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Mittwoch, 13. Oktober 2010

Die Wirtschaft entdeckt die Nachhaltigkeit

Während ich die aktuelle (analoge) Ausgabe des Glocalist Magazine durchgesehen habe, ist mir aufgrund des Umfangs innerhalb der Ausgabe gleich die „Vision 2050“ des World Business Council for Sustainable Development aufgefallen (im Folgenden ist die deutsche Fassung Grundlage der Betrachtung). Kann es der Sache der Nachhaltigkeit dienlich sein, wenn solch große und bekannte Unternehmen eine gemeinsame Studie zur Zukunft einer Welt im Jahre 2050 erstellen?

Was ist positiv hervor zu heben?

Die Liste der teilnehmenden Unternehmen (u.a. Volkswagen, Accenture, Allianz, et al.) macht deutlich, dass das Thema der Nachhaltigkeit inzwischen auch im Mainstream der Wirtschaft angekommen zu sein scheint. Dass diese Unternehmen sich an einer solchen Nachhaltigkeitsstudie beteiligen, muss zwar nicht unbedingt bedeuten, dass dieses Thema innerhalb der Unternehmen von den Führungsetagen tatsächlich auch „gelebt“ wird; mittelfristig aber können solche Studienergebnisse natürlich auch nicht gänzlich ignoriert werden.
Des Weiteren ist zu vermerken, mit welcher Eindeutigkeit bereits im einleitenden Kapitel darauf hingewiesen wird, dass „ein Szenario ´Weiter wie bisher´ weder zu Nachhaltigkeit noch zu gesichertem wirtschaftlichen und sozialen Erfolg führt“ (Seite 1).
In der Schilderung der Herausforderungen wird besonders hervor gehoben, dass solche Themen wie Wasserversorgung, Ernährung und Energie nicht getrennt betrachtet werden können, sondern in ihren Wechselwirkungen gesehen werden müssen (Seite 2). Insbesondere kommt nach Meinung der Autoren der Berücksichtigung negativer externer Effekte, die Verdopplung des landwirtschaftlichen Ertrages, der Beendigung der Abholzung, der Halbierung der Co2-Emissionen, der Verfügbarkeit klimaschonender Mobilität und der effizienteren Nutzung von Rohstoffen eine besondere Bedeutung zu.
Abschließend ist positiv anzumerken, dass die Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht, als Chance für die Wirtschaft und damit im Umkehrschluss auch wieder der Menschheit gesehen wird. Ordnungstheoretisch ist es optimal, wenn die Wirtschaft quasi die Nachhaltigkeit als Geschäftsmodell entdeckt.

Was ist aber kritisch anzumerken?

Methodisch ist, zumindest in Bezug auf die vorliegende Kurzfassung, kritisch anzumerken, dass die Version 2050 eine rein normativ-deskriptive Zukunft darstellt, die jedoch die empirisch relevanten Wechselwirkungen, auf die zu Anfang deutlich hingewiesen wird, vollkommen unberücksichtigt lässt. Symptomatisch dafür sind auf den Seiten 12 und 13 ausgerechnet die Themensäulen, die zu Anfang der Studie als Ausdruck des Silo-Denkens als unzureichend bezeichnet werden. Wieso lassen die Autoren der Studie innerhalb ihrer Publikation einen solch offensichtlichen Widerspruch zu?
In Umkehrung der heutigen Verhältnisse (Wasserverschwendung) werden außerdem für 2020 und die nachfolgenden Jahre einfach linear-reziproke Fortschreibungen angenommen (es gibt keine Wasserverschwendung). Woher nehmen die Autoren die Gewissheit oder die Erkenntnis darüber, wie sich die Entwicklung hier gestalten wird? Leider wird zu Anfang der Studie auch nicht erwähnt, ob ein solches Zukunftsszenario „erwünscht“ oder „erwartet“ wird. Methodisch und für die Interpretation der Studie würde eine solche Unterscheidung aber immens wichtig sein.
Kritisch ist weiterhin anzumerken, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass das Zukunftsszenario rein deterministisch zustande gekommen ist. Wieso wird ausgerechnet die Förderung von Forschung im Agrarbereich, der Einsatz der Steuerpolitik zur Schaffung von Arbeitsplätzen, die Bedeutung der Medien, die energetische Sanierung der Eigenheime und die Förderung der Mobilität hervor gehoben? Dies geht leider aus der (Kurzfassung der ) Studie nicht hervor. Die Vermutung liegt nahe, dass die Aussagen direktes Ergebnis der Teilnahme entsprechender Akteure aus diesen Bereichen sind.
Das größte Manko der Studie ist aber die fehlende Vorstellung davon, wie Lösungsansätze erarbeitet werden könnten und wie die Veränderungen, die auch von Seiten der Wirtschaft ja durchaus zu wünschen sind, überhaupt auf den Weg gebracht werden könnten. Wie soll eigentlich der Einstieg der Wirtschaft in die Nachhaltigkeit als Geschäftsmodell vonstatten gehen? Die Studie verweist in diesem Zusammenhang auf die offenen Fragen, die genau an dieser Stelle auch entstehen. So wird auf Seite 11 ganz richtig die einfache Frage gestellt: „Wer beginnt mit den Veränderungen“. Diese Frage ist aus meiner Sich eigentlich der zentrale Punkt, bei dem man eigentlich den Ansatz einer Antwort erwartet hätte.
Dass wir ein Problem mit der Abholzung der Wälder haben, dass Mobilität gegenwärtig unnötig viele CO2-Emissionen verursacht, dass Wasser ein knappes Gut ist, dass wir perspektivisch ein Ressourcenproblem bekommen und dass die landwirtschaftlich nutzbare Fläche immer kleiner wird, wissen wir seit dem ersten Bericht des Club of Rome aus dem Jahre 1972.

Die Frage, die auch nach dieser Studie unbeantwortet bleibt, ist: Warum ändern wir unser Verhalten nicht?