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Montag, 17. Januar 2011

Digitale Lösungen für analoge Probleme? - Teil 1

Vor etwa einem Jahr ist die Publikation "Reboot_D - Digitale Demokratie - Alles auf Anfang" erschienen. Herausgeber der CC-Publikation waren Hendrik Heuermann und Ulrike Reinhard. Das Buch beschäftigte sich mit dem Verhältnis von Demokratie und Internet und fragt nach den Entwicklungserspektiven des klassischen demokratischen Regierungssystem in Zeiten einer gesellschaftlich-kommunikativen Vernetzung. Mitwirkende Autoren und Interviewpartner waren u.a. Tim O´Reilly, Martin Lindner, Markus Beckedahl und Valentin Tomaschek.

Ich hatte Gelegenheit, einen Artikel zum Verhältnis von analogen gesellschaftlichen Problemen zum Internet zu verfassen. Eine aktuelle Meldung der Konrad-Adenauer-Stiftung zur vorgeblichen Nicht-Nutzbarkeit von Bürgerhaushalten im Rahmen der öffentlichen Diskussion kommunaler Haushalte war für mich Anlass genug, den etwa 1 Jahr alten Artikel hier nochmal online zu stellen.

Digitale Lösungen für analoge Probleme

In den letzten Monaten haben sich eine Reihe von Umwälzungen im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereich, die durch das Internet voran getrieben worden sind, ergeben. Hierzu gehören die Proteste gegen die Parlamentswahlergebnisse in Moldawien zu Anfang des Jahres, die wahrscheinlich zu einem wichtigen Teil durch die Unterstützung der Organisation der Demonstranten durch Twitter ermöglicht wurden. Gleiches gilt für die Demonstrationen im Iran, die nicht nur die Machtlosigkeit des (alten) Regimes gegenüber der technikaffinen und kritischen Jugend sondern auch der traditionellen Medien in den westlichen Demokratien gegenüber internetgestützten Kommunikationsplattformen verdeutlich hat. Im Westen war das herausragende Ereignis zum einen der internetbasierte Wahlkampf eines Barack Obama, der eine neue Dimension in der Interaktion der Politik mit demBürger darstellte. Zum anderen war dies die Petition an den Deutschen Bundestag, die es vermocht hat, innerhalb kürzester Zeit mehr als 130.000 Unterschriften gegen die von Familienministerin von der Leyen geplanten Änderung des Telemediengesetzes zu initiieren.

Diese Entwicklungen des Verhältnisses von Politik und Internet sind mit der globalen Finanzkrise zusammen getroffen. Diese war geprägt von einem Vertrauensverlust der Bevölkerung in viele etablierte Institutionen. War die Wirtschaftselite 30 Jahre lang in einem für sie günstigen gesellschaftlichen Umfeld als eine wichtige Elite des Landes angesehen worden, so ist der Sturz in den entsprechenden Beliebtheitsskalen für diese Berufsgruppe beträchtlich und erstaunlich. Die Volkswirtschaftslehre als die „zuständige“ Wissenschaft – bereits lange vorher bezüglich ihrer wissenschaftlichen Methodik und häu- figen Empiriefreiheit gescholten – musste ebenfalls einen Offenbarungseid ablegen, als deutlich geworden war, dass sie weder die Finanzkrise vorhergesehen, noch eine Antwort darauf hatte, wie sich diese auf die Wachstumszahlen des folgenden Jahres auswirken würden. Die traditionellenMedien als weiterer Player in der öffentlichen Diskussion haben diese Orientierungslosigkeit der wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Elite vervielfältigt und dem Bürger vor Augen geführt.

Phase des systemischen Übergangs

Wir befinden uns – getrieben durchdynamisierte Kommunikationsströme und Vertrauensverluste der bisherigen Wissens- und Entscheidungsautoritäten – damit in einer systemischen Übergangsphase, die einerseits zu Ungewissheiten und Orientierungslosigkeit in der Gesellschaft führen kann, andererseits aber auch die Chance auf Anwendung eines neuen Paradigmas für ein zukünftiges globales Miteinander bietet. Dieses neue Paradigma ist essenziell; die globale Finanzkrise und aktuell die Schweinegrippe haben eine Ahnung von der Dynamik globalisierter Krisen aufscheinen lassen. Ein Megatrend wie beispielsweise die Demographie ist zwar noch bis zu einem gewissen Grad vorhersehbar. Er kann jedoch durch plötzliche Ereignisse wie den Fall des Eisernen Vorhangs in Ost-Europa sehr wohl in seiner grundsätzlichen Richtung verändert werden. Bisherige Hilfskonstrukte wie empiriefreie Szenarien oder Prognosen im Sinne von Extrapolationen können plötzliche Ereignisse, die aber eben für die grundsätzlichenAussagen zur Entwicklung globaler Megatrends substanziell sind, nicht vorhersehen. Die Befassung mit der europäischen Demographie hat schnell zur Erkenntnis geführt, dass diese Frage eine nicht nur nationale, sondern internationale Dimension hat. Die Studien zu den Wechselwirkungen der Demographie mit Migration, Klimawandel und anderen Megatrends haben dann die Vorstellung der Mono- durch Multikausalitäten ersetzt. Während die einzelnen Megatrends in ihrer Wirkungsweise also relativ gut erforscht sind, gilt dies jedoch nicht für die zwischen den Trends wirkenden Interdependenzen. Dies führt aber zu Unsicherheiten, da empirisch validierte Aussagen zu den Wechsel- wirkungen nicht im ausreichenden Maße vorliegen.

