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Dienstag, 16. November 2010

Google lädt ein: Verfahrensweisen bei immateriellen Gütern für eine bessere Welt

Gestern hatte ich Gelegenheit, an der ersten Sitzung des neuen Google-Collaboratory in Berlin teilzunehmen, um unsere Erfahrungen aus dem Aufbau von futurechallenges.org dort einbringen zu können. Da fc_org ein gesondertes Engage-Modul hat, in dem „Ideas“ gepostet werden können, ist natürlich die Frage von Belang, inwiefern zukünftig Regelsysteme für die Initiierung, Schutz und Multiplikation immaterieller Güter (wie Ideen und geistiges Eigentum insgesamt) die Arbeit einer solchen Plattform positiv wie negativ beeinflussen können.
Da es sich insgesamt um einen 8-stündigen Workshop handelte, wäre es etwas vermessen, die Diskussion hier auch nur annähernd darstellen zu wollen. Von daher habe ich mir erlaubt, die aus meiner Sicht wichtigsten Aspekte kurz darzustellen.
  1. Die Diskussion um die Initiierung von Ideen in Zeiten des Crowd-Sourcing und von Creative Commons darf aus meiner Sicht nicht auf die Frage des Urheberrechts eingeengt werden. Dies würde erstens ein falsches Signal für Personen setzen, die nicht unmittelbar im Diskussionsstand verortet sind. Zweitens würde man die gesellschaftliche Folgewirkung internetbasierten Crowd-Sourcing (auch zur Bewältigung globaler Herausforderungen) unterschlagen. Es geht in erster Linie nicht um rechtliche und technische Fragen sondern um die Einbettung derselben in gesellschaftliche Kontexte.
  2. Welche sinnvolle Verwertung von Ideen zur Umsetzung in ein Produkt (sei es Beratung oder ein Industriegut) kann es bei Verfahren des gezielten (!) Crowd-sourcing geben? So gibt es auf der einen Seite das Interesse des Verfahrensverantwortlichen, möglichst viele Meinungen und Ideen zu berücksichtigen. Auf der anderen Seite hat aber auch der Ideengeber ein Interesse daran, dass er vielleicht nicht nur einen warmen Händedruck sondern auch finanzielle Ressourcen oder breite gesellschaftliche Anerkennung als Anreiz für wiederholte Mitarbeit erhält. Ein finanzieller Anreiz wiederspräche damit allerdings dem vorgelagerten freien Prozess des Crowd-Sourcing, da er ein strengeres Urheberrecht implizieren würde. Sind alternativ eventuell auch Anreizmechanismen über crowd-basierte Bewertungssysteme denkbar?
  3. Häufiger wurde darauf hingewiesen, dass nicht die Idee geschützt werde (z.B. die Funktion einer Flasche) sondern dass sich daraus ergebende Produkt (Flaschengestaltung für eine bestimmte Marke). Ich zweifle etwas an der Sinnhaftigkeit dieser Unterscheidung. In einer zunehmend auf Ideen und Wissen basierten Gesellschaft wird es immer wichtiger, Ideen als die Währung einer solchen Gesellschaft anzusehen. Die Erfindung der Flasche (im Sinne einer Metapher) gewinnt gegenüber dem, was auf ihr drauf steht, sicher an Bedeutung. Man sollte dieser gestiegenen Wertigkeit Rechnung tragen; macht man dies, so müsste man aber in der Folge aber auch scheinbar den Urheberschutz wieder restriktiver behandeln. Wie kann man diesen Widerspruch aufheben?
  4. Kritisch betrachte ich persönlich die Auffassung einiger Teilnehmer des Workshops, dass es unterschiedliche Bereiche des Schutzes von geistigem Eigentum gibt, die durch eine Willenserklärung am Anfang des Diskussionsprozesses um den Schutz geistigen Eigentums generell ausgeschlossen werden können. Ist es wirklich möglich und sinnvoll, den Bereich der medizinischen Patente auszuklammern, wenn bedacht wird, dass seit Jahren die Verfolgung vermeintlicher Patentverletzungen im Kampf gegen AIDS in Afrika auf der Agenda der Pharmafirmen steht? Hat dies nicht auch eine gesellschaftliche Komponente? Ich denke, hier wäre ein breiterer Ansatz zielführender.
  5. Interessant war der Vorschlag eines Teilnehmers, in großen Institution zwecks Generierung von Ideen und Wandlungsfähigkeit wieder die historische Position des „Hofnarrs“ einzuführen, der, frei von jeglicher Hierarchie und inneren Zwängen, seine persönliche Auffassung zu Abläufen und Änderungsbedarf innerhalb der Institutionen einbringen könnte.
  6. Abschließend lässt sich bezüglich des Formats des Workshops anmerken, dass der methodische Ansatz der Moderatoren des Hasso-Plattner-Instituts, im Zuge des Design Thinking Prozesses jeweils die Personen von einer bestimmten Arbeitsgruppe (AG) auszuschließen, über deren Stakes gerade in dieser AG gesprochen wird, überdacht werden sollte (wenngleich der Ansatz aus theoretischer und systemischer Perspektive auf jeden Fall nachvollziehbar ist). Zu sehr befassen sich die AG-Teilnehmer ansonsten mit der Frage nach den Präferenzen und Wertevorstellungen der Rollenvertreter, die in der AG gerade nicht vertreten sind. Vielleicht können die Rollenvertreter auch für ein Kurz-Statement temporär in die AG eintreten? Der gesamte Prozess müsste insgesamt transparent dargelegt werden. Gerade der Kontext Google-immaterielle Güter ist zu sensitiv, um unnötiger Weise Missverständnisse durch mangelnde Transparenz zu verursachen, die eventuell gar nicht nötig wären.