenten oder den Konsumenten?