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Donnerstag, 14. Oktober 2010

WWF Living Planet Report 2010

Vor einigen Tagen wurde die 8. Auflage des Living Planet Reports der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Medienecho war gewaltig - dennoch wird auch dieser Bericht wie so viele vor ihm bald wieder vergessen sein. Dennoch möchte ich kurz auf einige Kernergebnisse des Berichts hinweisen, die das Dilemma des uneconomic growth sehr gut vor Augen führen.



Die zentrale Botschaft ist sicherlich, dass wir inzwischen auf einem weltweiten Niveau des Konsums angelangt sind, bei dem wir im Moment Jahr für Jahr Ressourcen verbrauchen, zu deren Regeneration eigentlich 1,5 Jahre notwendig wären. Wir liegen also bereits gegenwärtig mit der Entnahme der natürlichen Ressourcen und der Belastung der Aufnahmekapazität der Biosphäre mit Emissionen um 50% über dem Wert, der eigentlich nachhaltiges Wachstum kennzeichnen würde. Das bedeutet aber auch, dass wir speziell seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts dem Planeten jedes Jahr mehr an Belastung zumuten als dieser verarbeiten kann. Man könnte auch prägnanter sagen: Wir betreiben seit 30 Jahren Raubbau und werden eines Tages dafür sicherlich - wie jeder Haushalt, der über seine Verhältnisse lebt - die "Quittung" erhalten werden. Die wichtigste Variable bei der Entwicklung ist mit Abstand die Belastung der Erde mit CO2-Emissionen, die die natürlich Aufnahmekapazität der Erde längst überfordern. Der damit verbundene ökologische Fußabdruck kann mit 2,7 ha pro Person angegeben werden, während aber bei Wahrung einer nachhaltigen Lebensweise nur 1,8 ha pro Person in Anspruch genommen werden dürften. Den weltweit größten ökologischen Fußabdruck in Form eines Flächenbedarfs von 8-11 ha pro Person weisen die Vereinigten Arabischen Emirate, Qatar, Dänemark (!), Belgien und erst an 5. Stelle die USA auf. Den kleinsten Fußabdruck hinterlassen die Einwohner von Timor, Bangladesch, Afghanistan, Haiti und Malawi mit ca. 0,5 ha pro Person auf. Bei Betrachtung des speziellen ökologischen Fußabdrucks für den Wasserverbrauch führen weltweit China, Indien und die USA die Liste mit einem Wasserbedarf von je fast 1.600 Kubikkilometern pro Jahr an.

Der vielleicht wichtigste Indikator für diesen Stress, den wir der Umwelt zumuten, ist die Artenvielfalt in verschiedenen Weltregionen. Die Vielfalt bezüglich der vom Index seit Beginn der 1970er Jahre gemessenen Arten und deren Populationen hat seit diesem Zeitpunkt um 30% abgenommen. Dieser Rückgang der Artenvielfalt betrifft vor allem die geringen Breiten, während in den höheren Breiten (womöglich aufgrund der Zuwanderung von Arten aus den mittleren Breiten - hier bleibt der Report unklar) die Artenvielfalt sogar etwas zugenommen hat.

Weitere Ergebnisse des Reports vermögen es nicht, das Bild etwas optimistischer zu malen:
  • 52% aller Fischbestände sind ausgeschöpft
  • gleiches gilt für die Top 10 der am häufigsten gefangenen Fischarten
  • jedes Jahr gehen 13 Millionen ha Wald verloren
  • 15% aller Treibhausemissionen sind der Rodung der Wälder zuzuschreiben
  • bisher konnte der Zusammenhang zwischen Wohlstand und ökologischem Fußabdruck in keinem Land aufgelöst werden
  • die Lebenserwartung ist in den Ländern am höchsten, die ein BIP/Person pro Jahr von 30.000-40.000 US$ aufweisen
  • die Biodiversität ist in den Ländern mit dem geringsten Einkommen am stärksten gesunken und in den Ländern mit dem höchsten Einkommen sogar leicht angestiegen
  • die Länder mit hohen Importen vergrößern den ökologischen Fußabdruck des Landes, in dem die Waren (wasserintensiv) produziert werden; die 140 l Wasserbedarf zur Bereitstellung einer Tasse Kaffee fallen im Erzeugerland an
  • die Ernährungsweise der Bevölkerung ist maßgeblich für die perspektivische Entwicklung der nationalen ökologischen Fußabdrücke (schlecht: Fleisch)
Als Lösungsansätze werden im Bericht vorgeschlagen:
  • negative Externalitäten endlich in die Wirtschaftlichkeitsberechnungen von Produktionen einzubeziehen und damit "ehrlich" zu kalkulieren,
  • in ausreichend Ausgleichsflächen zu investieren, um die Biokapazitäten zu erhöhen,
  • weltweit den Umfang der Aufforstung und der Abholzung in ein Gleichgewicht zu bringen,
  • Wassermanagement einzuführen,
  • den Umfang der weltweiten Fischerei einzudämmen,
  • Kennzahlen für die produktive Biodiversität zu identifizieren,
  • vollständig auf erneuerbare Energiequellen umzusteigen,
  • nationale Budgets für natürliche Ressourcen einzuführen,
  • hohe Konsumziele per se in Frage zu stellen,
  • global governance Ansätze zu entwickeln
und schließlich Langfristdenken in die Unternehmen und Politik hinein zu tragen. Allerdings bleibt auch dieser Bericht leider bei der Nennung dieser wichtigen normativen Ziele stehen und steigt nicht tiefer in die Frage ein, wer oder was eigentlich dieses Umdenken voran treiben soll. Liegt die Lösung vielleicht letztlich doch in der Selbstorganisation der betroffenen Menschen über das Internet?