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Mittwoch, 10. November 2010

Daten oder Rollenbilder als Grundlage politischer Reformen?

"Familie und Partnerschaft in Ost- und Westdeutschland" ist der Titel einer Studie, die anlässlich des 20. Jahrestages der deutschen Einheit im Rahmen des Forschungsprojektes "Demographic Differences in Life Course Dynamics in Eastern and Western Germany" vom Max-Planck-Institut für Demografische Forschung in Rostock herausgegeben wurde. Für die Studie wurden insgesamt 13.400 Männer und Frauen der Geburtenjahrgänge 1971-73, 1981-83 und 1991-93 befragt.

Im Mittelpunkt der Studie stand die Frage, in welcher Weise sich die Lebensziele und familiären Lebensumstände zwischen den Menschen in Ost und West zwischenzeitlich angeglichen haben. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass auch weiterhin eine eindeutige Unterscheidung west- und östlicher Lebensstile zu erkennen ist und eine differenzierte Sichtweise erfolgen sollte.

Die aus meiner Sicht wichtigsten Ergebnisse lauten:
  1. Nachdem die Geburtenziffer ostdeutscher Frauen vor dem Mauerfall über der Ziffer der westdeutschen Frauen gelegen und dieses Verhältnis nach dem Mauerfall umgekehrt wurde, haben sich zwischenzeitlich die Geburtenziffern weitestgehend aneinander angeglichen (berücksichtigt sind dabei nicht Zeiteffekte). 
  2. Der Anteil der nicht-ehelich geborenen Kinder liegt im Osten mit 61% nahezu dreimal so hoch wie im Westen. Dies ist im europäischen Vergleich ein Spitzenplatz.
  3. Innerhalb von West-Deutschland gibt es eine Nord-Süd-Teilung. Im Norden werden deutlich mehr Kinder nicht-ehelich geboren als im Süden.
  4. Obgleich im Westen relativ mehr Paare als im Osten mehr als 2 Kinder haben, ist der Anteil der Kinderlosen im Westen über alle Geburtenjahrgänge hinweg ca. doppelt so hoch wie im Osten.
  5. Der Anteil der nicht-erwerbstätigen Mütter lag im Jahre 1991 im Westen um den Faktor 7 höher als im Osten. Inzwischen ist der Anteil nur noch doppelt so hoch. Allerdings ist der Anteil der voll-erwerbstätigen Mütter im Osten (50%) immer noch dreimal so hoch wie im Westen (18%). Selbst bei den voll-erwerbstätigen Müttern mit Kindern im Alter von 10-17 Jahren liegt der Anteil unter allen Müttern im Osten mit 64% mehr als doppelt so hoch wie im Westen mit 28%.
  6. Unterschiedliche Betreuungsquoten sind dabei maßgeblich für den Anteil der erwerbstätigen Mütter, nicht jedoch für die Höhe der Geburtenziffer. Immer noch liegen die Betreuungsquoten im Osten bei den 0-2-Jährigen 29%-Punkte und bei den 6-10-Jährigen 43%-Punkte über den westdeutschen Quoten.
  7. Die Kinderwünsche Kinderloser sind weder zwischen Ost und West, weder zwischen Männern und Frauen noch zwischen dem 15. und dem 35. Lebensjahr der Befragten deutlich zu unterscheiden. Die gewünschte Kinderzahl liegt - bis auf Frauen, die älter als 35 Jahre sind - stets zwischen 2,0 und 2,3.
  8. Interessanter Weise ist der Anteil kinderloser Paare, in denen beide einen Kinderwunsch verneinen, im Westen der höchste Anteil unter allen ja/nein-Varianten, während dies im Osten für die Kinderlosen gilt, in denen beide Partner einen Kinderwunsch äußern.
  9. Sowohl ost- wie auch westdeutsche Frauen meinen zu 33% bzw. 38%, dass sie mehr als den gerechten Teil an der Hausarbeit erledigen. 
  10. Die Zufriedenheit mit der Beziehung unterscheidet sich nicht besonders stark nach Ost/West oder danach, ob Kinder in der Beziehung vorhanden sind.
  11. Es werden in der Summe deutlich höhere Ansprüche an die beruflich bedingte Mobilität (Dienstreisen, Pendeln) der Ostdeutschen als an die der Westdeutschen gestellt.
In der Studie sind viele interessante Daten und Vergleiche zu finden. Es wäre es auch interessant gewesen, eine weiterreichende (gesellschafts-) politische Einordnung der Resultate zu skizzieren. Die der Studie zugrunde liegenden Ergebnisse sollten viel stärker als dies in der Vergangenheit erfolgt ist, Grundlage von politischen Entscheidungen werden, die dazu gedacht sind, der demographischen Herausforderung zu begegnen. Die Weiterentwicklung der sozialen Pflegeversicherung, des Systems der Einkommensteuer oder der Siedlungsinfrastruktur kann eigentlich nur sinnvoll erfolgen, wenn sozioökonomische Realitäten (Daten) - wie bspw. der Kontext von Kinderbetreuung und Erwerbstätigkeit von Müttern - anerkannt werden und nicht durch überholte Rollenzuschreibungen - Mütter an den Herd, Väter ins Büro - konterkariert werden.

Kleine und punktuelle Defizite sind aus meiner Sicht die
  1. Darstellung eines Zusammenhanges zwischen Religionszugehörigkeit und Geburtenziffer, ohne auf die relative Verteilung der Religion im Bundesgebiet sowie in der betreffenden Region in einer Korrelation einzugehen,
  2. die Nennung der Abwägung der Bedeutung von Beruf und Familie insbesondere bei jungen Erwachsenen, die systemisch bedingt natürlich beruflichen Fragen näher als familiären Belangen stehen und
  3. die Frage nach der "Fairness" der Verteilung der Hausarbeit. Fairness, Gerechtigkeit, Arbeitsbelastung werden als Variablen und Indikatoren benannt, unterliegen aber starken subjektiv unterschiedlichen Einschätzungen, so dass die interpersonelle Vergleichbarkeit nur schwer zu erreichen ist.