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Donnerstag, 11. November 2010

Weltweite Handelsungleichgewichte – Wer ist schuld?

Gastbeitrag von Thieß Petersen (Facebook, Bertelsmann Stiftungzur aktuellen Währungsdebatte. Den Ausführungen liegen die folgende Studie und der kürzere Policy Brief zugrunde.

Als Mitte September 2008 mit der Lehmann-Pleite eine globale Finanz- und Wirtschaftskrise ausbrach, war eine der Hauptbefürchtungen die Angst vor weltweiten Protektionismus- und Abwertungswettläufen. Mittlerweile scheint die Krise überwunden zu sein. Das aktuelle Gutachten des »Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung« erwartet, dass die Wirtschaft in Deutschland in diesem Jahr um fast 4 Prozent wächst und im nächsten um etwas über 2 Prozent. Auch für die meisten anderen Volkswirtschaften wird ein Wachstum prognostiziert. Obwohl sich die Weltwirtschaft somit erholt hat, ist die Protektionsmusgefahr gegenwärtig größer als noch vor zwei Jahren. Ursache dafür sind die enormen Leistungsbilanzungleichgewichte, vor allem der chinesische Exportüberschuss und das US-amerikanische Handelsbilanzdefizit. Die Diskussion geht mittlerweile so weit, dass bereits von einem globalen Handels- und Währungskrieg gesprochen wird.

Wer ist schuld an dieser Eskalation? Eine einfache und weit verbreitete Antwort lautet: China. Folgerichtig sehen viele in einer schnellen Yuan-Aufwertung das Allheilmittel zum Abbau aller Handelsungleichgewichte. Tatsächlich aber können sich aus dem Versuch, die globalen Ungleichgewichte mit einer Einzelmaßnahme abzubauen, gravierende Probleme für die Weltwirtschaft ergeben.
  1. Eine schnelle Yuan-Aufwertung – in der aktuellen Diskussion wird eine Aufwertung von bis zu 40 Prozent gefordert  – hätte den Nachteil, dass die chinesischen Exporte und mit ihnen der Wachstumsprozess in China geschwächt werden. Darunter würde der Rest der Welt leiden, denn der Weltkonjunktur käme die Wachstumslokomotive abhanden.
  2. Zum Abbau des amerikanischen Leistungsbilanzdefizits würde eine Yuan-Aufwertung vermutlich wenig beitragen. Gemessen an ihrer Wirtschaftsleistung konsumieren und investieren die Amerikaner zu viel, sodass sie die fehlenden Güter importieren müssen. Im Fall einer Yuan-Aufwertung ist davon auszugehen, dass die USA auf Importe aus anderen asiatischen Schwellenländern ausweichen, sodass das US-Leistungsbilanzdefizit bestehen bleibt.
  3. Das Pendant einer massiven Yuan-Aufwertung ist eine abrupte Dollar-Abwertung. Dies würde das Vertrauen in den US-Dollar zerstören. Konsequenzen wären ein starker Zinsanstieg in den USA mit Investitions- und Beschäftigungseinbrüchen sowie Kursstürze an den Börsen. Beides würde einen Wirtschaftseinbruch in den USA hervorrufen, der sich rasch zu einer globalen Wirtschaftskrise ausweiten könnte.

Was also ist zu tun? Eine abrupte und massive Aufwertung des Yuan stellt angesichts der geschilderten Gefahren keine sinnvolle Option dar. Weniger gefährlich für die Weltkonjunktur ist eine maßvolle Aufwertung der chinesischen Währung. Von ihr ist allerdings nur ein bescheidener Beitrag zum Abbau der globalen Ungleichgewichte zu erwarten, sodass weitere wirtschaftspolitische Maßnahmen erforderlich sind.
  1. Dabei ist zunächst einmal an eine Stärkung der Binnennachfrage in China zu denken. Die dafür erforderliche Steigerung der chinesischen Reallöhne findet bereits statt. Auch ein Ausbau der sozialen Sicherungssysteme würde diesen Prozess unterstützen.
  2. Die Verringerung des US-Leistungsbilanzdefizits verlangt vor allem eine Reduzierung des kreditfinanzierten Konsums.
  3. In Japan und den europäischen Überschussländern sollte die Binnennachfrage so gestärkt werden, dass ein Verzicht auf ein exportgetriebenes Wirtschaftswachstum möglich wird, ohne dass es zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit kommt.
  4. Die europäischen Defizitländer sollten ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit stärken, z. B. durch Innovationen oder durch die Senkung der Produktionskosten.

Bei allen Überlegungen ist es im amerikanischen und europäischen Interesse, einen nachhaltigen Wachstumsprozess in Asien zu unterstützen, weil ein höheres Einkommen die asiatische Importnachfrage steigert und so Arbeitsplätze in den USA und Europa schafft. Eine Strategie, die Anpassungslasten komplett auf die chinesische Volkswirtschaft abwälzt, birgt die Gefahr eines globalen Wirtschaftsabschwungs in sich. Damit wäre niemandem geholfen.