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Sonntag, 28. November 2010

Wie kann Nachhaltigkeit ein Bestandteil marktwirtschaftlicher Logik werden?

Die Diskussion um die Sinnhaftigkeit der Messung des Wohlstandes mit Hilfe des Bruttoinlandsproduktes (BIP) ist nicht neu (s.a. Hinweis in Kap. 2.2. der EU-Kommissionsmitteilung).

Nach wie vor existiert das (gewollte) Missverständnis der Befürworter der BIP-Kennziffer, dass es bei Suche nach einer sinnvolleren und eher ganzheitlichen Messmethode des gesamtgesellschaftlichen Wohlstandes um eine Ablehnung des Wachstumsgedankens gehen würde. Sicher geht es natürlich nicht mehr darum, Wohlstand als Äquivalent einer aggregierten gesamtwirtschaftlichen Umsatzgröße zu betrachten. Insofern wird schon dem quantitativen eindimensionalen Wachstumsgedanken eine Absage erteilt. Es geht vielmehr darum, wie der Wohlstand einer Gesellschaft (nachhaltig) wachsen kann und wie dies im Rahmen der Marktmechanismen erreicht werden kann.

Die bekanntesten Alternativen zum eindimensionalen BIP-Indikator stellen sicherlich der Happy Planet Index sowie der Human Development Index dar.

Der Happy Planet Index als ein Alternativkonzept zur Messung von Wohlstand stellt den ökologischen Fußabdruck der Bereitstellung von materiellem Wohlstand - quasi die Umwelteffizienz des Wohlstands - in den Fokus. Er zeigt in der Rangliste damit nicht die "glücklichsten" Länder weltweit sondern stellt die Länder heraus, die ihren individuelle Wohlstand (besser: well being) im relativen "Gleichklang" mit den natürlichen Ressourcen erreichen. Damit stellt sich der Index technisch betrachtet als Quotient aus einem langen, gesunden und zufrieden stellenden Leben und den dafür benötigten Ressourcen dar.

Der Human Development Index (HDI) wurde im Jahre 1990 zum ersten Mal durch das United Nations Development Programme (UNDP) veröffentlicht. Der HDI hat das Ziel, nicht nur das ökonomische Wachstum als gesamtwirtschaftliches Outcome als Voraussetzung für die Steigerung des Wohlstandes zu betrachten, sondern auch nach den auf der individuellen Ebene ansetzenden Fähigkeiten zu fragen. Aus diesem Grund erfasst der Index die 3 Dimensionen der Gesundheit, der (Aus-) Bildung und der Lebensbedingungen. Diese basieren auf den Indikatoren der Lebenserwartung bei der Geburt, der durchschnittlichen Zahl an Ist- und Soll-Schuljahren sowie dem Einkommen pro Kopf der Bevölkerung.

Die Weltbank (und andere Institutionen) messen bisher in traditioneller Weise eher nur das Bruttoinlandsprodukt als Ausdruck der volkswirtschaftlichen Leistungsfähigkeit.

Die Ergebnisse der Indizes stellen sich für die 10 erstplatzierten Länder im Vergleich wie folgt dar:

HPI - HDI - BIP

1. Costa Rica - Norwegen - Luxemburg
2. Dominikanische Republik - Australien - Norwegen
3. Jamaika - Neuseeland - Dänemark
4. Guatemala - USA - Irland
5. Vietnam - Irland - Niederlande
6. Kolumbien - Liechtenstein - USA
7. Kuba - Niederlande - Österreich
8. El Salvador - Kanada - Faröer-Inseln
9. Brasilien - Schweden - Finnland
10. Honduras - Deutschland - Schweden
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...
51. Deutschland - ... - 14. Deutschland

Weitere Indikatoren, die als Alternativen zur traditionellen BIP-Betrachtung denkbar sind, sind beispielsweise das Konzept des Bruttonationalglücks (GNH) aus Bhutan (Gross National Happiness Commission) sowie die aktuellen von der EU voran getriebenen Überlegungen zu einer Weiterentwicklung des BIP-Konzepts. Der GNH wurde 1972 als Idee durch den damaligen König von Bhutan in die öffentliche Diskussion eingebracht. Das Bruttonationalglück sei wichtiger als das Bruttonationalprodukt, so der König in Erwiderung der Frage der Financial Times, ob das wirtschaftliche Wachstum in Bhutan nicht zu wünschen übrig lasse. Das GNH basiert auf den 4 Dimensionen eines ausgeglichenen nachhaltigen Wachstums, dem Erhalt einer kulturellen Wertebasis, dem Schutz der Umwelt und dem Erreichen der Prinzipien von Good Governance.
Aktuelle Überlegungen der EU gehen dahin, die BIP-Messung durch soziale und ökologische Indikatoren zu erweitern (Umwelt, Lebensqualität, Wohlergehen), eine Echtzeit-Messung als Basis politischer Entscheidungen zu ermöglichen, einen europaweiten Vergleich zu etablieren und diese erweiterten Indikatorenmessungen auch in den traditionellen volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen einzuführen. Auch die vom französischen Präsidenten Sarkozy einberufene Stiglitz-Kommission tendiert mit ihren Empfehlungen in eine vergleichbare Richtung.

Auffällig ist bereits auf den ersten Blick die sehr unterschiedliche Platzierung ein und derselben Länder je nach Ausrichtung des Rankings. Dies liegt natürlich in den unterschiedlichen normativen Grundlagen der Indizes begründet.

In welcher Weise spielen aber kulturelle Hintergründe und der Aspekt der Marktrelevanz von Nachhaltigkeit eine Rolle?

Meiner Meinung nach werden kulturelle Hintergründe in der Diskussion um einen Nachhaltigkeitsindikator eher zurückhaltend berücksichtigt. Es bleibt relativ unbeleuchtet, welche Missverständnisse sich beim Versuch ergeben können, fächerübergreifend und kulturübergreifend einen Indikator für den Wohlstand einer Gesellschaft zu definieren. Wie wird Wohlstand in den verschiedenen Kulturen definiert? Basiert Wohlstand immer in der Anhäufung materieller Konsumgüter? Freut es die Einwohner von Kuba oder Guatemala tatsächlich, dass sie beim HPI auf den vordersten Plätzen platziert sind und damit zu einem Happy Planet beitragen oder hätten sie gern einfach nur einen Fernseher und ein kleines Auto?

Des Weiteren gibt die bisherige Diskussion um die Indizes keine Antwort auf die offene Frage, in welcher Weise das normative Grundkonzept der Nachhaltigkeit überhaupt als Teil eines Marktmechanismus implementiert werden könnte. Es kann ja inzwischen (glücklicher Weise) die Nachhaltigkeit als Teil eines gesellschaftlichen Grundkonsens betrachtet werden. Nur ist nach wie vor unklar, wie der gesellschaftliche Wille zur Nachhaltigkeit denn am Markt überhaupt umgesetzt werden kann.

Die entscheidende Frage lautet: Wie kann Nachhaltigkeit Teil des tradierten Marktmechnismus von Angebot und Nachfrage werden?