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Sonntag, 14. November 2010

Tabakkonzerne gegen Verschärfung des Nichtraucherschutzes - Willkommen auf der Osterinsel

Eigentlich bin ich ja eigentlich nicht so dafür, spontan einen Blogpost zu verfassen. Die heutige Meldung auf SPON über den Gipfel der WHO zwecks Verschärfung der Regeln zum Schutz der Menschen vor den Auswirkungen des Rauchens hat mich aber nun dazu veranlasst.

Im Kern geht es darum, mit 600 Delegierten aus 170 Ländern über verschärfte Gesetze, die mit dem Rauchen in einem Kontext stehen (Vorsorge, Handel, etc.), zu verhandeln. Die üblichen verdächtigen Raucherkonzerne sind nun anscheinend bemüht, soweit man SPON Glauben schenken darf, diese Verschärfungen auszuhebeln. Dazu entblödet man sich von Unternehmensseite auch nicht, über die Größe (Fläche) der Bilder auf den Zigarettenpackungen, die vor dem Rauchen warnen sollen, zu feilschen.

Ich möchte an dieser Stelle gar nicht darüber spekulieren, ob die jährlich in Deutschland (und anderen Ländern) zu Tode durch Aktiv- und Passiv durch Tabakkonsum gekommenen Menschen eine 5- oder 6-stellige Opferzahl ergeben. Ein Blick in den Kollegen-, Bekannten- und Familienkreis reicht, um zu erkennen, dass Tabakkonsum tödlich sein kann und dass es sich beim Tabakonsum um eine Sucht handelt.

Gern würde ich mal eine in der Tabakindustrie arbeitende Führungskraft fragen, wie er sich dabei fühlt, einen Stoff zu verkaufen, der die Menschen umbringt. Freut man sich, wenn der jährliche globale Absatz von Zigaretten wieder um 2% angestiegen ist? (und dies Hunderten von Konsumenten zusätzlich den Tod bringen wird).
Das Interessante daran ist, dass diese Frage auch auf andere Bereiche ausgeweitet werden könnte: Wie sozial und gesellschaftlich verantwortlich handelt die Autoindustrie, wenn sie versucht, die Verschärfung der Emissionsvorschriften in der EU zu verhindern? Handeln Banken eigentlich noch im Interesse der Menschen und Kunden, wenn die Investmentabteilungen eigennutzorientiert versuchen, die Rendite ihrer Anlagen auf 20% hoch zu treiben? Welchem Interesse dienen die Stromkonzerne, wenn sie in geschlossenen kleinen Kreisen die Verlängerung der AKW-Restlaufzeiten aushandeln? Wenn dies wirklich im Interesse der Bürger und Kunden wäre, hätte man den Prozess doch offen kommunizieren können.

Mit Blick auf die Zukunft und ihre globalen Herausforderungen stellt sich die Frage, wie Aktivitäten verhindert werden können, die den Interessen der Menschheit diametral entgegen stehen? Autoverkehr verursacht CO2, CO2 fördert die globale Erwärmung, ein höherer Absatz von Autos führt damit c.p. zu höheren Emissionen. Die Kausalität ist eigentlich ganz einfach. Im Studium wurde dies der Widerspruch zwischen Individual- und Kollektivrationalität genannt. Individuell ist es rational, sich als Automanager über mehr Absatz zu freuen, gesamtgesellschaftlich kann es in Folge des Klimawandels tödlich sein. Wie kann dieser Widerspruch aufgehoben werden? Wie kann ein Stück weit die gesellschaftliche Sicht in Unternehmensentscheidungen berücksichtigt werden? Dabei geht es nicht um CSR als "add on" oder als "Luxus", den man sich als Unternehmen leisten kann. Es geht darum, dass bei dauerhafter Nicht-Beachtung der Kollektivrationalität die Basis unternehmerischen Handelns erodiert.

Jared Diamond hat diesen Widerspruch zwischen kollektiver und individueller Sichtweise sehr anschaulich an dem Beispiel der Entwaldung der Osterinseln in seinem Buch "Collapse" verdeutlicht. Was haben wohl die Menschen gedacht, so Diamond, als sie bemerkten, dass sie dabei waren, die allerletzten Bäume zu fällen? Die einzelnen Stämme hatten ein Interesse daran, für den Transport der immer größeren Statuen (Autos), die sie anbeteten, Bäume zu fällen. Irgendwann wird ihnen aber bewusst geworden sein, dass diese stammeszentrierte Sichtweise sie in die Situation völliger Entwaldung geführt hatte. Diamond spricht in diesem Kontext und mit Blick auf die heutige Situation von einer Metapher. Wann bemerken die Unternehmenslenker, dass auch sie Bewohner der Osterinsel namens Erde sind?