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Donnerstag, 25. November 2010

Erfolg der Grünen in den Wahlumfragen: Leadership 2.0 vs. Leadership 1.0?

Kurzes Update: Es sei an dieser Stelle nur noch explizit darauf hingewiesen, dass sich die u.g. Studie auf Unternehmen und nicht auf die Politik bezieht. Eine Übertragung der Ergebnisse scheint mir aus persönlicher Sicht aber denkbar.

Ist die Bewältigung zukünftiger gesellschaftlicher Herausforderungen eigentlich eine Führungsaufgabe (der Politik) oder ergeben sich im Zuge des Crowd-Sourcing Ideen und Ansätze sowie Perspektiven für deren Umsetzung von allein? Der Erfolg bei der Grünen bei den Wahlumfragen verdeutlicht die Notwendigkeit Web 2.0-basierter Politikgestaltung.
Meine Kollegin Tina Dörffer hatte vor kurzem die Veröffentlichung einer Web-2.0-Leadership Studie angekündigt, die sich mit der Frage befassen wollte, inwiefern Institutionen in Wirtschaft und Verwaltung durch die Entwicklungen des Web 2.0 beeinflusst werden und in welcher Weise dies Methoden der internen Führung (leadership) verändern könnte. Die Studie wurde nunmehr veröffentlicht und kommt im Kern zu folgenden Aussagen:

  1. Leadership ist eine Aktivität und keine fest und dauerhaft zugeschriebene formale Rolle.
  2. Leadership ergibt sich aus dem Netzwerkkontext
  3. Institutionen müssen sich von Organigrammen zu Organismen entwickeln.
  4. Lernen und Adaptieren ist wichtiger als Kontrollieren und Planen.
  5. Die Fähigkeit von Netzwerken zu emergenten Lösungen muss genutzt werden.
  6. Es muss die Vielfalt der Sichtweisen akzeptiert werden.
  7. Dies alles impliziert eine Abkehr von der Prozess- und die Hinwendung zur Outcome-Orientierung.

Die politischen Prozesse um #S21, die Durchsetzung der Castor-Transporte und die Verlängerung der AKW-Laufzeiten auf die Kennzeichen modernen Leaderships abzugleichen, wäre wahrscheinlich sehr spannend. Der Reflex des einen politischen Lagers, einen Teil des anderen politischen Lagers als "Dagegen-Partei" zu bezeichnen, verdeutlicht die Herausforderungen, vor denen politische Führungskräfte bei der Anpassung an Web 2.0-Zeiten stehen.

Der gegenwärtige Erfolg der Grünen in den Umfragen (der aber natürlich nicht auf Dauer gesichert sein muss) ist meiner Meinung nach Folge der Adaptionsfähigkeit der Grünen für Themen, die die Menschen bewegen, um diese Themen dann aber auch über das Web 2.0 zu transportieren und die Bürger an der inhaltlichen Diskussion konstant zu beteiligen. Dies verdeutlicht ein einfacher Blick in die sozialen Medien und deren Nutzung durch die Parteien. Es ist schon ein Unterschied, den der Nutzer erkennen kann, ob ich FB-Kontakte konkret an inhaltlichen Überlegungen teilnehmen lasse oder nur Pressemitteilungen über Reden der Parteiführung zweitverwerte.

In diesem Kontext ist aber auch die Diskussion in der SPD mit Spannung zu verfolgen. Das über SPON transportierte Papier zur Zukunft der SPD möchte dem Bürger zu sehr und paradigmatisch die wahre Sicht der Dinge/Gesellschaft darstellen. So wird bereits zu Anfang betont, dass das Papier die wesentlichen Aussagen von bekannten Multiplikatoren wie Julian Nida-Rümelin, Burckhard Hirsch, Klaas Hübner, Erhard Eppler, Rix Löwenthal, Jochen Bittner und Jan Ross enthalte. Im weiteren Verlauf wird betont, dass bei allem Wohlwollen gegenüber plebiszitären Elementen die repräsentative Demokratie nicht vergessen werden dürfe. Wäre es nicht eher sinnvoll, es den Grünen im besten Sinne nachzumachen und die Menschen draußen im Lande in die Diskussion um die Zukunft unserer Gesellschaft mit einzubeziehen?

In diesen Kontext passen daher auch die Ergebnisse der o.g. Leadership-Studie, wenn sie auf die politische Sphäre übertragen werden; (politisches) Leadership muss sich durch Zuhören und Lernen erarbeitet werden, Parteien sollten sich gegenüber den Menschen deutlicher öffnen (auch in Programmfragen), Ideen und Werte aus dem Zuhören gegenüber dem Menschen sollten nach Möglichkeit aufgenommen werden und es sollte die Realität der vielen Sichtweisen und damit Wahrheiten akzeptiert werden.

Warum ist das angesichts des globalen Wandels relevant? Weil die globalen Herausforderungen kreative Ideen, schnelle Lösungen, pragmatische Adaptionen - abseits des tradierten Lagerdenkens - und damit die Lernfähigkeit politischer (gesellschaftlicher) Systeme einfordern. Das größte Hemmnis für politische Lernfähigkeit ist aber die sogenannte Pfadabhängigkeit politischer Systeme und Politiken. Damit scheint meiner Meinung nach auch die Beantwortung der Ausgangsfrage denkbar: politisches Crowd-Sourcing kann durch politische Führung befördert und und zur Weiterentwicklung von Politiken genutzt werden. Dies wäre eine win-win-Situation für den Wähler und den politischen Akteur.