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Freitag, 31. Dezember 2010

Verbessert Deutschland seine Platzierung im Human Development Index mit Hilfe des Münchener Slalom World Cups?

Vor ein Monat hatte ich mich in einem Blogpost mit der Messung volkswirtschaftlicher Nachhaltigkeit durch den Human Development- und den Happy Planet Index in Stichworten befasst. In der Zwischenzeit hatte ich Gelegenheit, die dahinter liegenden quantitativen Daten in einen einfachen Zusammenhang zu setzen. Dabei ergaben sich erstaunliche Ergebnisse, die nochmals den semantischen und systemischen Klärungsbedarf bei Anwendung dieser Indizes verdeutlichen.

So setzt sich der HDI das eindeutige Ziel, den Entwicklungsstand des gesamtgesellschaftlichen und individuellen Wohlstandes mit Hilfe weiter gehenden Indikatoren – und eben nicht nur am gesamtwirtschaftlichen ökonomischen Wachstum (hier und im Folgenden per capita) – darzustellen. Ein relativ einfacher Abgleich der internationalen Rangergebnisse von BIP und HDI offenbart dann aber leider die faktisch sehr ökonomische Ausrichtung des HDI. So weisen das R (quadrat) mit 0,82 und eine Steigung der Trendlinie von fast 1 darauf hin, dass beide Indizes zu einem sehr ähnlich ausgerichteten Ranking gelangen. Zudem ist die Standardabweichung sehr gering, so dass sich eine linear gestreckte Punktewolke ergibt. So muss bei Blick auf diese Zahlen gefragt werden, welche Indikatoren denn eigentlich neben der ökonomischen Ausrichtung beider Indizes beim HDI faktisch eine Rolle spielen (x-Achse: HDI, y-Achse: BIP, Quellen: Worldbank, UNDP, jeweils eigene Darstellung). Sollte ich an dieser Stelle etwas übersehen haben, wäre ich für jeden Hinweis dankbar.


Der Blick auf den Zusammenhang zwischen den Ergebnissen von BIP und HPI ergibt ein nahezu vollkommen unklares Bild. Statistisch gesehen handelt es sich um eine nahezu vollkommen zufällig erstellte Punktewolke. Wenn sich aber kein Muster zwischen Wirtschaftswachstum und ökologischer Effizienz des Wachstums ergibt, muss auch hier gefragt werden, welches im Kern die Aussage des HPI ist. Es wäre eigentlich zu erwarten gewesen, dass sich spezielle Muster einer unterschiedlich nachhaltigen Produktionsweise ergeben könnten. Auch der Blick auf einzelne besonders unterschiedlich platzierter Länder ergibt kein konsistentes Bild. Dänemark liegt im BIP-Ranking sehr weit vorn und im HPI-Index sehr weit hinten. Dabei ist aber gerade für Dänemark bekannt, dass die Umkehr zu einer CO2-freien Wirtschaft dort besonders weit voran geschritten ist. Zudem sind die skandinavischen Länder wider Erwarten im HPI-Ranking sehr unterschiedlich platziert. Länder, bei denen die Werte in umgekehrter Weise verortet sind - Haiti, Cuba, Guatemala, Vietnam, Dominikanische Republik, Kolumbien - sind hingegen nicht unbedingt für ein gesellschaftlich ausgeglichenes Klima bekannt. Sicher soll dieses auch gar nicht dargestellt werden. Es muss aber schon gefragt, was die Menschen in diesen Ländern von einer außerordentlich guten Platzierung im HPI haben? Zudem eignen diese Länder sich kaum als positive Vision für die Menschen in den nicht-nachhaltigen aber ökonomisch fortgeschrittenen Ländern Europas und Asiens (x-Achse: BIP, y-Achse: HPI, Quellen: Worldbank, HPI).


Ein etwas besseres Bild ergibt sich bei einem Vergleich des HDI (x-Achse) und des HPI (y-Achse). Zwar ist ein Zusammenhang der Platzierungen nach wie vor nahezu nicht gegeben. Jedoch ergeben sich interessante Länder-Cluster. Das erste Länder-Cluster umfasst die westlichen und asiatischen entwickelten Volkswirtschaften. Es ist durch eine Platzierung im oberen Drittel der HDI-Werte aber im unteren Drittel der HPI-Werte gekennzeichnet. Das zweite Cluster wird (überwiegend) durch Länder gebildet, die sich in der ökonomischen Transformation befinden. Mittlere HDI-Werte gehen mit einer (noch?) relativ nachhaltigen Produktionsweise einher. Das dritte Cluster wird nahezu ausschließlich durch afrikanische Staaten gebildet, die einen geringen Entwicklungsstand aufweisen und zudem nicht nachhaltig prodzieren (Quellen: UNDP, HPI).


Hiermit ergibt sich interessanter Weise ein widersprüchliches Ergebnis zum historisch nachweisbaren Kontext von Wirtschaftswachstum und Umweltqualität. In diesem Kontext ging wirtschaftliches Wachstum anfangs immer mit einer Verschlechterung der Umweltbedingungen (jedoch nicht mit Berücksichtigung des nicht-nachhaltigen Ressourcenverbrauchs!) einher, bevor erst danach ein gewisser Lebensstandard und ein hoher Stand der Technologie die Verminderung der negativen Umwelteinflüsse der Produktion ermöglicht hat.

Dieser kurze Abriss der quantitativen Zusammenhänge veranschaulicht den Klärungsbedarf bezüglich der Begrifflichkeiten von Nachhaltigkeit, Lebensqualität, Umweltqualität, ökologischer Effizienz und deren gesellschaftliche Einordnung. Die Bundestagsenquetekommission "Wachstum und Wohlstand", die Anfang Dezember 2010 initiiert wurde, wird sich gemäß ihres Arbeitsauftrages umfangreich dieser Thematik widmen. Jedoch: Der am 2.1.2011 in der Stadt München von einem Auto-Hersteller gesponserte FIS-World-Cup zeigt in sehr anschaulicher Weise, dass zwischen den Ansprüchen und Zielen dieser Indizes und der Lebensrealität manchmal schmerzhaft große Lücken existieren.