Es gilt daher heute mehr, gesellschaftlich relevante Prozesse zur Lösung eines Problems mit ungewissem Ausgang zu moderieren statt top-down mit oftmals vermeintlich validen Expertenwissen zu steuern. Es geht jedoch nicht darum, das eine durch das andere zu ersetzen sondern beide Handlungsmöglichkeiten zu koordinieren. Wenn keinVolkswirt eine Aussage treffen kann über die multikausalen Wirkungen der Finanzkrise und die notwendigen Gegenmaßnahmen, da in dieser Frage kein ausreichendes Datenmaterial vorliegt und methodische Probleme auftauchen, so muss sich Wissenschaft wie auch Politik fragen, wie mit diesem Kenntnisdefizit umgegangen werden soll. Dann sollte aber auch gefragt werden, ob bisherige Prozesse der politischen Entscheidungsfindung nicht deutlich internetaffiner gestaltet werden müssten, um den Bürger die Möglichkeit einzuräumen, sich deutlich aktiver an diesen Prozessen zu beteiligen. Dies erfordert ein Stück weit Einsicht von den bisher relevantenAkteuren, die in der Vergangenheit die Deutungshoheit über letztlich einfachere Tatbestände besaßen.

Reflex der bisherigen Autoritäten

Die fehlende Einsicht in diese aktuellen Entwicklungen war eine entschei- dende Ursache für den plötzlichen Erfolg der Piratenpartei in Schweden und anderen europäischen Ländern. Der größte Fehler der politischen Entscheidungsträger bestünde darin, sich der von der Internetgemeinde implizit geforderten Diskussion nicht zu stellen. Die Verweigerung einer Diskussion müsste von außen dahin gehend interpretiert werden, dass Inkonsistenzen im eigenen Handeln oder Argumentieren sowie Informationsdefizite bestehen. Statt sich der Diskussion zu stellen und damit Transparenz auch für die eigenen politischenZiele zu nutzen, reagieren die kritisierten Akteure teils mit Vorwürfen, die leider noch mehr hervor heben, dass sie mit der Materie des Internets eben gerade nicht vertraut sind. Das Feuilleton beschwert sich über die Berichterstatter an der Basis, die öffentlich-rechtlichen Medien bezweifeln regelmäßig die Echtheit des Materials auf YouTube und der Blogosphäre und Teile der Politik versu- chen nach wie vor, sich der internetbasierten Transparenz ihres Handelns zu verweigern. Es scheint hierbei ein Riss durch die Generationen zu verlaufen. Die nicht als Digital Natives Aufgewachsenen interpretieren diese Entwick- lungen eher als Zeichen allgemeiner Orientierungslosigkeit und empfinden die Informations- und Interpretationsvielfalt als bedrückend. Häufig wird durch die „Älteren“ die Befürchtung geäußert, das Netz mache einsam, beherberge nur Nerds, schließe besonders sozial Benachteiligte sowie Senioren aus und komme zu stark und ausschließlich gebildeten Bevölkerungsschichten zugute. Umso jünger aber die User, desto offener ist man für diese Relativierung der eigenen Position und Gewissheit und versteht die Informationsvielfalt als Zugewinn.

Thesenhafter Ausblick auf die Welt 2.0

Es kommt also vielmehr darauf an, sich dieser Perspektive – der Einflussnahme des Netzes auf die reale Welt – zu stellen und eine Vorstellung davon zu entwickeln, welche Konsequenzen oder auch Handlungspotenziale dies für die Gesellschaft unddenEinzelnen haben könnte. Wohin aber könnte uns die Entwicklung des Internets mit ihrer Rückwirkung auf die Gesellschaften in Zukunft bringen?

Fortsetzung folgt....