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Montag, 31. Januar 2011

Offener Brief an die Internet-Enquete

Nachdem vor einigen Tagen die IuK-Kommission des Deutschen Bundestages die Nutzung von Adhocracy - aus Kostengründen - für die Arbeit der Internet-Enquete des Bundestages abgelehnt hat, gab es im Netz aus nachvollziehbaren Gründen teils sehr pointierte Artikel zu lesen. So antwortete Christian Scholz auf die Vorwürfe des Bundestagsabgeordneten Manuel Höferlin aus Sicht der Netzgemeinde. Letzterer möchte die Verantwortung für die Beteiligung in allzu offensichtlicher Weise an die Netzgemeinde weiterreichen, ohne aber vorab Input, Konsens und Infrastruktur zur Verfügung zu stellen.

Nachdem ich vor einigen Tagen einen Blogpost zu den Vorurteilen der traditionellen Politik gegenüber online-basierter Partizipation geschrieben hatte, erreichte mich nun heute der offene Brief von Laszlo Papp von Echo zur Entscheidung der IuK-Komission/Internet-Enquete und zur Argumentation von Manuel Höferlin. Echo ist seit einiger Zeit mit der Entwicklung einer webbasierten Partizipationsplattform beschäftigt und daher vom Fach. Gern weise ich daher im Folgenden auf diesen offenen Brief im Wortlaut hin.


Sehr geehrter Herr Höferlin,
Sehr geehrte Mitglieder der Enquete-Kommission,

mit Bedauern haben wir vom echo Team sowie viele engagierte und interessierte Bürger zur Kenntniss genommen, dass die Internet-Enquete sich von der geplanten Förderung der Bürgerbeteiligung zurückgezogen hat. In diesem offenen Brief möchten wir auf die Inhalte und Argumente im Blogeintrag von Manuel Höferlin eingehen.

Einerseits können wir den geäußerten Frust gut verstehen, wenn die Netzgemeinde die gut gemeinten Angebote zur verschiedenen Beteiligungsmöglichkeiten scheinbar nicht genügend in Anspruch nehmen will. Andererseits hoffen wir, dass auch unser Frust in der Netzgemeinde und im echo Team zu verstehen ist, wenn immer wieder dieselben naiven Fragen gestellt werden („Warum beteiligt sich niemand?“ oder „Wie könnte es anders sein?“), statt über die vorhandenen konkreten Konzepten und Projekten zu diskutieren, die das Problem versuchen ganzheitlich zu betrachten und mit innovativen Lösungen zu begegnen.

Über das Motivationsproblem und mögliche Lösungen zur gleichberechtigten und konstruktiven Beteiligung der Bürger, wurde von uns eine wissenschaftliche Ausarbeitung mit dem Titel “BRIDGING THE GAP BETWEEN BOTTOM-UP AND TOP-DOWN E-PARTICIPATION APPROACHES – E-PARTICIPATION AS ACTIVE CITIZENSHIP” veröffentlicht. Diese hat auf der EDem10 Konferenz in Krems einen großen Anklang gefunden und wurde auch in einem Fachblog über Many-to-Many Kommunikation „wärmstens empfohlen“.

Ohne lange Erläuterungen an dieser Stelle, werden darin folgende Kriterien für eine breite, motivierte Beteiligung der Menschen als essentielle Voraussetzungen beschrieben:
  • Keine thematische, zeitliche und örtliche Begrenzung der Beteiligungsmöglichkeiten
  • Nachvollziehbarer Einfluss auf Entscheidungen und spürbare Veränderungen im Alltag der Menschen 
Und als Kriterien auf der technologischen Ebene für eine Webanwendung, die das leisten kann:
  • Dezentraler Ansatz – Nicht die Menschen sollten die Webseite mit den Diskussionen finden, sondern umgekehrt: die Diskussionen sollten die Menschen dort erreichen, wo sie schon ohnehin im Web sind
  • Eine konstruktive und transparente Diskussionsmethode, die auch mit beliebig vielen Teilnehmern in der Debatte übersichtlich bleibt
  • Vernetzung gleichgesinnter Menschen mit den gleichen Zielen, um Diskussionen in gemeinsames Handeln zu überführen – auch mit Nutzung direkt demokratischer Instrumente für echte politische Einflussnahme
  • Thematische Viralität – Verbindung von lokalen Themen (die das Leben der Menschen direkt betreffen) mit nationalen und globalen Themen (die heute eher nur auf politischer Ebene diskutiert werden)
  • Soziale Viralität – Anbindung an Facebook und Twitter (mit Nachrichten bei jeder abgegebenen Stimme wie „Made an http://echo.to/Konstruktive_Bürgerbeteiligung_in_Enquete_und_Überall“)
  • Und „last but not least“: EINFACHE Bedienbarkeit und Spass bei der Nutzung der Software – was oft sehr unterschätzt wird.
Neben echo gibt es natürlich und glücklicherweise eine Reihe anderer bemerkenswerter und unterstützenswerter Projekte wie Adhocracy, LiquidFeedback, Yoomoot, Quora, usw., die alle ihren wichtigen Beitrag zu neuen Formen der Beteiligung und gemeinsamer Lösungsfindung leisten.

