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Montag, 22. November 2010

Qualitätsjournalismus und die Zukunft des Elterngeldes

Nun habe ich es mal gewagt, nach Wochen wieder die Printausgabe des Spiegel (Nr. 47/2010) zu lesen, und bin doch gleich wieder erstaunt über die bewusste Schaffung von Stimmungen durch vermeintlich objektive Artikel (wie war noch gleich der Unterschied zu "Kommentaren" definiert?).
Unter der Überschrift "Kind im Mann" wird auf den Seiten 35 und 36 über das Elterngeld und die Eltern, die im Prenzlauer Berg wohnen, hergezogen. Zudem werden Zahlen innovativ interpretiert. Worum geht es im Einzelnen?

1) Im ersten Teil des Textes wird subtil eine Szenerie aus einem sogenannten Papaladen im besagten Stadtviertel geschildert, um gleich danach auf die Kosten des Elterngeldes sowie auf den gegenüber dem Hartz IV-Satz unglaublichen Spitzenwert von 1.800 € für Elterngeldbezieher hinzuweisen. Wieso werden hier Hartz IV-Empfänger und Elterngeldbezieher gegeneinander ausgespielt?

2) Im anschließenden Textteil wird behauptet, dass das Elterngeld keinen messbaren Erfolg gehabt habe. Als Beleg dafür werden die weiterhin niedrige Geburtenziffer sowie die sinkende absolute Zahl der Geburten angeführt. Ich empfehle an dieser Stelle einen Blick in den Klassiker der empirischen Sozialforschung "Designing Social Inquiry: Scientific Inference in Qualitative Research" von Robert O. Keohane und anderen. Wenn es keinen Kontrollfall/variable gibt, kann keine Aussage über die mutmaßliche Korrelation zwischen Maßnahme und Wirkung getroffen werden; es können statt dessen nur Mutmaßungen angestellt werden. Übertragen auf die Frage der Geburtenziffer bedeutet dies: Sowohl ein weiterer Rückgang, als auch eine eventuelle Stagnation oder ein Anstieg der Geburtenziffer könnte ein Erfolg des Elterngeldes gewesen sein, da Niemand sagen kann, wo die Geburtenziffer liegen würde, wenn es das Elterngeld nicht gäbe. Eigentlich ist es müßig zu betonen, dass bei sinkenden Kohortenumfängen potenzieller Mütter bei gleicher Geburtenziffer die Zahl der Geburten zurückgehen muss.

3) Nachdem die Erfolglosigkeit des Elterngeldes anscheinend "bewiesen" wurde, wird betont, dass man den "Mitnahmeeffekt" des Elterngeldes in diesem kinderreichen Stadtviertel besonders gut beobachten könne. Es werden im Kontext der Beobachtung der Bewohner Begriffe wie "sorglose Heiterkeit", "Luxus", "Fernreisen" genannt. Abschließend wird dann von Kindern gesprochen, die bereits die USA, Indonesien und Kolumbien gesehen hätten. Geschickt vermeidet der Autor die Nennung des Elterngeldes als Grund für Luxus und Fernreisen. Es scheint nur "Zufall", dass beides zusammen in einem Absatz erwähnt wird. Warum wird hier so platt Stimmung gegen das Elterngeld und die Eltern im Prenzlauer Berg geschürt?

4) Abenteuerlich ist der im letzten Abschnitt geschilderte Kontext, dass das Elterngeld ein Karrierekiller sei, da ja auch das Angebot an Betreuungsplätzen knapp würde. Was will uns der Autor damit sagen? Liegt hier vielleicht eine Verwechslung mit der Herdprämie vor?

Ich denke, Qualitätsjournalismus, der sich selbst dieses Attribut verleiht, sollte sich an diesen Maßstäben messen lassen, da er nach wie vor eine wichtige Funktion in der Willensbildung und Entscheidungsfindung erfüllt. Dieser Artikel - nur auf diesen beziehe ich mich - erfüllt diese Ansprüche jedenfalls nicht. Das ist insofern tragisch, als dass mit diesen "Blitzlichtern" nach wie vor die tägliche Agenda der politischen Sphäre bestimmt wird. Etwas mehr Verantwortungsbewusstsein täte hier gut.