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Montag, 20. Dezember 2010

Interdisziplinäre Studie des IfW: Klimawandel und individuelles Wohlbefinden

Einen sehr interessanten - da interdisziplinären - Zusammenhang haben David Maddison, Katrin Rehdanz in ihrer Studie "The Impact of Climate on Life Satisfaction" untersucht. Die Autoren beschäftigen sich mit der Frage, in welcher Weise die gegenwärtige und die zukünftig zu erwartende Abweichung von dem als Optimum bezeichneten monatlichen Temperaturmittel von 18,3°C zu einer Veränderung des individuellen Wohlbefindens in verschiedenen Ländern beitragen wird. Die Ländern mit dem gegenwärtig "günstigsten" (bezüglich der Temperatur) Klima sind Ruanda, Kolumbien und Guatemala. Die Länder mit dem ungünstigsten Klima sind Russland, Estland und Finnland. Die Autoren verweisen im einleitenden Kapitel explizit darauf, dass sie "life satisfaction", subjective wellbeing", "utility" (!) und "happiness" als Synonyme betrachten.

Die Veränderung des "individuellen Wohlbefindens" (auf mikroökonomischer Ebene) in Folge eines veränderten Klimas setzt sich nach Auffassung der Autoren aus verschiedenen Entwicklungen zusammen:
  1. Steigende Kosten für Heizung und Klimaanlagen,
  2. steigende Kosten für unterschiedliche Kleidungsarten,
  3. Begrenzung der gewünschten Outdoor-Aktivitäten,
  4. physiologisch bedingte Anpassungsnotwendigkeiten,
  5. negative Auswirkungen auf die Gesundheit und
  6. verändertes Wohlbefinden
Die Kosten auf makroökonomischer Ebene können dem entsprechend in unterschiedlicher Weise dargestellt werden:
  1. Nach der Differenzierung der Kosten des Klimawandels (einzelne vs. aggregierte Wirkungen),
  2. nach der Aufteilung der Bewertung der Wirkung (marktbewertet, nicht-marktbewertet),
  3. nach der Art des Vergleichs (graduelle Anpassung vs. Szenarien) und
  4. nach der Art des Umgangs mit dem Klimawandel (Akzeptanz vs. Reaktion)
Als Grundlage der Modellberechnungen wurden die Daten des World Values Survey verwendet. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass der Erklärungsansatz der Abweichung vom idealen monatlichen Mittelwert die von Land zu Land beobachtbaren Unterschiede im individuellen Wohlbefinden am besten erklärt.

Kritikpunkte bei Durchsicht der Studie sind:
  1. die Fokussierung auf Länder als zu untersuchende Einheiten (v.a. bei großen Ländern wie Russland mehr als problematisch),
  2. die synonyme Verwendung der verschiedenen Begrifflichkeiten zur Beschreibung des eigentlichen Studiengegenstandes und
  3. die Fokussierung auf Haushalte als Untersuchungsgegenstand und nicht den einzelnen Menschen.
Von diesen Kritikpunkten abgesehen ist die Studie jedoch ein sehr interessanter Ansatz für den Versuch, zwei Disziplinen systematisch miteinander zu verbinden und so zu gänzlich neuen Einsichten zu gelangen. Die seitenlange Auflistung von Zahlenkolonnen macht es aber selbst dem mathematisch geneigten Leser nicht einfach, die Studie zu lesen. Vielleicht besteht hier noch Verbesserungspotenzial, um solch wichtige Erkenntnisse dem nicht im Fach bewanderten Leser näher zu bringen.