Ob man 80.000 Euro in die Weiterentwicklung eines Tools wie Adhocracy investieren soll? Wir denken, dass eine verantwortungsvolle Politik in ALLE diese Tools mindestens so viel investieren sollte, um in der Praxis sehen zu können, für welchen Szenarien welche Ansätze am besten funktionieren. Um schnellstmöglich eine breite und konstruktive Beteiligung der Menschen zu realisieren, wird es notwendig sein, diese Ansätze optimal und bedarfsgerecht zu kombinieren.

Denn es geht hier nicht nur um die Themen der Internet Enquete in Deutschland und die 
Beteiligung der Bürger daran. Wenn ein ganzheitliches Konzept als Webanwendung (oder Mischung von Webanwendungen) umgesetzt wird, kann es für alle lokalen, nationalen und globalen Themen der Welt eingesetz werden.

Die „glokalen“ ökologischen, ökonomischen und sozialen Herausforderungen unserer Zivilisation brauchen die kollektive Intelligenz aller Menschen – mit ihren verschiedenen Erfahrungen, Kompetenzen und Lebensumständen. Keine Person oder politische Elite kann diese Situation im Interesse der Allgemeinheit alleine bewältigen – und keine möchte dafür die Verantwortung alleine tragen, wenn es uns doch nicht gelingen sollte, mit unserer globalen Titanic dem nahenden Eisberg der Herausforderungen auszuweichen.

Die Kosten dessen wären nämlich in ganz anderer Dimension als 80.000 Euro – und nicht nur finanziell!

Die Wirtschaft und viele Unternehmen haben inzwischen eingesehen, dass sich der nachhaltige Mehrwert einer Investition nicht nur nach Quartalszahlen und Profit in Euro und Dollar bemessen lässt. Eine verantwortungsvolle Politik sollte nicht einmal darüber nachdenken, dies so zu bemessen! Die Investitionen einer verantwortungsvollen Politik sollten strategisch und in die Zukunft gerichtet sein.

Ein „Rettungsschirm“ für die Rechte und Möglichkeiten aller Menschen, ihre Zukunft konstruktiv und auf Augenhöhe mitzugestalten, ist deutlich billiger zu “kaufen” als andere “Schirme” dieser Zeit. Die paar mal 80.000 Euro heute könnten uns aber morgen 80.000 Milliarden Euro sparen – und die Notwendigkeit auf einen anderen Planeten umzuziehen.
(Übrigens: in die echo Softwareentwicklung flossen bisher ca. 45.000 Euro als externe Förderung – man braucht also nicht immer Milliarden, um Infrastrukturen zu schaffen, die echtes Potential haben, etwas zu retten.)

Von der Politik ist heute strategisches Denken und Handeln mit Weitblick gefragt – und ja: auch kurzfristige “Risikobereitschaft”; zumindest für die wirklich wichtigen langfrististen Ziele, die auf eine lebenswerte, gemeinsame Zukunft auf diesem Planeten ausgerichtet sind.

Abschliessend erlauben Sie uns bitte einen persönlichen Nachtrag zur Risikobereitschaft – man sollte ja nicht selber Wein trinken und Wasser predigen: Ein Teammitglied von uns hat vor wenigen Tagen seine private Rentenversicherung aufgelöst. Durch diese und viele ähnlich risikobehaftete Entscheidungen im Team, wird echos Diskussionsbereich in den nächsten Monaten soweit auszubauen sein, dass dort alle wesentliche Motivationsmechanismen für eine breite Beteiligung der Menschen umgesetzt sind.Ob das verantwortungsvolle Entscheidungen waren? Das wird uns ja, wie bei allen tatsächlichen und möglichen Rettungsschirmen, erst die Zukunft zeigen…

Als Menschen, Bürger und als engagierte Social Entrepreneurs in diesem Umfeld würden wir uns über einen persönlichen Dialog mit der Enquete-Kommission freuen. Unsere und andere Webanwendungen für eine motivierte und konstruktive Beteiligung der Menschen stehen Ihnen und allen Interessierten zur Diskussion, Erprobung und Nutzung frei zur Verfügung.

In der Hoffnung auf einen tiefergehenden, fruchtbaren und persönlichen Austausch, verbleibe ich und verbleiben wir

mit den besten Grüßen,

László Papp
Initiator und Co-Founder und das gesamte echo Team

p.s.: In wenigen Tagen werden wir eine neue, erheblich verbesserte Version von echo veröffentlichen. Sie wird das zukünftige Gesicht und die Funktionalität der Anwendung deutlich erkennbarer machen. Registrierte User, Twitter und Facebook Followers werden über die Veröffentlichung benachrichtigt.

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