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Dienstag, 9. November 2010

Das Warten auf die Chancen der Demographie

Gerade eben bin ich von einem Projektpartner gefragt worden, ob ich Informationen zu den Chancen und Risiken des demographischen Wandels hätte. Er hat es zwar nicht so ausgedrückt, ich bin mir aber sicher, dass die Veranstaltung, um die es dabei geht, einen solchen Titel bei einem der Vorträge haben wird. Warum das so ist? Weil es zum Standard geworden ist, von den Chancen - noch mehr als von den unangenehmen Risiken - der Demographie zu sprechen. Inzwischen ist es einige Jahre her, dass ich bei den Vorträgen das erste Mal betont habe, dass man auch die Chancen, die die Demographie beinhalte, berücksichtigen müsse und nicht nur von den Risiken sprechen dürfe. Inzwischen denke ich, dass es bei dieser Begrifflichkeit einer Klarstellung bedarf.

1) Es gibt keine "Risiken" der Demographie. Denn dies würde bedeuten, dass der Eintritt negativer Folgen der Demographie nicht sicher sei. Dies ist falsch. Wenn die Bevölkerung im prognostizierten Maße schrumpft und altert, wird es definitiv zu negativen Auswirkungen auf die sozialen Sicherungssysteme und die Verschuldung der öffentlichen Haushalte kommen. Man kann sich gern über das Ausmaß streiten; die Pflegeproblematik, die relative Absenkung der Renten, die Verlangsamung des quantitativen Wachstums und der Fachkräftemangel sind aber nicht nur Risiken sondern reale Herausforderungen für Gesellschaft und Politik des Jahres 2030.

2) Es gibt zwar gewisse Chancen, die die Alterung der Gesellschaft mit sich bringt. Diese liegen beispielsweise in der Möglichkeit, bestehende öffentliche Infrastrukturen aufgrund veränderter Nachfrageumfänge in Frage zu stellen oder umzuwidmen. Des Weiteren können neue Märkte und in der Folge auch neue Arbeitsplätze entstehen. Auch könnte es für eine Gesellschaft hilfreich sein, gerade in Zeiten des Überflusses virtueller Netzwerke von der sozialen Kompetenz älterer Mitbürger zu profitieren. Wir müssen jedoch kritisch nachfragen: Ist eine alternde Gesellschaft überhaupt bereit, bestehende Infrastruktur und traditionelle Prozesse der Entscheidungsfindung in Frage zu stellen? Hierzu bestehen keinerlei historische Erfahrungen. Neue Arbeitsplätze müssen nicht zwangsläufig und schon gar nicht in der EU entstehen. Schließlich veraltet Wissen - befördert durch das Internet - immer schneller. Kann die Erfahrung der älteren Mitbürger diesen Zwang zur Wissensdynamik ausgleichen?

Die Risiken - oder besser negativen Folgen - der Demographie sind in den Systemen angelegt und kommen demnach mit einer gewissen systemischen Zwangsläufigkeit auf uns zu. Die Chancen kommen nicht zwangsläufig auf uns zu. Noch weniger selbstverständlich ist es, dass diese auch genutzt werden. Ich denke, es lohnt sich, auf dieses Ungleichgewicht zwischen negativen Folgen und den Chancen hinzuweisen, sonst warten wir noch im Jahre 2030 vergeblich auf die Potenziale der Demographie.